Gastbeitrag von Alexander Mattheis

Münchner Schauspieler: Wir sollten die Botschaft dieses Dramas hören

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Alexander Mattheis spielt aktuell den Tempelherrn in dem Theaterstück „Nathan der Weise“. 

Viele von uns kennen das Drama „Nathan der Weise“ (1779) von Lessing, weil sie das gelbe Reclam-Heft in der Schule gelesen haben. Die Botschaft ist heute wichtiger denn je, schreibt der Münchner Schauspieler Alexander Mattheis. 

Die Bedeutung meiner Rolle im Theaterstück „Nathan der Weise“ ist in der heutigen Zeit wichtiger denn je. Ich verkörpere den Tempelherrn - eine Figur mit vielen Facetten. Im Grunde seines Herzens ist der Tempelherr ein junger Mann auf der Suche nach Idealen, die ihm von seiner Religion eingepflanzt wurden. Durch die aufkeimende Liebe zu einer Jüdin, die ihn komplett verwirrt, und durch die Ereignisse in Jerusalem, stellt er diese Ideale im Laufe des Stücks immer wieder in Frage. Er fällt wieder zurück in alte Verhaltensmuster und erkennt zum Schluss, dass Menschlichkeit über allen Dingen steht. 

Der Tempelherr ist ein Paradebeispiel für die Instrumentalisierung junger Menschen zu religiös-fanatischen Ideologien, wie wir sie zur Zeit unter anderem im sogenannten "Islamischen Staat" (IS) wiederfinden. Die Aussage von Nathan: „[...] Wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu heißen! [...]" verändert die Sichtweise des Tempelherrn zum ersten Mal grundlegend.

„Nathan der Weise“ hat eine wichtige Botschaft: sich entschlossen gegen jede Art religiösen Fanatismus und Fremdenfeindlichkeit zu stellen.

Kultur wird nicht überflüssig - im Gegenteil: Sie ist Rückgrat einer starken Gesellschaft

Des Öfteren schlagen mir Sätze entgegen wie „Ins Theater geht heute doch keiner mehr“. Gegensätzlich hört man von Veranstaltern: „Wir sind heute ausverkauft, und das mit einem Klassiker. Dass das so gut funktioniert, hätte ich nicht erwartet.“

Seitdem sogar Landestheater vereinzelt zu Gastspielen aufbrechen, ist der Tourneetheater-Markt noch härter umkämpft als bisher. Im Osten treten wir leider generell selten auf, dies kann bedingt sein durch weniger finanzstarke Veranstalter, die bevorzugte Buchung von regionalen Theaterproduktionen oder die generelle Einsparung bei Kulturveranstaltungen.

Ein eingeschränkter oder defizitärer Zugang zu Kultur, sei es Theater, Musik, Museen oder Ähnliches, hat auf kurz oder lang einen Klassenunterschied zur Folge. Durch solche Unterschiede, die von Geldern abhängig sind, können Neid und Missgunst sowie Unverständnis herbeigerufen werden.

In manchen Ländern werden die Ausgaben für Kunst und Kultur derzeit drastisch gekürzt, um die eingesparten Mittel dem Militär-Etat zukommen zu lassen. Es erweckt den Anschein, als wäre Kultur überflüssig, als könne man sie ohne Konsequenzen reduzieren wenn es in der Haushaltskasse knapp wird.

Im Gegenteil. Kultur ist das Rückgrat einer starken Gesellschaft. Kultur kann Menschen verbinden , Kultur kann bilden. Für mich als Künstler ist das Schönste an meinem Beruf, dass ich mit meiner Arbeit Menschen berühren und bewegen kann. Sie für ein paar Stunden oder oft auch nur für Momente aus ihrem eigenen Alltag herauslocken und sie in eine Welt voller Emotionen entführen kann. Ich verstehe mich als einen Botschafter für Emotionen. In einer Welt, in der der Leistungsdruck auf die Menschen immer weiter steigt, getrieben vom Gespenst der Umsatzoptimierung des Kapitalismus, ist es wichtig, sich einen Moment Auszeit zu gönnen, auszusteigen aus dem sich ständig drehenden Karussell. Gefühle und Emotionen sind es, die uns als Menschen ausmachen. Wir empfinden Glück und Freude wenn wir Gefühle erleben können. Es gibt uns einen extra Schub „Leistungsfähigkeit“, wenn man so will.

Es schwingt immer ein gewisser „Bildungsauftrag“ mit. Kunst und Kultur stehen immer wieder im Verruf, nichts für „den kleinen Mann/die kleine Frau“ zu sein – zu langweilig, zu intellektuell, zu abgehoben. Für mich stellt sich der Bildungsauftrag optional, aber nicht zwingend dar. Manche Geschichten benötigen keine Moral. Kunst und Kultur haben die Möglichkeit, Denkanstöße mitzugeben. Diesen Denkanstößen kann man als Zuschauer dann nachgehen, oder eben nicht. 

Gerade zur heutigen Zeit, mit all ihren Geschehnissen, empfinde ich Kunst und Kultur als nicht wegzudenkenden und wichtigen Bestandteil der Gesellschaft.

Diesen Gastbeitrag schrieb der Münchner Schauspieler Alexander Mattheis, der gerade mit dem a.gon-Theater durch Deutschland, Österreich und die Schweiz tourt.Am 11. Mai spielt das Ensemble in Garching. Es ist die letzte Vorstellung der Tournee. 

Lesen Sie hier alle Gastbeiträge, die wir auf unserer Nachrichtenseite gesammelt haben. Lesen Sie zum Beispiel den Gastbeitrag des Dirigenten der Münchner Taschenphilharmonie, des kleinsten Sinfonieorchesters der Welt. Darin schreibt Peter Stangel, warum es eine gute Idee ist, klassische Musik zu hören. Viel Aufmerksamkeit haben auch die Gastbeiträge des Münchner Comedian Simon Pearce („An alle Münchner, die glauben, in einer toleranten Stadt zu leben“) und des YouTubers Rayk Anders („Islamkritiker, eure Dummheit kotzt mich an“). 

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