S-Bahn München: Personen im Gleis - Stammstrecke dicht

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Humorist in der Black Box

Auftritt im Gasteig: Das ist Polts München

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Gerhard Polt gastierte im Rahmen der VHS-Reihe Metropolis und wurde von Christoph Lindenmeyer befragt.

München - Eine halbe Stunde vor Beginn ist die Schlange am Donnerstagabend vor der Black Box im Gasteig schon rund 20 Meter lang. Alle wollten hören, was Gerhard Polt (72) über München zu sagen hat.

Polt gastierte im Rahmen der VHS-Reihe Metropolis und wurde von Christoph Lindenmeyer befragt. Vor allem erinnerte sich Polt an die Zeit als Bub, der mit neun aus Altötting ins zerbombte München in die Amalienstraße zurückkehrte.

Polt über...

...Gerüche 

Jede Stadt hat ganz eigene, aber vielfältige Gerüche. Ich habe etwa mal beschrieben, wie eine Fettwolke auf Weihrauchgeruch prallt. Die beiden Gerüche waren entsetzt. Als ich nach dem Krieg mit neun Jahren wieder nach München in die Amalienstraße zog, gab es viele Handwerker-Gerüche. Das Viertel war voll von Schreinern, Polsterern, Metzgern und und und. Ich erinnere mich an einen Geruchskrieg zwischen dem Cafe Schneller und einem Fischgeschäft, das direkt daneben eröffnete. Der Fisch siegt ja meistens. Das Geschäft ist irgendwann wieder ausgezogen, dafür kam eine Bank. Ich erinnere mich, wie Frau Schneller sagte: „Gott sei Dank! Geld stinkt nicht.“ Zu den typischen Gerüchen des Viertels zählte auch die Kohle. Gleich nebenan war einer dieser Kohlehändler. Der hatte seine Kohlen immer gespritzt. Er behauptete, damit sie nicht so stauben. Meine Oma sagte, damit sie schwerer werden. Das sind zwei Interpretations-Ansätze …

...Bei der Oma 

Meine Großmutter lebte mit sechs Mietparteien in einer Wohnung in der Amalienstraße, das war nach dem Krieg ganz normal. Man teilte sich WC, Küche, Bad. Man solidarisierte sich für oder gegen jemanden, man musste alles teilen. Da gab’s zum Beispiel einen ungarischen Baron, eine Generalstochter und einen Bier-Ausfahrer bei Pschorr. Der hatte ein Bierdeputat und trank am Samstag manchmal zwei Tragerl. Das war dem ungarischen Baron vollkommen neu. Die Gemeinschaft war wie Aliens. Sehr lebendig. Ich erinnere mich an eine baltische Adelige namens von Flegesack. Mit diesem typisch baltischen aristokratischen Singsang. Einmal sagte sie zu meiner Mutter: „Sie müssen wissen, gnädige Frau, ich habe schon mit dem Zaren getanzt.“ Und meine Mutter: „Mit welchem, gnädige Frau?“

...Sozialkultur der Buben

Ich war einmal auf einem Klassentreffen, und von drei Stunden wurden zwei über die Prügel geredet, die wir bezogen hatten. Dadurch wurde die damalige Lust, Streiche auszuhecken, umso spannender – und die Schadenfreude, wenn einer erwischt wurde. Wenn man es nicht selbst war. Wenn also einer so blöd war, ertappt zu werden. Das war gelebte Sozialkultur.

...Straßenbanden 

Ich gehörte zur Amalienbande. Die Türkenbande aus der Türkenstraße waren mehr, aber wir waren tapferer. Ich weiß noch, dass wir einen Türkenstraßler mal gefoltert hatten, der uns in die Hände fiel. Mit dem Brennglas meiner Oma schmorte ich seine Zehen an. Er hat geschrien wie am Spieß. Da wussten wir: Er ist schuldig. Für uns waren die zerbombten Straßen ein Paradies zum Spielen. Wunderbar, was man da alles finden und wo man sich überall verstecken konnte.

...U-Bahn 

Ab und zu gibt es einen Außenseiter, der auffällt – weil er keine Ohrenstцpsel trägt und nicht auf sein Handy schaut. Ich bin fasziniert, wie diese Handy-Nutzer U-Bahn fahren können und, obwohl sie nie aufschauen, trotzdem wissen, wo sie aussteigen müssen. Ein Wunder.

...Kulturreferenten 

Ich frage mich ganz naiv, was die Aufgabe eines Kulturreferenten ist, ja, was Kultur ist. Müsste dieser Referent nicht der Revolutionär sein unter seinen ganzen Referenten-Kollegen? Einer, der sich mit einer Fackel über Nacht vor das Baureferat stellt und protestiert: „Dieser oder jener hässliche Neubau kommt nicht – oder nur über meine Leiche!“

...Christkindlmärkte

Auch hier gilt: Jeder Christkindlmarkt riecht anders, auch die Glühweine. In Schwabing ganz anders als am Marienplatz. Da fällt mir eine nette Geschichte ein: Die damaligen Biermösls spielten mal auf dem Rathausbalkon zur Adventszeit ganz leise und behutsam Völker, höret die Signale. Ein Stadtrat hat’s dennoch bemerkt und sich empört. Es klang wie ein Adventslied. Es war ein wunderbarer Klangteppich, der sich da über den Düften des Markts ausbreitete.

...Wo sind schöne Plätze? 

Ich kenne in München – aber auch sonstwo – nach dem Zweiten Weltkrieg keinen einzigen schönen, neu gestalteten Platz. Der zum Verweilen, zum Treffen einlädt, auf dem man sich wohlfühlt.

...Maximilianstraße

Als wir an den Kammerspielen München leuchtet spielten, erkannte ich das erste Mal das Wesen der Maximilianstraße: In Moshammers Laden war lange eine Krawatte für 90 Mark in der Auslage, die keiner kaufen wollte. Auf einmal kostete sie 400 Mark – und kurze Zeit später war sie verkauft.

...Verdichtung

Früher gab es Hinterhöfe, Gärten, Freiräume. Heute zählt jeder Quadratzentimeter, alles wird zubetoniert. Das bewirkt ein anderes Lebensgefühl. Früher hieß es Luxussanierung, heute Gentrifizierung. Gleiche Sache, neues Etikett. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, ein Viertel künstlich aufzuwerten. So dass man auf 30 Quadratmetern für 980 Euro in der „Residenz München“ wohnt. Dort können Sie dann residieren. Auf 30 Quadratmetern.

AUFGEZEICHNET VON MATTHIAS BIEBER

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