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Joe Sacco: Der Journalist mit dem Zeichenstift

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Von: Michael Schleicher

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Porträt des Comic-Zeichners Joe Sacco.
Geschwister-Scholl-Preisträger 2021: Joe Sacco. © Daniel Mordzinski

Der Geschwister-Scholl-Preis geht in diesem Jahr zum ersten Mal an einen Comic. Ausgezeichnet wird „Wir gehören dem Land“ von Joe Sacco.

Was für eine gute, kluge Entscheidung! Zum ersten Mal geht der Geschwister-Scholl-Preis an einen Comic-Künstler. Der bayerische Landesverband im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Stadt München haben alles richtig gemacht bei ihrer Entscheidung, die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung an Joe Sacco für sein Buch „Wir gehören dem Land“ zu vergeben.

„Wir gehören dem Land“ erzählt von den Dene in Kanada

Das Werk, dessen deutsche Übersetzung bei der Edition Moderne erschienen ist, erzählt von den „First Nations“ in Kanada, im Zentrum stehen die Dene, ein indigenes Volk im Nordwesten des Landes. Sacco, der 1960 in Malta geboren wurde und seit vielen Jahrzehnten in den USA lebt, schildert seine Reisen zu den Menschen, die Begegnungen mit den Dene. Er erzählt von ihren Verhandlungen mit der kanadischen Regierung, mit Erdöl- und Diamantenkonzernen, die ihr Land zerstören, dokumentiert das Verschwinden ihrer Sprache und Kultur, schildert Problemen wie Armut, Gewalt, Missbrauch, Drogen- und Alkoholsucht.

Künstlerisch umgesetzt hat er seinen Bericht in detaillierten Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die sich oft über die ganze Seite erstrecken und somit die im klassischen Comic typische Panel-Struktur, also die Abfolge deutlich voneinander abgehobener Einzelbildern, sprengt. Dadurch erhält sein Werk eine größere Dynamik, holt den Leser sehr viel näher an das Geschehen heran.

„Wir gehören dem Land“ ist der erste Comic, der den Geschwister-Scholl-Preis erhält

„Wir gehören dem Land“ ist der erste Comic, der den renommierten Scholl-Preis erhält. Auch Sacco ist in der Branche ein Pionier. Der 61-Jährige ist ein Journalist mit dem Zeichenstift und gilt als einer der Erfinder der Comic-Reportage. In jedem Fall hat er diese Darstellungsform weltweit bekannt gemacht und als journalistisches Werkzeug etabliert – gerade wenn es um die Berichterstattung aus Krisen- oder gar Kriegsgebieten geht. Damit hat er viel dafür getan, dass der Comic als eigenständige Kunstform wahrgenommen wird. Zudem hat Sacco mit den Möglichkeiten des Genres experimentiert und diese erweitert.

Anfang der Neunzigerjahre bereiste er Israel und die palästinensischen Gebiete; das zweibändige Werk „Palästina“ wurde 1996 auch außerhalb der Comic-Szene wahrgenommen. Kurze Zeit später reiste er in die bosnische Enklave Goražde und hielt das Leid der Zivilbevölkerung im Bürgerkrieg fest; „Safe Area Goražde“ erschien 2000, die deutsche Übersetzung „Bosnien“ folgte 2010.

Joe Sacco kommt zur Preisverleihung am 29. November

Sacco ist sich bewusst, dass die Comic-Reportage – ebenso wie die ausschließlich geschriebene – stets subjektiv ist. Gleichwohl stellte er im Gespräch mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ einmal fest: „Die Comic-Kunst bietet sich fürs Dokumentarische an: Sie ist nach außen orientiert, verbindet aber Non-Fiction mit Subjektivität. Kurz: Der Comic kann mehr – auch puncto Ehrlichkeit.“ Ein Glück, dass die Jury des Geschwister-Scholl-Preises das nun erkannt hat. Am 29. November wird die Auszeichnung an Joe Sacco in München verliehen.

Informationen zum Buch:

Joe Sacco: „Wir gehören dem Land“. Edition Moderne, Zürich, 256 Seiten; 25 Euro.

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