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Gounods „Faust“ am Staatstheater Augsburg: Mein Feind, der Mann

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Von: Markus Thiel

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Alejandro Marco-Buhrmester und Jihyun Cecilia Lee.
Frauen im Angebot: Méphistophélès (Alejandro Marco-Buhrmester) präsentiert Marguerite (Jihyun Cecilia Lee) in Jochen Biganzolis drastisch-schmuckloser Inszenierung von Gounods Oper. © Jan-Pieter Fuhr

Keine billige #MeToo-Aktualisierung ist dieser Abend, sondern eine Sezierung der ewigen Männerschweinewelt, schmucklos, desillusionierend, betont kühl und deshalb oft umso drastischer. Die Premierenkritik zu Gounods „Faust“ am Staatstheater Augsburg.

„Mein Herz ist voller Angst“, jammert er bei der finalen Begegnung. Und sie? Quittiert das mit zynischem Auflachen. Nichts hat dieser Faust kapiert. Frauen sind in seinem Frack-Kerle-Kosmos nur Objekte und Projektionsflächen, vielleicht auch Verschönerung fürs nette Date zwischendurch. Doch wenn’s mal ernst und brutal wird wie nach dem Mord am ungewollten Kind, macht er nicht mehr auf dicke Hose, sondern hat selbige plötzlich voll.

Leicht wäre es, für Charles Gounods „Faust“ das große #MeToo-Besteck herauszuholen. Das würde ja auch passen, erst recht zu Goethes Vorlage. Und trotzdem hakt Regisseur Jochen Biganzoli nicht die Aktualisierungs-Checkliste ab. Es ist eine Sezierung der ewigen Männerschweinewelt, schmucklos, desillusionierend, betont kühl und deshalb oft umso drastischer. Dafür braucht es auch nicht mehr als Wolf Gutjahrs weißen Bühnenkasten, dessen Hinterwand sich oft bedrohlich an die Rampe schiebt. Oder die Videos von Jana Schatz, dank derer man Marguerite auf einsamen Gängen durchs nächtliche Augsburg und beim scheuen Date mit Faust begleitet.

Ohrfeigender Bub und ein brennender Kinderwagen

Gerade weil Gounods Musik einen mit Kulinarik überfällt, wirken Biganzolis Kontrapunkte umso stärker. Aus der berühmten Walzer-Szene zum Beispiel ist alle Gefälligkeit gewichen zugunsten latenter Aggressivität. Und in der Kirchenszene platziert Méphistophélès zwei Kinder am Küchentisch, wobei der ohrfeigende Bub schnell die Oberhand übers Mädchen gewinnt: So früh geht das schon los mit dem Machismo. Der Abend bewegt sich klug zwischen Symbol (der brennende Kinderwagen) und Realität. Auch rein handwerklich ist das mehr als überzeugend. Bis ins Detail ist alles erfühlt und erfüllt, den famosen, fast individuell geführten Choristen müsste man eigentlich Solistengagen zahlen. Kommt es zu ein, zwei plakativen Momenten, drückt man da gern ein Auge zu.

Und es gibt einen Perspektivenwechsel. Nach der Pause, wenn noch einmal (!) die Ouvertüre ertönt, rückt der Abend Marguerite in den Fokus. Biganzoli lässt vor allem in den Videos die Möglichkeit einer Zweisamkeit aufscheinen, um diese an männlicher Ich-Bezogenheit scheitern zu lassen.

Dazu passt sogar, dass nicht alle Partien aus dem Stil-Lehrbuch besetzt sind. Alejandro Marco-Buhrmester mag das Dämonische und manch Tiefenresonanz fehlen, dafür macht er sich gut als aalglattes Alpha-Tier und eiskalter Faust-Kumpel. Für Letzteren bringt Jacques le Roux eher robustes Tenor-Material mit, das er aber gut dosieren kann. Natalya Boeva als androgyner, sehr präsenter Siebel ist in dieser Riege fast überbesetzt.

Jihyun Cecilia Lee als Marguerite überstrahlt alle

Generalmusikdirektor Domonkos Héja sorgt dafür, dass keiner klanglich unter die Räder kommt. Fein austariert ist seine Deutung, bei aller satten Substanz flexibel. Mehrfach scheint es, als ob Héja und die klangschönen Augsburger Philharmoniker dem klassischen Gounod-Ideal huldigen, während das von der Bühne konterkariert wird. Gegen Ende kommt es sogar zu Bombast-Anflügen – eigentlich erstaunlich, was die Ausweichspielstätte des Martini-Parks akustisch so aushält.

Überstrahlt wird alles von Jihyun Cecilia Lee als Marguerite. Die Agilität für die Juwelen-Arie bringt sie mit, aber auch Kraft und Energie fürs Finale. Man verfolgt (eng orientiert an Marguerites Metamorphose), wie Belcanto sich wandelt zur Charakterkunst. Unbedingtes, Wahrhaftiges ist da manchmal wichtiger als das Töne-Collier. Und auch wenn diese an der Tragödie gereifte Frau im Finale die Pistole in der Hand hält: Minuten später verlässt sie die Bühne, um frustriert durchs Parkett davonzueilen. Männer sind es nicht mal wert, dass man sie abknallt.

Nächste Vorstellungen
am 12., 25. Februar sowie am 13. und 25. März..

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