FC-Bayern-Trainer liest Gedichte

Guardiola im Literaturhaus: Erst Lyrik, dann Leder

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Ein launiger Abend: Pep Guardiola hat im Literaturhaus Gedichte vorgelesen.
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Ein launiger Abend: Pep Guardiola hat im Literaturhaus Gedichte vorgelesen.

München - Pep mal ganz anders: Im Literaturhaus hat der FC Bayern-Trainer Gedichte des katalanischen Dichters Miquel Martí i Pol vorgelesen. Dabei war so einiges zu erfahren - über beide.

Am Mittwoch Auftakttraining mit dem FC Bayern, am Dienstag im Literaturhaus der ganz andere Weltklasse-Trainer: Pep Guardiola (44) stellte Gedichte seines katalanischen Landsmannes Miquel Martí i Pol (1929 - 2003) vor, las in seiner Heimatsprache, der wunderbare Schauspieler Thomas Loibl die deutsche Übersetzung, alles launig und kompetent moderiert von Michael Ebmeyer. Pep poetisch, Pep über seinen Ruhe-Pol - Respekt! Klaus-Dieter Lehmann, Chef des mit-veranstaltenden Goethe-Instituts, süffisant: „Ich hoffe insbesondere für die Bundesliga, dass das Schule macht.“

Sein Dichter-Freund Miquel hat Guardiola und Gattin sogar einen Gedichtband gewidmet. Pep bescheiden: „Er hatte manchmal so komische Einfälle.“ Der Bücherwurm Pep hatte übrigens als Kicker bei Barcelona einen Mitspieler, der ähnlich drauf war: Luis Enrique. Merke: Wer belesen ist, trainiert irgendwann Barcelona (Enrique) oder Bayern (Pep). Und jetzt zum Spielbericht:

So spricht Pep

Miquel Martí i Pol sagte mir: „Die Poesie ist die Kunst der Armen.“ Miquel setzt sich für die Schwachen und Unterdrückten in seinen Gedichten ein. Sind diese frühen Gedichte nostalgisch? Nein, große Gedichte sind immer aktuell. Dass die Herrscher ihre Macht auf dem Rücken der Beherrschten, die ein Leben voller Entbehrungen fristen, austragen, ist heute genauso aktuell. Es war ein Privileg, Miquel besuchen zu dürfen. Und jedes Mal, wenn ich ihn verließ, ging ich als besserer Mensch. Er hatte eine wunderbare Art, einen wieder auf den Teppich zu bringen. Und niemand hat so packend und mitreißend über Tod und Liebe gesprochen und geschrieben wie er.

Kennengelernt habe ich ihn über einen befreundeten katalanischen Sänger, der wusste, dass ich Pols Werk verehre. So entstand eine lange Freundschaft, die vor allem für mich inspirierend war. Weil ich ja seine Bücher lesen, aber er nicht mehr mit dem Fußballspielen beginnen konnte.

Miquel litt an Multipler Sklerose, was sein Sprachvermögen stark beeinträchtigte. Und obwohl er sich nach wie vor viel Besuch einlud - teils Schulklassen -, musste er doch stärker nach innen blicken. Pols Sprache war bildgewaltig und dabei doch klar. Gedichte können Dinge auf den Punkt bringen, über die man kaum spricht.

Wenn ich heute Abend vortrage, fällt mir das nicht leicht. Denn Gedichte sind intim, ich lese sie eigentlich privat. Allerdings habe ich auch Miquel vorgelesen, obwohl es mir peinlich war. Da saß ich in diesem engen Zimmer über dem Fluss, und Miquel hat gelächelt und sich gefreut, fand Vergnügen am Klang der Worte.

Er fragte mich mal, was Fußball mit Poesie gemeinsam hat. Ich sagte: gar nichts. Fußball ist Mannschaftssport, Poesie ist das geistige Werk eines Einzelnen. Aber ich glaube, die Frage hat er nur gestellt, um über Fußball zu sprechen. Er war schließlich glühender Barca-Fan. Ich glaube, dass eine Erzählung das beste Medium ist, um über Fußball zu schreiben. Mit Prosa kann man besser einen „Spielbericht“ verfassen, womit ich nicht meine, dass man stur die Fakten aufzählt, wann in welcher Minute ein Tor gefallen ist. Ich finde, es gibt viele wunderschöne Artikel in den Zeitungen, die eben den Kern eines Spiels erfassen. Überhaupt eint Sport und Literatur: Man will ein Werk schaffen. Von der Idee über die Entwicklung bis zum Ende. Bis zum Abpfiff.

Ich bin nicht hier, um Botschafter katalanischer Kultur zu sein. Aber natürlich freue ich mich, wenn ich das Interesse an unserer unglaublich reichen Kultur wecken kann. Ich muss noch mit einem Märchen aufräumen: Ich habe niemals Gedichte vorgelesen, um meine Kicker zu motivieren. Wie gesagt: Lyrik ist persönlich. Aber ich verschenke schon mal ein Buch an interessierte Spieler.

So wirkt Pep

Der Elegante. Der Exzentriker. Pep, Perfektionist: So erleben wir ihn am Spielfeldrand. Dort steht er unter Druck. Unbedingt leistungsbereit, aufs Gewinnen fokussiert. Ganz anders im Literaturhaus: Dort zeigt Guardiola eine fast unbekannte Seite - den leidenschaftlichen Literaturliebhaber. Im schlichten schwarzen T-Shirt, beiger Stoffhose und weißen Turnschuhen sitzt er auf der Bühne. Ganz entspannt. Nicht wie sonst im Stadion: unter Hochspannung, wild gestikulierend, im schicken Dreiteiler mit Krawatte und feinen Schuhen.

Auf dem Spielfeld Literaturhaus kann Pep sich ausprobieren. Während der gesamten 90 Minuten sitzt er still. Liest mit ruhiger, konzentrierter Stimme. Entspannt, aber kraftvoll. Die dramaturgisch knisternden Pausen zelebriert Pep ganz natürlich, unaufgesetzt, ohne Pathos - dennoch spürt man: In ihm brodelt es, er weiß genau, was er liest - und was er liebt. Ab und an schiebt er das Kinn nach vorn, reißt er den rechten Mundwinkel hoch und knurrt fast. Dann wird seine Stimme wieder sanft. Alles fließt. Was für ein Gegensatz zum Spektakel in der Allianz Arena!

Im Publikum ist es ganz still, während Guardiola die Gedichte vorträgt. Der Inhalt: tiefgründig, aber lebensnah. Es geht um Liebe und Schmerz, harte Arbeit und Verlust. Und als Parallele zum Fußball: „Alle Wege sind zum Laufen geeignet“, liest Pep. Das würde wohl auch Thomas Müller gefallen.

Matthias Bieber

 

Stichwort: Miquel Martí i Pol

Er ist die wohl berühmteste Stimme Kataloniens - seine Gedichte wurden mehr als die jedes anderen auch in Lieder verpackt: Miquel Martí i Pol (1929 - 2003) wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und prangerte immer wieder die Not der Arbeiterklasse an. Er wurde Mitglied der Partit Socialista Unificat de Catalunya, die in der Franco-Diktatur verfolgt wurde. Pol war auch als Übersetzer tätig (u. a. Flaubert, Zola, Racine, Saint-Exupéry). Seinen Gedichtband Das Buch der Einsamkeiten (1995 - 1997) widmete er dem damaligen Barça-Spieler Pep Guardiola und seiner Frau Cristina Serra. Pol war leidenschaftlicher Fan des FC Barcelona.

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