Die Hexe ist der Abräumer

"Hänsel und Gretel": Die Doppel-Kritik

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Marke unangenehme alte Vettel: Rainer Trost als die Knusperhexe war der Abräumer im Nationaltheater

München - Wie finden die achtjährige Schülerin Anna sowie tz-Kritikerin Beate Kayser die neue "Hänsel und Gretel"-Aufführung in der Staatsoper? Die Doppel-Kritik.

Bei einem neuen „Hänsel und Gretel“ besteht immer die Elternangst, dass eine moderne Regie den Zugang für Kinder erschwert. Wir hatten die achtjährige Kinderkritikerin Anna in der Staatsoper dabei, die alle Zweifel ausräumt. Hier lesen Sie, Anna und unsere tz-Kritikerin Beate Kayser das Stück fanden. Beide hätten allerdings gern Übertitel gehabt. Da wurde am falschen Ende gespart.

Schülerin Anna (8):

Anna (8) und tz-Kritikerin Beate Kayser waren zusammen in der Staatsoper

Ich fühle mich wie eine Prinzessin, als ich im ersten Stock durch die schönen Räume gehe. Die Kronleuchter an den Decken sind sehr schön. Und die Farben an den Wänden finde ich toll – überall das Weißblau, und im mittleren, großen Spiegelsaal tut mir irgendwann mein Nacken weh, weil ich andauernd nach oben zur roten Decke gucke. Aber im Kinderzimmer möchte ich die Farbe dann doch nicht. Dann klingelt es endlich, und ich darf ins Theater! Ganz allein bin ich erst einmal drinnen, weil die Menschen draußen noch reden oder Sekt trinken.

Die Zeit wird immer länger. Wann geht es endlich los?! Schließlich schließt wer die roten Türen, und das Licht geht aus.

Hänsel und Gretel können sehr gut singen und spielen. Wie machen die das bloß? Ich singe ja auch im Chor und hab schon in Theaterstücken mitgemacht, aber so rumturnen und gleichzeitig so toll singen? Das versteh ich nicht! Hänsel war anscheinend hier eine Frau. Die Eltern haben auch sehr gut gespielt, und singen konnten sie auch schön. Die Räume im Hintergrund waren sehr gut zu erkennen. Als Hänsel und Gretel im Wald um Hilfe gerufen haben, war da ein wunderbares Echo! Meine Lieblingsstelle im ganzen Stück. Die Kinder, die zum Schluss alle wieder lebendig wurden, konnten so gut still stehen, dass ich sie für Puppen gehalten habe. Erst, als sie dann wie auf Kommando alle loshüpften, sah ich, dass es wirkliche Kinder sind.

Die Hexe hat hier ein Mann gespielt – und das war zuerst ziemlich gruselig, weil die Stimme so tief war. Hänsel und Gretel haben wirklich auf der Bühne gegessen und sich dreckig gemacht. Wie auch die Hexe beim Backen. Im Ofen sah es wirklich aus, als wäre da Feuer drinnen. Und als die Hexe am Ende gebraten als riesendickes Monster auf den Tisch kam, sind ganz am Schluss alle über sie hergefallen. Das war zwar anders als im Märchen, aber ich fand’s lustig. Das Orchester hat richtig auf die Lautstärke geachtet, und beim Dirigenten konnte man gut erkennen, wie man spielen sollte. Wenn ich eine Schulnote vergeben würde für die ganze Opernaufführung, dann wäre es eine eins.

tz-Expertin Beate Kayser:

Das schwere Leichte ist geglückt. Die Bayerische Staatsoper hat eine neue „Hänsel und Gretel“-Aufführung, die ihr mit 47 Jahren nun nicht gerade zu früh abgesetztes Vorläufermodell mühelos ersetzt. Man sollte sich eingestehen, dass die steinalte vorige Inszenierung auch an ihrem ersten Tag über braves Mittelmaß nicht hinaus kam.

Bedenken gab es aber jetzt im Vorfeld. „Neu“ war dieses „Hänsel und Gretel“ kaum. Es handelt sich um eine sechs Jahre alte New Yorker Met-Produktion von Richard Jones und in München vom Assistenten einstudiert wurde. Jones hatte am Sonntag in Hamburg noch eine Premiere. Alles nicht so toll, wenn man Nikolaus Bachlers ehrgeizige Darstellung seines Exzellenz-Hauses bei der Pressekonferenz im Ohr hat.

Was zählt, ist das Ergebnis: Ein glänzend besetzter Abend voller Witz, Charme und Poesie, mit einem Dirigenten, der wie gebacken ist für dieses Stück in seiner originellen Machart – kindlich einerseits, vom Märchen bestimmt, aber angestrahlt auch von der starken Sonne Richard Wagners, dem der Komponist Humperdinck ja in Bayreuth als Assistent diente.

Der Tscheche Tomás Hanus schlägt einen weichen, runden Ton an, in dem die zarten, scheinbar mit Nichts gemachten Wald-Stimmungen poetisch aufblühen. Die Kinderlieder haben einen frischen, lebendigen Ton.

Wann hat man je ein so bewegliches und nie gewollt naives Geschwisterpaar erlebt wie Tara Erraught und Hanna-Elisabeth Müller? Anjali Mehra hat ihnen heutigere Bewegungsmuster beigebracht als den alten Ringelreihen. Janina Baechle und Alejandro Marco Buhrmester geben ein jugendlich-stabiles Elternpaar her. Abräumer wird die Knusperhexe von Rainer Trost.

Es geht um Hunger, um Nahrungsmangel und Völlerei, wenn endlich was da ist. So arbeiten Jones und sein Bühnenbildner John Macfarlane mit Mund, Zunge, Besteck, Tellern und wildem Essens-Herumgeschmiere, und die 14 Engel erscheinen den Kindern im Traum als vierzehn Köche. Das ist mit Pfiff und Humor gemacht, beschädigt das Stück aber nie. Sehr sehr herzlicher Applaus.

Weitere Aufführungen: 27. März, 1., 4. und 7. April. Karten unter Tel. 0 89/ 21 85 19 20

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