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„Hänsel und Gretel“ an der Stuttgarter Staatsoper: Da stimmt was nicht

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Von: Markus Thiel

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Ida Ränzlöv, Rosie Aldrige und Josefin Feiler
Hütet euch vor der schrägen Alten mit der Betonfrisur: Hänsel (Ida Ränzlöv, re.) und Gretel (Josefin Feiler) werden von der Hexe (Rosie Aldridge) verführt. © Matthias Baus

Normalerweise bringt er Oper mit liebevollem Anarcho-Charme auf die Bühne. Bei Humperdincks „Hänsel und Gretel“ in Stuttgart bleibt Axel Ranisch überraschend brav. Trotzdem ist der Abend kurzweilig und kindgerecht.

Mama und Papa können sich den empörten Anruf bei der Stuttgarter Oper sparen. Die Typen im roten Overall, hier als Bodyguards der resoluten Hexentante gebucht, sind zwar der Netflix-Serie „Squid Game“ entlaufen. Doch kein Wettkampf unter dem Prekariat, kein Tauziehen oder Murmelspiel, für das der Verlierer gekillt wird: Die Kerle bleiben Ausstattungsgag.

Eine Zusatzverdüsterung, vor der man sich genauso wenig fürchten muss wie vor dem Rest der Aufführung – auch wenn die schräge Alte mit der Betonfrisur eine Kinderverarbeitungsmaschine unterhält. Das Ding stanzt den Nachwuchs zu achteckigen „Keksen“, die verdächtig an die „Dalli Dalli“-Ausstattung erinnern.

Axel Ranisch, Kino- und TV-Regisseur („Dicke Mädchen“, „Tatort: Babbeldasch“) mit abgöttischer Opernliebe, will hier nur spielen. Überhaupt ist der Experte für krause Opern-Hybride – man denke nur an Haydns „Orlando Paladino“ an der Bayerischen Staatsoper – erstaunlich brav unterwegs. Humperdincks „Hänsel und Gretel“ in Stuttgart, das sind zwei sehr kindgerechte Stunden. Klar und nachvollziehbar aufgerollt, mit versiertem Blick für die Szene, angeschrillt, aber ohne jenes Gag-Feuerwerk, ohne jenen Anarcho-Charme, für den Ranisch etwa am selben Ort mit Prokofjews „Liebe zu den drei Orangen“ gefeiert wurde.

„Hänsel und Gretel“ im Zeichen des Klimawandels

Vielleicht blitzt da auch die pädagogische Ader des Berliners auf. Kinder muss man keinem Bilder-Overkill aussetzen, damit sie kapieren. Und so wird dem Mehr-Generationen-Publikum Aktuelles wie der Klimawandel eher untergejubelt. Im großartigen Video von Philipp Contag-Lada gleitet man zur Ouvertüre durch einen Mammutbäume-Wald. Doch plötzlich sind da Ölfässer, am Ende brennt der Forst. Überhaupt spielt vieles zwischen Metallrohren und umgekippten Maschinenteilen (Bühne: Saskia Wunsch): Die Firma „Schleckermäulchen“, so prangt es über dem Hexen-Unternehmen, wird da tatsächlich zum retrobunten Zufluchtsort. Manches streift Ranisch nur, auch die existenzbedrohende Armut der Eltern. Die muntere Aufführung firmiert eher unter dem Motto „Irgendetwas stimmt hier nicht“, bietet kleine Störmanöver im Idyll, anstatt zu verstören.

Vor allem aber ist sie eine Ersatz-Produktion. 2017 wollten die Stuttgarter „Hänsel und Gretel“ eigentlich in die Hände von Regisseur Kirill Serebrennikov legen. Doch der war gerade in seiner russischen Heimat verhaftet worden. Ein offenkundig politisch motivierter Vorgang. Serebrennikov, damals mit Fußfesseln im Hausarrest, konnte für Stuttgart nur einen Film fertigstellen, der im Rahmen einer halbkonzertanten Aufführung gezeigt wurde. Irgendwann sollte der Theatermacher, der seit einigen Wochen ausreisen darf, den Humperdinck am Neckar fertigstellen. Daraus wurde nichts, aus welchen Gründen auch immer.

Fideler Abend mit kleinen Widerhaken

Sein Vertreter Axel Ranisch, der sich an der Bayerischen Staatsoper ins Musiktheater hineininszenierte, ist parallel übrigens mit einem weiteren Hit beschäftigt. Vor zwei Jahren sollte in Lyon sein „Rigoletto“ herauskommen und musste wenige Stunden vor der Premiere aus bekannten Gründen gekippt werden. Dieser Verdi wird dort Mitte März nachgeholt – firmiert aber und überraschenderweise nicht mehr als Koproduktion mit München.

Ranischs Stuttgarter Humperdinck-Regie ist deutlich als Longseller angelegt, als fideler Abend mit kleinen Widerhaken. Wer will, darf sich wiedererkennen im Geschwisterpaar: Ida Ränzlöv ist ganz aufgekratzter, sorgloser Hänsel mit schlankem, herbem Mezzo. Josefin Feiler gibt dagegen als Gretel die Vernünftige, (auch vokal) Empfindsame – wobei sie ihren Sopran bemerkenswert hochpegeln kann. Das ist auch notwendig, weil Dirigentin Alevtina Ioffe mit dem Stuttgarter Staatsorchester das Deftige, Opulente liebt. Gespielt wird mit Lust am großen Aufriss, ein paar Mal mutieren da die Solisten zur Klangbeilage. Dass Humperdinck Meisterschüler des Bayreuther Hausgottes ist, hört man also – bis hin zur penetranten Wagnerei.

Bei Catriona Smith (Mutter) erfährt man einiges vom Sozialdrama des Stücks, Shigeo Ishino ist ein sehr jugendlicher, auch stimmlich unbekümmerter Vater. Erwartungsgemäß räumt Rosie Aldridge als Hexe ab. Wobei sie nie als groteske Alte unterwegs ist, eher als Cousine von Dame Edna. Außerdem, so viel sei gespoilert, darf diese schwäbische Geschäftsfrau überleben – wenn auch unter wenig würdigen Umständen.

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