"Trost der Physik"

Lesch und Imgrund lesen erstmals aus ihrem Buch

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Die Astro-Physiker Harald Lesch (l.) und sein Kollege Maximilian Imgrund an ihrem Arbeitsplatz – inklusive ihres Büchleins.

München - "Trost der Physik" heißt das Buch des berühmten Münchner Physikers Harald Lesch und seines jungen Kollegen Maximilian Imgrund. Vor ihrer Lesung trafen wir die beiden an ihrem Arbeitsplatz in der Sternwarte.

Folgende fast alltägliche Szene: Sie möchten eigentlich nicht mehr leben, allerdings verhindert ein Flugzeugabsturz, dass Sie Ihr Vorhaben in die Tat umsetzen. Mitten auf einer Tragfläche im Ozean hat man Zeit, sich über das Sein so seine Gedanken zu machen. Und findet Trost in der … Physik. "Trost der Physik" heißt das Buch des berühmten Münchner Physikers Harald Lesch und seines jungen Kollegen Maximilian Imgrund. Vor ihrer Lesung trafen wir die beiden an ihrem Arbeitsplatz in der Sternwarte.

Meine Herren, ist die Physik die bessere Religion?

Harald Lesch: Sag du, Max.

Maximilian Imgrund: Es geht nicht um die Frage nach Religion – unser Buchtitel ist angelehnt an Boethius und später den Trost der Philosophie von Alain de Botton. Es geht darum, was wir über die Welt wissen können.

Harald Lesch: Die Physik bietet in auswegloser Lage Orientierung: Wie kann die Vernunft weiterhelfen? Unsere Figur treibt mutterseelenallein auf dem Atlantik und versucht, nicht durchzudrehen. Vernunft ist die sicherste Art zu überleben.

Nicht der Glaube?

Harald Lesch: Nein. Zu den tiefsten Emotionen gehört die Panik. Wenn man sich der überlässt, wird man scheitern. Das ist wie bei Tom Hanks in Cast Away: Er ist am Ausrasten, unterhält sich einem Volleyball, den er Wilson nennt. Er braucht einen Partner, um sein Hirn zu beschäftigen.

Um nicht einsam zu sein?

Maximilian Imgrund: Fest steht auf jeden Fall: Physik macht einsam – je mehr man weiß, desto einsamer wird man.

Harald Lesch: Unser Buch ist aber kein Jammerstück. Es geht nur um die Frage: Wo sind wir hier? Warum bin ich hier?

Wollen Sie mit Ihrem gemeinsamen Büchlein diese Einsamkeit bekämpfen?

Maximilian Imgrund: Nein, das rührt eher daher, weil es überschneidende Inseln bei dem gibt, was wir tun. Die Welt wird immer spezialisierter, die großen Fragen geraten aus dem Blickfeld.

Warum ist das so?

Maximilian Imgrund: Weil die Finanzierung der Forschung nur noch über das Kleinklein geht, nicht mehr über die großen Fragen. Dabei beginnt doch jeder Student genau deswegen. Das Gefitzel kommt automatisch.

Wer hat mehr Chancen auf der einsamen Insel: ein Pfarrer oder ein Physiker?

Harald Lesch: Wir. Weil die Physik keine Amtskirche ist. Sie vertritt eine völlig undogmatische Lehre. Es gibt kein Gedankenverbot. Wenn eine neue Idee gut ist, wird sie sich durchsetzen. Das Tröstliche an Physik ist: Wir sind noch lange nicht fertig! Unser Buch ist in diesem Sinn sogar romantisch: Es vertritt die Überzeugung, dass das Beste noch kommt.

Gilt aber eher für die Frühromantiker als für Heinrich Heine oder Johannes Brahms …

Harald Lesch: Ja. Die Romantiker beginnen unglaublich optimistisch und verlieren das irgendwo auf dem Weg.

Klingt nicht sehr tröstlich …

Harald Lesch: Ja, aber klar ist auch: Wenn ich Außerirdische treffen würde, würde ich sie erst einmal nach ihrer Musik, ihren Göttern, ihrer Erziehung fragen. Bei der Kunst ist das konträr zur Physik: Der Künstler will alles anders machen, alles umstoßen, etwas Neues entwickeln. Wenn ein genialer Physiker hingegen etwas entdeckt, dann hinterlässt er den Nachfolgern einen riesigen Berg. Insofern ist die Physik extrem konservativ. Wenn ein physikalischer Effekt nach einem benannt wird, das wär’s doch – dann hat man es geschafft.

Sind Sie gläubig?

Maximilian Imgrund: Diese Frage will ich nicht beantworten.

Harald Lesch: Wie heißt es so schön: Ich glaube nicht an Gott, aber Gott glaubt an mich. Nein, als alter Protestant glaube ich natürlich! Wenn ich nicht glauben würde, wäre alles im Eimer.

Interview: Matthias Bieber

Am 9. 10. lesen Lesch und Imgrund aus Trost der Physik im Salong (Nordendstraße 10). Einlass 19.30 Uhr, Beginn 20.30 Uhr, Eintritt frei. Anmeldung unter ­literaturseiten-muenchen.de.

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