Finanzielle Schieflage

Ein Kassenwart fürs Haus der Kunst

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Anerkannter Fachmann für zeitgenössische Kunst: Okwui Enwezor.

Weil das Haus der Kunst unter Okwui Enwezors Leitung in finanzielle Schieflage geraten ist, bekommt der Kunstexperte nun einen Finanzfachmann zur Seite gestellt. Böse Zungen sprechen von einem Aufpasser.

Das „Haus der Kunst“ steht wie kein zweites für den Neuaufbruch, für die Moderne und die Internationalität. Seine dunkle Nazi-Geschichte will der Säulentempel an der Prinzregentenstraße 1 nicht vergessen – die jüngste Vergangenheit sicherlich umso mehr. 

Erst der Aufruhr um einen seit Jahren beschäftigten Scientology-Mitarbeiter, dann die finanzielle Schieflage, die unter Okwui Enwezor (53) entstanden ist. Seit sechs Jahren leitet er das Haus. Jetzt soll begradigt werden: Enwezor bekommt einen starken Mann ins Boot gesetzt, der sich um die Finanzen des angeschlagenen Hauses kümmern soll. Er heißt Stefan Gros, arbeitet in Valley und wird zweiter Geschäftsführer.

Ungewiss ist, ob Enwezor die Kröte schluckt. Zwar kann er nun größeres Augenmerk auf sein Spezialgebiet, die zeitgenössische Kunst, legen. Doch seine Kompetenzen werden beschnitten: Gros fürs Kaufmännische, Enwezor fürs Künstlerische. Böse Zungen aus dem Umfeld des Kunsttempels sprechen von einem „Aufpasser“. Man hoffe, verlautet aus dem Betriebsrat des Hauses, dass Enwezor den Nutzen der Neuaufstellung sehe. Er habe ohnehin „keine Wahl“. Der Betriebsrat fordere seit Monaten die Zweiteilung Künstlerisches und Kaufmännisches – „auf Augenhöhe“, wie betont wird. Der Vorsitzende des Betriebsrats, Anton Köttl, erklärt: „Die jetzige finanzielle Schieflage ist durch ein dauerhaftes Missverhältnis von Einnahmen und Ausgaben entstanden. Es geht nun darum, die Planungen für 2018 verbindlich zu gestalten und die nötigen Sicherungen einzubauen, damit sich das, was schiefgelaufen ist, nicht wiederholt.“ 

Haus der Kunst steht in der Kritik

Stefan Gros soll die Finanzen in den Griff bekommen.

Kritisiert wird etwa, dass die prognostizierten Einnahmen aus dem Ticketverkauf „unrealistisch“ waren. Ludwig Spaenle (CSU), Kunstminister und Vorsitzender des Aufsichsrats des in die Schlagzeilen geratenen Musentempels, plädiert ohnehin für „transparente und effiziente Strukturen“. Ob nun auch Besucherzahlen offengelegt werden – was das Haus der Kunst bisher aus Prinzip verweigerte –, steht derzeit noch in den Sternen, wird aber geprüft. Spaenle sagt: „Das Haus der Kunst ist einer der bedeutendsten Orte für zeitgenössische Kunst weltweit. In fünf Jahren sehe ich es vorne und oben.“ Seines Wissens habe es keine Differenzen zwischen dem „Neuen“ Gros und Enwezor gegeben.

Finanz-Experte Gros will sich gegenüber unserer Zeitung noch nicht zum Inhaltlichen und zu ersten Kontakten mit Okwui Enwezor äußern. Er müsse sich zunächst einen Überblick verschaffen, freue sich aber über die „ehrenvolle Aufgabe“.

Schon am Montag kann die Freude losgehen. Stefan Gros, der die offizielle Ausschreibung unter Finanz-Fachleuten für sich entscheiden konnte, wird vom Aufsichtsratsvorsitzenden Ludwig Spaenle gelobt: „Dr. Gros ist ein anerkannter Chief Financial Officer und hat vielfältige Erfahrungen in der Führung von Unternehmen in Umbruchsituationen gesammelt.“ Wichtig sei, die „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem Weg mitzunehmen“. Wie stark es am Haus gärt, beschreibt ein Satz des Betriebsrats: „Für die Belegschaft erhoffen wir uns nun ein Klima der erhöhten Wertschätzung.“

Lesen Sie hier:„Haus der Kunst - Rekonstruktion oder Renovierung? Heftige Diskussion um Sanierungspläne“

Von Matthias Bieber

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