Ernstfall im Deutschen Theater

Helene Fischer in München: Die Konzert-Kritik

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Helne Fischer bei ihrem München-Auftritt

München - Mit einem perfekt inszenierten Auftritt hat Schlagerstar Helene Fischer am Dienstagabend das neue Deutsche Theater erprobt. Nach zahlreichen Sanierungspleiten ging endlich alles gut, das Publikum war begeistert.

Seine Feuerprobe besteht der neue Saal, noch bevor Helene Fischer die Bühne betritt. Der Moderator ruft zum „Applaus-Test Stufe drei“ auf, und 1200 geladene Gäste klatschen, johlen und stampfen mit den Füßen, als ginge es um Leben und Tod. Kein Scheinwerfer fällt von der Traverse, nirgends bröckelt Putz von der Decke. Tatsächlich sieht alles fertig aus – und schön. Keine Selbstverständlichkeit nach der unendlichen Sanierungsgeschichte.

Belastungstest Nummer zwei folgt, als Schlagerstar Helene Fischer auf der Bühne erscheint, mit weißer, braver Bluse, schwarz-silber-schillerndem Rock und glitzerndem Mikrofon. Als „bundesrepublikanisches Unterhaltungsideal“ beschrieb die Zeit die Sängerin jüngst, und tatsächlich: Als Fischer loslegt, wippen im Publikum junge Männer im Karohemd mit dem Oberkörper, ältere Damen schwenken die Arme, Senioren im Sakko singen „Ich will immer wieder dieses Fieber spür’n“. Die 29-Jährige präsentiert vor allem Lieder von ihrem neuen Album „Farbenspiel“, es geht viel um Liebe, um Selbstfindung und ein bisschen um Schokolade.

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Alles löst sich an diesem Abend in Wohlgefallen auf. Die gestiegenen Kosten für die Sanierung des Deutschen Theaters, momentan geschätzte 94,5 Millionen Euro: vergessen. Der Dachstuhlbrand von 2011, der Pilzbefall, die statischen Probleme: passé. Die politischen Querelen, der Ärger um Bürgermeister und Aufsichtsratschef Hep Monatzeder (Grüne): weggewischt. Helene Fischer ist als goldener Schlager-Engel auf die Bühne herabgestiegen und erteilt Absolution.

Mit wem, wenn nicht Helene, denkt man sich, hätte das Deutsche Theater in ein neues, hoffnungsvolles Kapitel starten sollen. Die Show ist perfekt inszeniert, genau wie Fischer selbst: Sie sieht makellos aus, sie singt brillant, kein falsches Wort mag über ihre Lippen kommen. Fischer ist beherrschter als so mancher Ex-Kanzlerkandidat. „Wir lieben sie, und sie liebt uns“, sagt Inge Bauer mit strahlenden Augen. Bauer, Mitglied im offiziellen Helene-Fischer-Fanclub, ist extra mit dem Zug aus Potsdam angereist. „Da stimmt einfach alles“, schwärmt Fanclub-Kollegin Ursel Herfurth aus Berlin. Auch der neue Saal sei „einsame Spitze“, die Atmosphäre sei wunderbar gewesen, die Akustik toll.

Nicht ganz so euphorisch, zumindest zum Saal, äußert sich Konzertbesucher Christian Knott: „Nach der langen Sanierungszeit hätte ich mehr erwartet“, sagt der 39-jährige Münchner. Auf die weißen, geschwungenen Linien hätte man seiner Meinung nach besser verzichten sollen, und das Licht im Foyer findet Knott „zu verspielt“. Nur Helene , die war „fantastisch“.

Während auf ebenjene fantastische Helene nach der Show abseits der Bühne ein gutes Dutzend Fotografen wartet, sehen Carmen Bayer und Werner Steer, die Chefs des Deutschen Theaters, sehr entspannt aus. Wie lief es heute Abend? „Katastrophe“, scherzt Steer mit breitem Grinsen, alles sei schiefgelaufen. Nein, im Ernst: Bis auf Kleinigkeiten habe alles geklappt – sogar die vollautomatische Garderobe, die Mäntel und Jacken nach dem Einscannen eines Barcodes zur Ausgabe fährt.

„Das war ein Test unter Maximalbedingungen“, sagt Steer, der Auftritt sei sukzessive immer weiter gewachsen. „Unsere Technik hat auch eine Wahnsinnsleistung vollbracht“, schwärmt Steer. Schließlich hat sogar das ZDF das Konzert aufgezeichnet, Fans in 25 Kinos konnten live zusehen, sogar eine DVD wird es von dem Auftritt geben. Und Helene Fischer hat am Anfang auf der Bühne verkündet, wie stolz sie sei, dass sie im Deutschen Theater in München auftreten dürfe. Mehr geht werbemäßig nicht.

Bald soll es zwei weitere Testläufe geben: Am 15. November mit einer Ballveranstaltung, ohne Podesterie, mit Tanzfläche. Und am 22. November noch einmal mit Normalbestuhlung. Am 18. Januar 2014 soll dann große Eröffnungsgala sein. An weitere unerwartete Pannen mag niemand mehr denken. Lieber an große Abende wie den mit Helene Fischer. Kurz vor dem Ende ihres Auftritts präsentiert Helene Fischer noch die aktuelle Single, die man als Aufmunterung fürs Deutsche Theater verstehen könnte. „Keiner ist fehlerfrei“, singt sie in ihr Glitzer-Mikro, „was ist denn schon dabei“.

Moritz Homann

Helene Fischers neues Album „Farbenspiel“ erscheint am 4. Oktober. Der Konzertmitschnitt aus dem Deutschen Theater ist ab 15. November auf DVD erhältlich, das ZDF strahlt den Auftritt am 16. November um 21.45 Uhr aus.

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