Viggo Mortensen über sein brillantes Regiedebüt „Falling“

Hollywood-Star Viggo Mortensen bittet: Sprecht miteinander!

Sie konnten zusammen nicht kommen: Viggo Mortensen (li.) spielt in „Falling“ John, der immer und immer wieder versucht, eine warme Seite bei seinem kaltherzigen Vater Willis (Lance Henriksen, re.) hervorzuholen.
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Sie konnten zusammen nicht kommen: Viggo Mortensen (li.) spielt in „Falling“ John, der immer und immer wieder versucht, eine warme Seite bei seinem kaltherzigen Vater Willis (Lance Henriksen, re.) hervorzuholen.

Er wurde weltweit bekannt durch seine Rolle als Aragorn in „Der Herr der Ringe“. Für seine Auftritte in „Tödliche Versprechen“, „Captain Fantastic“ und „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ war er je für den Oscarnominiert. Nun wechselt Viggo Mortensen auf die andere Seite der Kamera: Ein Gespräch mit dem 62-Jährigen über sein brillante Regiedebüt „Falling“.

Als man Viggo Mortensen zum Telefoninterview erwischt, hat er gerade die Hälfte seiner Tour hinter sich. Zwischenstopp Berlin. Quer durch Europa ist der 62-jährige Schauspieler im vergangenen Jahr mit seinem Auto gereist, um unter Einhaltung aller Corona-Regeln seinen Kinofilm „Falling“ dem Publikum persönlich vorzustellen. Wieder und wieder war der Starttermin seines sehenswerten Regiedebüts verschoben worden. Nun kommt es in Deutschland heraus. Bei Kritikern stieß das Drama auf geteiltes Echo. Tatsächlich ist der Film, in dem Mortensen selbst einen erwachsenen Sohn spielt, der sich um seinen zunehmend pflegebedürftigen, doch menschlich kaltherzigen Vater kümmert, nicht immer leichte Kost. Aber voller Klugheit und Herzlichkeit. Ein Gespräch mit dem sympathischen Menschenfreund über die große Herausforderung, die sich Familie nennt.

Herr Mortensen, endlich kommt Ihr Film auch hierzulande ins Kino.

Viggo Mortensen: Oh ja. Sie glauben nicht, wie sehr mich das freut.

2020 haben Sie ihn in Berlin vorgestellt. Mit dem Auto sollen Sie quer durch Europa gefahren sein, um ihn zu den Menschen zu bringen. Stimmt das?

Viggo Mortensen: Ja, ich bin extra allein und mit dem Auto gefahren, um die Möglichkeit einer Corona-Erkrankung, so gut es geht, auszuschließen. Ich bin durch Spanien, Frankreich, die Schweiz, Belgien, Holland und viele weitere Länder gereist, habe den Film präsentiert und mit den Menschen darüber gesprochen.

Ihre persönliche Feier des Kinos?

Viggo Mortensen: Definitiv. Es war ja wirklich ärgerlich: Wir waren nach Cannes eingeladen worden – dann kam Corona. Es ist so fabelhaft, einen Film mit großem Publikum zu teilen. Hier sehe ich, ob die Menschen der Geschichte folgen, wie sie mitfühlen, wann sie lachen, wann sie weinen. Jeder auf seine Weise. Ich lerne dadurch unheimlich viel. Für einen Regisseur ist das ein sehr befreiender und auch befriedigender Moment zu sehen, dass andere Menschen, die man nicht kennt, sich so verbunden fühlen mit der Geschichte; dass es nicht mehr meine Geschichte ist, sondern die jedes einzelnen Zuschauers wird. Bei der Premiere in Berlin hatten wir im Anschluss eine Stunde lang ein Gespräch mit den Zuschauern – und hätten noch endlos weitersprechen können, hätte ich nicht tags drauf sehr früh zu einem weiteren Termin gemusst.

Es gibt tatsächlich Redebedarf über diesen alten Mann in Ihrem Film, der einfach jeden verprellt. Tut er Ihnen leid?

Viggo Mortensen: Ja. Bei ihm scheint es ja erst so, als hätte man gar nichts mit ihm gemein. Aber am Ende sind wir alle Menschen. Manch einer gibt bei solch schwierigen Persönlichkeiten auf und sagt: Ich kann dich nicht verstehen, ich beende die Beziehung zu dir, weil es mich nur fertig macht. Aber was einem klar sein muss, ist: Dann ist jede weitere Entwicklung ausgeschlossen. Aber wenn du es weiter versuchst, hast du zwar nie die Garantie, dass man sich noch aufeinander zu bewegt – aber zumindest die Chance.

Der Sohn, den Sie spielen, versucht es immer weiter. Glauben Sie, wir hätten im echten Leben auch diese Nervenstärke – und sollten wir sie haben?

Viggo Mortensen: Es ist immer eine individuelle Entscheidung. Einmal sagt der Sohn zum Vater: „Ich habe mir versprochen, mich nicht mehr von dir auf dieses vergiftete Level bringen zu lassen. Du kannst mich angreifen und beleidigen, so viel du willst, aber ich werde nicht mehr auf dieses Niveau herabsinken.“ Er weiß, dass er, wenn er diesem alten Mann, der sein Vater ist, helfen möchte, sich verdammt viel heftiges Zeug anhören muss. Aber er hat diese Entscheidung bewusst getroffen, weil er weiß: Wenn ich mich nicht um ihn kümmere, wer zur Hölle wird es tun? Ob es klappt, ob sie zueinander finden? Er wird es nur wissen, wenn er es probiert.

Warum fällt es dem Alten leichter, nett zu seiner Enkelin zu sein – als nett zu den eigenen Kindern?

Viggo Mortensen: Ja, interessanterweise ist das häufig so, dass Menschen, die ein schwieriges Verhältnis zu ihren Kindern haben, bei den Enkeln plötzlich viel liebevoller und aufmerksamer sind. Vielleicht realisieren sie unterbewusst: Ich habe hier eine zweite Chance. Es ist eine andere Ausgangssituation – es ist nicht dein Kind, du bist nicht so sehr für es verantwortlich. Du kannst es mit anderen Augen betrachten, angstfreier, gelassener, so, wie man eigentlich auch seine Kinder anschauen sollte.

Diese generationsübergreifende Distanz funktioniert auch andersherum: Die eine Enkelin im Film hat keine Angst vor dem fiesen Opa. Im Gegensatz zu seinem Sohn traut sie sich, ihm Contra zu geben.

Viggo Mortensen: Stimmt, Enkel haben nicht die gleiche tiefe emotionale Beziehung zu einem wie die eigenen Kinder. Und die andere, jüngere Enkelin findet ihn faszinierend, sie ist unschuldig und kennt nur diesen schrägen Großvater. Deshalb fühlt auch er sich sicher bei ihr, eben weil sie ihn nicht emotional herausfordert. So wird er sanfter. Sein Sohn ist darüber froh, andererseits fragt er sich: Warum konnte er zu mir nie so sein?

In Rückblenden werden aber ein paar liebevolle Vater-und-Sohn-Momente erzählt. Einer handelt von einer Ente, die der Bub erschießt – das tote Tier nimmt er zum Kuscheln mit ins Bett. Stimmt es, dass das eine wahre Anekdote aus Ihrer Kindheit ist?

Viggo Mortensen: (Lacht.) Ja, das ist eine der Episoden, die aus dem echten Leben gegriffen wurden. Zu 95 Prozent ist der Plot erfunden, aber als ich das Drehbuch schrieb, habe ich versucht, mich in meine eigenen kindlichen Gefühle zu meinen Eltern hineinzufühlen. Denn Erinnerungen sind wie Gefühle – und keine Ansammlung von Fakten. Eine Erinnerung ist nie exakt das, was war, wir fügen dem damaligen Moment ständig Neues hinzu. Ich habe versucht, eine so realitätsnahe Familie wie möglich auf dem Papier zu erschaffen. Mit dieser Geschichte mit der Ente wollte ich den Zuschauern kleine Informationen mitgeben, mit wem sie es hier zu tun haben, damit sie sich das Puzzle dann selbst zusammenlegen können. Und ja, es ist tatsächlich so passiert.

Wie alt waren Sie?

Viggo Mortensen: Vier. Mein Vater sagte am Ende eines Jagdtages zu mir: „Versuch’s mal“ – und reichte mir das Gewehr. Ich habe getroffen, ein Lucky Shot. Dann wollte ich die Ente mit ins Bett nehmen, wie einen neuen Freund. Ein Kuscheltier. Meine Mutter fand das widerlich, klar. Deshalb nahm sie mir die Ente weg, als ich eingeschlafen war.

Welche Rolle spielt die Mutter im Film?

Viggo Mortensen: Obwohl man sie kaum sieht, ist sie für mich diejenige, die alles zusammenhält. Sie ist der Grund für die Meinungsverschiedenheiten zwischen Vater und Sohn.

Im Abspann hören wir das Lied „A little late“. Wann wissen wir, dass es für etwas zu spät ist? Oder können wir durch den Film lernen: Es ist nie zu spät?

Viggo Mortensen: Ja, das wäre schön. Ich glaube, dass man bis zu seinem Tod immer die Chance hat, durch Kommunikation Dinge zu lösen, die falsch gelaufen sind. Miteinander zu sprechen – das macht uns menschlich und das kann uns zusammenbringen. Am liebsten analog!

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