Retrospektive auf 40 Jahre

Echt schön! Hypo Kunsthalle ehrt den Fotografen Peter Lindbergh  

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Kate Moss ist eines der Supermodels, die Peter Lindbergh von Beginn ihrer Karriere an immer wieder in Szene setzte.

Die Hypo Kunsthalle ehrt den Fotografen und Filmemacher Peter Lindbergh mit einer Retrospektive auf 40 Jahre.

München - Dieses Lachen! Christy Turlington liegt am Strand von Miami und strahlt nur so vor Lebensfreude. 1993 war das, die damals 24-Jährige längst ein Supermodel, ihr Gesicht bereits auf tausenden Fotos in Magazinen und Zeitungen erschienen. Aber dieses eine, das „Harper’s Bazaar“ druckte, das ist etwas Besonderes. Turlington, von Sandkörnern umspielt, scheint – glücklich. Kein aufgesetztes Fotogrinsen, kein professionell abgerufener Kamera-Blick. Ein echtes Lachen. Eingefangen von Peter Lindbergh.

Es gibt viele Gründe, den großen Fotografen und Filmkünstler zu feiern, wie die Hypo Kunsthalle es vom 13. April an mit der Schau „Peter Lindbergh – From Fashion to Reality“ tut. Der entscheidende ist aber wohl der, dass es Lindbergh seit über 40 Jahren gelingt, Porträts zu zaubern, die wie aus dem Moment gegriffen wirken. Privaten Schnappschüssen gleich, bestechend durch ihren Mut zur Unvollkommenheit. Und das im Bereich der Modefotografie, der Spitze der Oberflächlichkeit im Kulturbetrieb.

„In Bezug auf das Schönheitsideal von Frauen sind wir völlig auf den Hund gekommen.“

Viel Raum gibt Kurator Thierry-Maxime Loriot den Porträtaufnahmen der weltweiten Stars.

„Der Stand von Schönheit heute ist, jeden Menschen auf null zu reduzieren“, echauffiert sich der Künstler beim gestrigen Presserundgang durch die Ausstellungsräume. Schuld sei das Bildbearbeitungsprogramm Photoshop. „Seitdem es das gibt, bemühen sich Modefotografen darum, bloß jede Regung, jeden Gedanken eines Menschen, der sich in dessen Gesicht manifestiert hat, auszulöschen. In Bezug auf das Schönheitsideal von Frauen sind wir völlig auf den Hund gekommen.“

Was für Lindbergh Schönheit bedeutet, zeigen die vielen Fotografien aus vier Jahrzehnten, die nun in der Theatinerstraße zu sehen sind. Kurator Thierry-Maxime Loriot hat sie nicht chronologisch, sondern thematisch geordnet. „Weil die Bilder zeitlos sind. Sie werden vor keinem stehen und denken: ,Das ist ja total Achtziger!‘“, betont Loriot. Tatsächlich verrät nur das Aussehen der prominenten Porträtierten, aus welchem Jahrzehnt die Aufnahmen stammen könnten.

Lindbergh hatte sie alle. Von Madonna bis Tina Turner, von Nicole Kidman bis Angelina Jolie, von Brad Pitt bis Richard Gere. Doch in seinen Inszenierungen sind sie der Glamourwelt enthoben, verlieren jeden Status und jede Sonderrolle. Die Starpresse engagiert ihn nicht für die typischen Hochglanzbilder. Lindbergh will die Spuren des Lebens zeigen – die auch vor Oscarpreisträgern und Supermodels nicht haltmachen. Der Künstler ist überzeugt, dass kleine Makel und das Alter ein Gesicht interessanter machen. „Alles Kraftvolle reizt mich. Alles zu Glatte ist langweilig“, betont er.

Er spielt mit den Zuschreibungen von Männlichkeit und Weiblichkeit

Eine seiner bekanntesten Bilderserien ist „White Shirts“. Für die amerikanische „Vogue“ sollte er 1988 die fünf Supermodels Estelle Lefébure, Karen Alexander, Rachel Williams, Linda Evangelista, Tatjana Patitz und Christy Turlington am Strand von Malibu ablichten. Der selbstbewusste Deutsche, der zu dem Zeitpunkt schon seit zehn Jahren in Paris lebte, wies die Stylistin an, die großen schönen Frauen in nichts weiter als weiße Männerhemden und weiße Slips zu hüllen. Für ein Modemagazin wohlgemerkt. Die Amerikaner wussten nichts anzufangen mit diesen heute ikonischen Bildern. Stattdessen druckten die Kollegen der britischen „Vogue“ die Fotos. Erst Jahre später sollten sie zu den wichtigsten der Modefotografie gewählt werden. Frauen in Männerhemden – nicht die einzige Arbeit, in der der Experimentierfreudige mit den Zuschreibungen von Männlichkeit und Weiblichkeit spielte.

Was ist Schönheit? Lindbergh überlegt nicht lange. „Wenn man die Courage hat, so zu sein, wie man ist, dann ist man schön. Echtsein ist Schönheit.“

Bis 27. August täglich 10 bis 20 Uhr. 19.4. / 17.5. / 21.6. / 19.7. und 16.8. 10 bis 22 Uhr; 30.6. 10 bis 17 Uhr. Theatinerstraße 8; Katalog 59,99 Euro.

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