Bald im Deutschen Theater zu sehen

Immer im Doppelpack: Die Kessler-Zwillinge werden 79

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Alice und Ellen Kessler (v.li.), die am Donnerstag Geburtstag haben, werden sich im Musical "ich war noch niemals in New York" abwechseln.  

München - Alice und Ellen Kessler blicken auf ihre Karriere zurück und nach vorn auf den Auftritt im Deutschen Theater. Am Donnerstag werden sie 79 Jahre alt - wir haben sie getroffen.

Gehört und gelesen hat man das oft. Dass die Kesslers eine Art symbiotisches Wesen mit zwei Köpfen sind. Wenn man sie so erlebt, wenn sie in München ein Interview zu ihrem Gastspiel beim Musical „Ich war noch niemals in New York“ im Deutschen Theater geben, stellt man sehr schnell fest – es ist wahr. Alice und Ellen Kessler ergänzen gegenseitig ihre Sätze und antworten mitunter  derart synchron, dass man glauben könnte, sie hätten es einstudiert. Einerseits. Andererseits fällt dann doch auf: Sie sind ziemlich verschieden, rücken Aussagen der anderen zurecht und haben,  soweit man das beurteilen kann, unterschiedliche Temperamente.

Sehr synchron - und doch verschieden

Wenn man etwa fragt, wie das so ist nach Jahrzehnten der Doppelauftritte in dem Musical einzeln auf der Bühne zu stehen – sie wechseln sich im Stück ab – kommt von Alice Kessler ein langgezogenes „angenehm“. Und gerade als Ellen dazu etwas sagen möchte, wiederholt sie „sehr angenehm“. Alice Kessler wird im Verlauf des Gesprächs noch ein  paar Mal recht entschieden und sarkastisch antworten. Ellen Kessler ist verbindlicher. Fast wirken sie wie ein altes Ehepaar, das sich innig zugetan ist und sich ein bisschen auf die Nerven geht. Wobei: Kein Ehepaar hat es wohl jemals  solange zusammen ausgehalten wie die Kessler-Zwillinge. 79 werden die beiden am Donnerstag.

Seit sie 1936 in Sachsen zur Welt gekommen sind, gehen sie gemeinsam durchs Leben. 1947 wurden sie gemeinsam beim Kinderballett der Leipziger Oper akzeptiert und gemeinsam  bestehen sie drei Jahre später die Aufnahmeprüfung zur Operntanzschule. Gemeinsam türmen sie 1952 in den Westen und erhalten in Düsseldorf ihr erstes Engagement, selbstredend als Duo. Schon  damals gibt es sie nur im Doppelpack.  Die gutaussehenden Tänzerinnen, die auch singen können, fallen auf. 1955 bekommen sie ein Angebot  vom „Lido“ in Paris, für die  beiden Teenager aus dem Osten ist der Trip eine „Reise zum Mond“. Und der Anfang ist hart.

Schwerer Start nach dem Krieg

Die Kessler-Schwestern im Gespräch mit Merkur-Mitarbeiter Zoran Gojic.

Sie sind die ersten deutschen Künstler nach dem Krieg – und der ist erst neun Jahre her. Die Belegschaft ist nicht begeistert. Aber die Kesslers beißen sich durch. „Wir wollten wieder weg. Der Direktor des ,Lido‘ hat dann das Personal antreten lassen und erklärt: ,Die Mädchen sind anständig, die können was, die sind ordentlich – ich werde noch mehr Deutsche engagieren. Wen das stört, der kann gerne gehen.‘“, erinnert sich Alice Kessler. Wenn sie damals auf der Straße gefragt werden, woher sie kommen, sagen sie: Schweden. Keinen Ärger machen, lächeln, weiterarbeiten, das war die Strategie, erklärt Ellen Kessler. Auch in den USA, wo sie in den Sechzigerjahren große Erfolge feiern, aber ab und an immer noch auf Ressentiments stoßen. „Bei der ,Hollywood Palace Show‘ sollten wir mit Frank Sinatra auftreten. Aber der kam nie zu den Proben, sondern tauchte immer erst eine halbe Stunde vor dem Auftritt auf. Bei den Proben hat ein Komiker den Moderationspart von Sinatra übernommen, und der kündigte uns als ,Eichmann-Töchter‘ an. Uns ist das Herz stehen geblieben. Aber der Produzent ist sofort eingeschritten und hat klar gemacht: ,Solche Witze haben in der Show nichts verloren.‘“, erzählt Alice, und Ellen ergänzt, immer noch mit hörbarer Empörung in der Stimme: „Diesen Komiker haben wir danach nicht einmal mehr mit dem Hintern angesehen.“

Auf die US-amerikanischen Entertainer-Kollegen allerdings lassen die Kessler-Zwillinge nichts kommen, von denen waren sie sehr angetan. Auch Udo Jürgens übrigens, auf dessen Liedern das Musical basiert, mochten sie. Und bevor man nachfragen kann, stellt Ellen klar, dass „mögen“ nichts weiter heißt als „mögen“. „Wir sind ja schon gefragt worden, ob er uns angemacht hätte, weil er doch Blondinen mochte. Hat er nicht.“ Aufschlussreiche Ergänzung von Alice hierzu: „Ja, er  mochte Blondinen, aber viel jüngere eben.“

Man weiß sofort, was man lassen sollte

Es freut beide sichtlich, Anekdoten zu erzählen, Pointen zu setzen, zu unterhalten, selbst wenn das Publikum nur aus einer Person besteht. Rar gemacht haben sie sich trotzdem. „Wir haben sehr viele Angebote. Aber bei den meisten merken wir, das ist nichts, das ist an den Haaren herbeigezogen, einfach um mit unseren Namen arbeiten zu können. Wenn man so lange im Geschäft ist, weiß man sofort, was man machen kann und was man lassen sollte. Wir sind Nein-Sager geworden“, erläutert Alice, und Ellen fügt fast beiläufig hinzu: „Wir haben das Glück, dass wir es uns finanziell leisten können. Uns haben die mal das ,Dschungel-Camp‘ angeboten. Denen haben wir gar nicht geantwortet.“

Bliebe  die  Frage, wie man es schafft, es so lange miteinander auszuhalten. Ellen Kessler führt es auf logistische Lösungen zurück: „Wir leben in einem Haus mit zwei getrennten Wohnungen, damit wir eben nicht immer aufeinander hocken und jede für sich sein kann. Das ist wichtig.“ Alice Kessler sieht es noch nüchterner: „Macht der Gewohnheit.“ Sie sagt es mit einem Achselzucken. Unmöglich zu erkennen, ob das Resignation andeutet oder Gelassenheit. Ist aber vielleicht nur gekonnte Show.

Im Deutschen Theater läuft „Ich war noch niemals in New York“ von 7. 10. bis 3. 1.; Tel. 089/ 55 23 44 44.

Zoran Gojic

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