Das TV-Experiment im Ersten: Bjarne Mädel im Interview über Ferdinand von Schirachs „Feinde“

Interview mit Bjarne Mädel: Darf man foltern, um Leben zu retten?

Mithilfe von Folter erwirkte Kommissar Nadler (Bjarne Mädel) das Geständnis eines Mannes, der ein Kind entführt haben soll. Vor Gericht muss er sich dafür rechtfertigen.
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Mithilfe von Folter erwirkte Kommissar Nadler (Bjarne Mädel) das Geständnis eines Mannes, der ein Kind entführt haben soll. Vor Gericht muss er sich dafür rechtfertigen.

Ein Polizist foltert einen Verdächtigen, um das Leben eines entführten Kindes zu retten. Ist das rechtlich - vor allem aber: moralisch richtig? Das hinterfragt das packende TV-Experiment nach Erfolgsautor Ferdinand von Schirach „Feinde“, das die ARD und alle dritte Programme am 3. Dezember zeigen. Wir sprachen mit Hauptdarsteller Bjarne Mädel über die Schwierigkeiten dieses Experiments – und über die Frage, wie weit er selbst gehen würde, um Leben zu retten.

  • Der Film ist an die wahre Entführungsgeschichte des Frankfurter Bankierssohns Jakob von Metzler aus dem Jahr 2002 angelehnt
  • Die Zuschauer können die Geschichte einmal aus der Perspektive des Verteidigers und einmal aus der Perspektive des Polizisten verfolgen
  • Klaus Maria Brandauer und Bjarne Mädel glänzen im wie ein Kammerspiel inszenierten Gerichtsprozess

Im Film geht es um die Frage: Heiligt der Zweck jedes Mittel? Was meinen Sie?

Bjarne Mädel: Hm, das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Es gibt auch einen gewaltigen Unterschied, ob ich diese Frage theoretisch beantworte oder ob ich tatsächlich betroffen bin, weil ich das Leben meines Kindes retten möchte. Ich glaube, da hat meine Figur, der Peter Nadler, alle Eltern zunächst mal auf seiner Seite. Denn wenn man irgendetwas machen kann, um sein Kind zu retten, würde man extrem weit gehen, glaube ich. Und er lässt sich zu dieser Grenzüberschreitung hinreißen – weil er keine andere Möglichkeit sieht, das Mädchen lebendig zu finden.

Zunächst neigt man als Zuschauer dazu, nachzuvollziehen, dass der Ermittler harte Methoden einsetzt. Im Gerichtsprozess gerät das Verständnis dann aber ins Wanken...

Bjarne Mädel: Ganz genau. Auch ich dachte am Anfang: Jeder ist auf meiner Seite, ist doch klar. Im Laufe der Verhandlung habe ich aber festgestellt: Nee, eigentlich hat der Anwalt Recht, vor allem in Bezug auf die Frage, wer in einem Rechtsstaat im Einzelfall entscheiden darf, ob die Polizei Gewalt anwendet oder nicht. Wenn das Einzelpersonen wie Staatsanwälte oder Polizisten entscheiden dürfen, macht man eine Tür auf für Machtmissbrauch und Willkür, die wir geschlossen halten sollten. Insofern müssen wir uns an die Gesetze halten, die wir uns als Gesellschaft erarbeitet haben. Das gilt für alle, aber natürlich besonders für die Polizei. Doch das ist das Absurde an der Geschichte: Wenn ich in einer vergleichbaren Situation wäre wie der Kommissar, würde ich wahrscheinlich genauso handeln, obwohl ich weiß, dass es nicht richtig ist.

Das ist der moralische Widerspruch, mit dem Schirach gern provoziert.

Bjarne Mädel: Exakt. Das ist eben nicht so leicht zu entscheiden. Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß. Als Kind hat man Kasperletheater geguckt, und es war klar: Es gab den Guten, den Kasperl, und den Bösen, das Krokodil, und dann kam der Polizist und hat das Krokodil verhauen. Je älter man wird, umso komplizierter wird das. Auch das Krokodil hat ’ne gute Seite, und auch der Polizist ist vielleicht nicht immer korrekt – und Kasper trägt oft auch eine Schuld. Man ist immer schnell dabei, alles zu bewerten. Den Daumen hoch oder runter zu machen. Das finde ich so toll an unserem Projekt – dass man sich die Zeit nimmt, ein Problem von beiden Seiten zu beleuchten und zu sagen: Wer ist im Recht und in welcher Gesellschaft möchten wir leben? Das ist im Einzelfall oft schwer auszuhalten, aber solange wir die Gesetze haben, müssen wir uns an sie halten.

Das Geständnis von Georg Kelz (Franz Hartwig, l.) wurde unter Folter erzwungen. Kelz‘ Verteidiger (Klaus Maria Brandauer, r.) plädiert daher vor Gericht für die Ungültigkeit des Geständnisses - und daher für den Freispruch des Angeklagten.

Das möchte der Kommissar ja eigentlich. Doch was wäre, wenn der Mann nicht gestanden hätte – wie weit wäre Nadler gegangen, um das Geständnis herauszukitzeln?

Bjarne Mädel: Ich meine, die Foltermethode, die er anwendet, ist ja schon lebensgefährlich. Waterboarding ist eine der unangenehmsten Foltermethoden, die es gibt. Das Gefühl zu ertrinken, das man erzeugt, weil Wasser in die Lunge läuft, ist fies. Ich weiß nicht, ob der Kommissar andere Methoden angewandt hätte. Aber er war sich so sicher, dass er den Richtigen vor sich hat, dass er vielleicht sogar weitergemacht hätte.

Dabei ist bis zum Ende nicht geklärt, ob er wirklich den Richtigen hat.

Bjarne Mädel: Stimmt. Übrigens wird in dem Film, der aus der Perspektive des Kommissars erzählt, vom Täter gesprochen, und in dem aus Sicht des Verteidigers vom Verdächtigen. So werden wir als Zuschauer etwas manipuliert – wir wissen es ja bis zum Schluss nicht, ob er „der Täter“ ist. Man kann es ihm nicht nachweisen. Wir sehen nie das Gesicht desjenigen, der das Kind entführt hat, insofern kann der Verdächtige den Aufenthaltsort auch nur von jemandem aufgeschnappt haben.

Und hätte sich nur belastet, weil er gefoltert wurde.

Bjarne Mädel: Das passiert oft. Es gibt Beispiele von Menschen, die über 130 Mal gefoltert wurden – und trotzdem nicht die Wahrheit gesagt haben. Sonst könnte man ja sagen: Wenn du Gewalt anwendest, hast du auf jeden Fall die 100-prozentige Wahrheit am Ende – dann ist es in Ausnahmefällen doch gerechtfertigt zu foltern. In einem extremen Fall, in dem es um viele Menschenleben geht. Aber es ist ja nicht einmal dann sicher, dass man die richtigen Informationen erhält. Und insofern eine äußerst heikle Geschichte.

Sie mussten es selbst testen. Wie war die Szene, in der Sie Franz Hartwig im Film foltern mussten?

Bjarne Mädel: Das war nicht angenehm. Die Szene sollte glaubhaft und brutal sein – aber ich hab’ ja auch die Verantwortung für den Kollegen. Insofern war ich da extrem angespannt und froh, als wir das im Kasten hatten. Dagegen war das Kammerspiel vor Gericht wesentlich ungefährlicher...

Haben Sie den Ablauf vor Gericht zweimal komplett durchgespielt – oder wurde er aus verschiedenen Perspektiven gefilmt?

Bjarne Mädel: Nee, wir haben es tatsächlich zwei Mal gespielt. Ich meine, man spielt ja beim Film sowieso alles viele, viele Male, für verschiedene Kamerapositionen und Einstellungen. Doch als wir dann nach ein paar Tagen diese lange Szene endlich im Kasten hatten, ging alles von vorne los, weil wir es im zweiten Film ja noch mal brauchten. Das war echt ein „Brett“, wie wir so sagen. Für Herrn Brandauer und mich war es schon spannend, weil wir diejenigen sind, die den Dialog führen – aber mir taten die Kollegen leid, die drumherum saßen. Die mussten tagelang immer wieder dasselbe hören. Die waren am Abend genauso kaputt wie wir. Aber das kennt man ja aus Bürojobs: Nichtstun ist anstrengender, als wenn man echt viel zu tun hat. Der Tag geht wesentlich schneller rum, wenn man beschäftigt ist.

Wenn Sie Zuschauer wären: Würden Sie beide Filme anschauen? Wenn nicht: Welchen würden Sie sich anschauen?

Bjarne Mädel: Das ist eine gemeine Frage, denn ich bin natürlich extrem parteiisch. Aber ich würde mir tatsächlich beide Filme anschauen. Ich finde das Experiment spannend. Klar bin ich froh, dass der Film, der meine Figur verfolgt, in der ARD läuft. Obwohl ich gar nicht weiß, welche Ausstrahlung mehr Zuschauer zieht. Alle dritten Programme zusammen sind ja auch ’ne Menge Leute.

Vielleicht schauen ja sogar manche beide parallel...

Bjarne Mädel: Wer weiß. Es wurde tatsächlich beim Schnitt darauf geachtet, dass es in den Gerichtsszenen exakt zur selben Zeit gleiche Momente gibt, die unterschiedlich gefilmt sind, aber in denen dasselbe gesagt wird.

Und am Ende muss sich jeder ein Urteil bilden. Ihres wurde tatsächlich durch den Film verändert?

Bjarne Mädel: Ja. Rational sage ich jetzt: Der Anwalt hat Recht. Doch emotional bleibe ich dabei: Ich würde es als Figur genau so wieder tun. Der Kommissar foltert ja nicht leichtfertig, der ist ja selber erschüttert darüber, dass er das getan hat. Aber wahrscheinlich gab es schon einmal eine ähnliche Situation, in der er nicht alles Menschenmögliche getan hat – und am nächsten Tag war ein Kind tot. Die Untätigkeit, die den Tod eines Menschen in Kauf nimmt, hält dieser Mensch einfach nicht mehr aus.

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