Begegnung mit einer Opernlegende

Interview mit Julia Varady zum 80. Geburtstag: Singen, um zu leben

Julia Varady
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„Ich war immer ehrlich, wenn ich sang“: Julia Varady hat vor allem der Bayerischen Staatsoper und der Deutschen Oper Berlin legendäre Abende beschert.

Noch immer ist die Lücke nicht geschlossen, die sie nach ihrem Bühnenabschied hinterlassen hat. Eine Vitellia oder Abigaille, eine Senta oder Aida wie Julia Varady ist nicht in Sicht. Wenn sie die Bühne betrat, war da pure, unbedingte, Klang und Person gewordene Energie. Nachhören kann man das auch dank einer gerade erschienenen CD-Box, die ihre Aufnahmen bündelt (Orfeo). Bis vor Kurzem hat die gebürtige Ungarin ihre große Kunst an der Karlsruher Musikhochschule weitergegeben. Von 1977 bis zu seinem Tod 2012 war die Ausnahmesopranistin, die am 1. September ihren 80. Geburtstag feiert, mit Bariton-Legende Dietrich Fischer-Dieskau verheiratet. Eine Begegnung im einst gemeinsamen Haus in Berg unweit des Starnberger Sees.

Es war nicht einfach, einen Termin für dieses Gespräch zu finden.

Das stimmt, es ist schwer, mich zu erreichen. Weil noch immer einiges zu tun ist. Und ich hetze mich fast zu Tode. Dieter kannte so etwas nicht. Bei ihm hatte ich immer das Gefühl, der Tag dauert nicht 24 Stunden, sondern 48 oder noch länger. Er konnte mit der Zeit fantastisch umgehen. Es gab nie Leerlauf, und trotzdem war er nie gehetzt. Damit muss man geboren werden. Ich dagegen muss immer alles sofort tun. Ob auf der Bühne oder im Privaten: Ich nehme etwas tief in mir auf, und dann muss es heraus.

Also sind Sie ungeduldig geblieben.

Oh ja. Aber ich glaube, ich verändere mich. Wenn ich allerdings heute noch jemanden vor mir habe, und er sagt zehn Mal dasselbe, dann fühle ich mich auf die Probe gestellt.

Sind Sie als Professorin nicht mehr so streng wie anfangs?

Doch. Ich versuche, die Technik zu verbessern und die Studenten zur Vorsicht zu erziehen: Nicht sofort alles annehmen! Wartet ab! Ich bin streng, aber mit Liebe. Ich hatte einmal eine Mezzosopranistin mit einer sehr schönen Stimme, sie hatte jedoch nicht den Körper und das entsprechende Empfinden dafür. Sie konnte mit ihrer Gabe nicht umgehen. Irgendwann habe ich mir vorgenommen, ihr zu sagen: Es geht nicht mehr. Ich war wahnsinnig aufgeregt vor diesem Schritt. Sie hat sich nur umgedreht im Herausgehen und meinte: „Warum regen Sie sich so auf? Es ist nur Gesang, es geht nicht ums Leben.“ Und genau das ist der Unterschied: Wenn man die Gabe hat, muss man auch um sie kämpfen. Wie um sein Leben. Eine solche Gabe ist eine Verpflichtung. Sonst ist alles nur ein Job. „Ich singe für mein Leben gern“ – das muss man immer wörtlich nehmen!

Hat sich die Einstellung zum Singen bei den Studierenden geändert, wenn Sie das mit Ihren Anfangszeiten vergleichen?

Die Zeit hat sich verändert. Und die Prioritäten sind andere geworden. Ich habe mir niemals gedacht: Ich will Sängerin werden, um viel zu verdienen. Ich hätte auch gezahlt, um singen zu dürfen.

Wie stark nehmen Sie noch am Opernleben teil?

Ich höre viel Radio, schaue auch Übertragungen im Fernsehen an. Und oft bin ich enttäuscht über das Misstrauen der Regisseure der Musik gegenüber. Sie müssen alles auffüllen, ein Zwischenspiel oder eine Ouvertüre, mit irgendeinem banalen Stehen, Gehen, Purzelbaumschlagen oder was weiß ich alles. Nur um Bewegung zu haben. Ich wüsste schon, wie man sich in den betreffenden Situationen sinnvoll verhält.

Und wie lernt man das?

Schwierig. Ich habe eine wunderbare Ausbildung genossen. Ich hatte täglich Gesangsunterricht. Die beiden Operndirektoren in Klausenburg waren selbst Hochschulprofessoren. Sie konnten uns beobachten und dann engagieren. Mir wurde beigebracht, dass ich meine Scheu ablege. Es ist auch eine Fantasiefrage. Man kann noch so eine schöne Stimme haben – aber wenn man sich beim Singen nichts vorstellen kann... Deshalb muss ein Regisseur immer auf die Sängerin oder den Sänger eingehen. Es geht nicht um ein Konzept, sondern um den Menschen. Deshalb soll eine Inszenierung in einer anderen Besetzung auch anders aussehen. Ein Regisseur muss das spüren – trotz aller Freiräume, die er hat. Und erst recht muss er darauf hören, was ihm die Musik zu allem sagt. Doch solche gibt es immer weniger. Jean-Pierre Ponnelle war begnadet in dieser Hinsicht.

Wie motiviert man sich trotzdem, wenn man, nehmen wir Ponnelles legendäre Münchner Produktion von Mozarts „La clemenza di Tito“, zum x-ten Mal als Vitellia auf der Bühne steht?

Es geht nur, wenn man sich jedes Mal in die Figur hineinbegibt. Und da wir uns verändern oder nicht jeder Tag wie der andere ist, wird es auch jedes Mal ein bisschen anders sein. Ich habe mich zum Beispiel schon sehr früh ins Verdi-Requiem verliebt. Als ich es erstmals singen durfte, hatte ich die Sopranpartie fertig in mir. Ich wusste bei diesem wie gestammelten „Libera me domine“ im Schlussteil, wie ich selbst beten würde und das zum Klingen bringe: Flüstern, aber mit Stimme. Man möchte schreien, aber es will nicht recht heraus. Verzweiflung mit letzter Kraft. Hoffnung, die man sofort verliert. Wenn man sich das alles vorstellt, auch bei einer Opernpartie, wird eine Interpretation sehr persönlich und damit unnachahmlich.

Wenn man aber so tief drin ist in einer Figur – wie findet man da wieder heraus? Wie verwechselt man dieses Bühnenleben nicht mit dem realen?

Es ist natürlich eine Gefahr. Und irgendwie findet man für sich Lösungen. Eigentlich ist es unerklärlich, warum man der Musik bis zu seinem Lebensende verfallen ist. Ich habe schon früher immer gesagt: „Ich will die Welt umarmen.“ Und das tat ich eben mit meinem Gesang. Ich wollte die Menschen glücklich machen damit. Ich hatte stets ein großes Freiheitsbedürfnis, und ich brauchte dazu den Gesang. Ich war immer ehrlich, wenn ich sang. Man darf sich nur nicht einengen lassen von der Regie. Wenn eine eigene Vorstellung von einer Situation stark genug ist, wenn man sie nur so und nicht anders erfüllen kann, ist sie automatisch richtig. Das betrifft übrigens auch ein musikalisches Tempo.

Und wenn die Partner auf der Bühne nicht so intensiv empfanden wie Sie, sich also nicht hineinfallen ließen in die Rolle?

Das ist mir eigentlich nie passiert – abgesehen von indisponierten Partnern. Was mich sehr störte: Wenn in den Proben, statt genau so konzentriert zu sein wie in der Vorstellung, gelacht oder Quatsch gemacht wurde. Das ist doch die Vorstufe zur Vorstellung! Es muss etwas entstehen können, das wir verantworten. Da habe ich mich immer sehr zusammennehmen müssen.

Für eine neue CD-Box mussten Sie sich Ihre Aufnahmen nochmals anhören. Eine Überwindung?

Nein. Ich habe mir sogar manchmal gesagt: „Juli, du warst gut.“ Warum sollte ich mich nicht hören wollen? Bei manchem von früher sage ich schon: „Das war jetzt nicht so deine Stärke...“

Auffallend ist an Ihrem Gesang, dass Sie – im Gegensatz zu den meisten Kolleginnen – immer eine starke Tiefe und diese mit einem ebenso intensiven Brustregister auch zugelassen hatten. Andere scheuen sich davor, weil es nicht „sopranig“ klingt.

Um das „Sopranige“ geht es doch gar nicht. Es ist ein Muss, dass ich einen tiefen Ton, der ja eine Bedeutung hat und unter Umständen sogar eine größere als ein Spitzenton, auch so singe. Ich empfand es fast als seltsam, dass ich mich auf tiefen Tönen sogar ausruhen konnte. Weil sie auf natürliche Weise kamen – deshalb die Entspannung. Umso besser gelingen dann hohe Töne. Ich habe schon relativ früh viele Partien ausprobiert, alle Facetten, auch im Mezzo-Bereich. Und immer, wenn ich eine neue Rolle lernte, musste ich sie ganz tief in mich hineinbekommen. Und zwar technisch so sicher, dass ich sie nach dem Ende der Vorstellung sofort hätte wieder singen können. Zu Hause, in der Vorbereitung, ging ich für mich immer an die Grenze. Ich musste einfach spüren, was ich aushalten kann.

Gehen Sie noch in die Oper?

Nein. Ich glaube, ich würde leiden. Ich würde sofort auf die Bühne wollen – auch wenn das natürlich Quatsch ist. Ich habe bis vor Kurzem noch meinen Studenten alles vorgesungen. Die Stimme ist da, nur die Kondition funktioniert irgendwann nicht mehr.

Sie sind ein großes Vorbild als Sängerin. Auch, was das frühe Aufhören betrifft?

Man muss in allem Farbe bekennen. In meine Entscheidung hat sich niemand eingemischt. Auch Dieter wusste, dass ich in allen Dingen nichts Halbes mache. Was wir dem Publikum bieten, sollte immer Vergnügen und Verzaubern sein. Auch Trost. Man kann so viele Gefühle mit ehrlichem Gesang wecken. Ich wäre der glücklichste Mensch der Welt, wenn manche sagen: „So wie Frau Varady möchte ich handeln.“ Ich hab’s ja nur so gekonnt. Ich habe 50 Jahre lang gesungen. 50 Jahre Glück. Das kann nicht jeder von sich sagen. Darauf bin ich stolz.

Welche Ihrer Rollen ist Ihnen am ähnlichsten?

Schwer zu sagen. Eine Lieblingspartie war das Verdi-Requiem. Aidas Nil-Arie und den Schluss der Oper mochte ich sehr. Auch die Abigaille in „Nabucco“. Aber wenn es um eine ganze Partie geht, würde ich sagen: Die Vitellia in „La clemenza di Tito“ war mir sehr nahe. Allgemein liebte ich die starken Figuren. Desdemona empfand ich in dieser Hinsicht nicht als langweilig. Da fällt mir eine Geschichte ein: Als ich einmal in Wien „Otello“ sang, gab es eine Signierstunde mit entsprechenden Autogrammkarten. Jemand sagte zu mir: „Frau Varady, wundervoll, Sie sehen wirklich auf der Bühne wie 16 aus. Und wenn man liest, wie alt Sie tatsächlich sind...“ Alle haben gelacht, ich auch. Und deshalb wollte ich auch kein Interview zu meinem 80. Geburtstag! Ich fühle mich doch gar nicht so!

Wie alt fühlen Sie sich denn?

Höchstens 70!

Eine Bekannte sagte mir einmal, unser Problem sei es, dass wir uns auch später immer wie 28 fühlen.

Sie hat Recht. Dabei ist das doch gar kein Problem! Gut, ich erhöhe auf 30!

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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