Interview zur „Don Karlos“-Premiere am Münchner Residenztheater 

Thomas Loibl: „Wir geben ganz viel von unseren Grundrechten an Großkonzerne ab“

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Thomas Loibl als Philipp II. in „Don Karlos“.

Er spielte in Maren Ades Erfolgsfilm „Toni Erdmann“, ist regelmäßig im Fernsehen zu sehen und gehört zum Ensemble des Münchner Residenztheaters. Dort ist Thomas Loibl nun in Schillers „Don Karlos“ zu erleben. Wir sprachen vor der Premiere mit dem 49-Jährigen.   

München - Eigentlich ist er noch etwas zu jung für diese Rolle: Thomas Loibl spielt Philipp II. in Martin Kušejs Inszenierung von Schillers „Don Karlos“; Premiere ist am Donnerstag. Der 49-Jährige freut sich vor allem über die unterschiedlichen Rollen und Arbeitsweisen. „Den Wechsel finde ich fantastisch. Die Auseinandersetzung mit einem Drama von Schiller ist natürlich ungleich intensiver als die Vorbereitung für eine Gastrolle in einem Fernsehkrimi. Aber dennoch befruchtet sich das eine durch das andere. Und gerade das genieße ich sehr.“

Welche Relevanz hat „Don Karlos“ heute noch?

Thomas Loibl: Ich empfinde die Auseinandersetzung mit dem Kanon der deutschen Dramenliteratur immer als extrem lohnenswert. Auch wenn manche Themen heute auf den ersten Blick obsolet erscheinen. Im „Don Karlos“ dreht sich alles um die Auseinandersetzung des Neuen mit der Vormacht, es geht um die Aufklärung und den Begriff der Freiheit des Individuums.

Was daran soll junge Leute ins Theater locken?

Loibl: Zu Schillers Zeit ging es plötzlich um den selbstbestimmten Menschen, der denken darf und sich dadurch immer mehr individualisiert. Heute muss man sich fragen, was aus dieser Freiheit geworden ist, um die man damals gerungen hat. Wir individualisieren uns immer stärker und geben gleichzeitig auf seltsame Weise ganz viel von unseren Grundrechten an irgendwelche Großkonzerne ab. Einem scheinbar spontanen Bedürfnis folgend.

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Sie denken an die Datenskandale von NSA bis Facebook?

Loibl: Ich kann mich beispielsweise noch an den riesigen Protest erinnern, den es Anfang der Achtzigerjahre gegen eine Volkszählung gab, die bundesweit erhoben werden sollte. Das waren ja im Grunde genommen banale Dinge, die man damit in Erfahrung bringen wollte. Heute geben wir ein Vielfaches der Daten bei jeder Neuinstallation unseres Smartphones preis. Wir können bisher nur erahnen, was im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung noch alles auf uns zukommt. Wie viele Berufe werden vollkommen überflüssig, wie viele Menschen werden durch Algorithmen ersetzt? Bisher gibt es nur Projektionen. Aber die Hinweise verdichten sich bereits.

Was fasziniert Sie am meisten an diesem Stück?

Loibl: Das Abhandeln von großen gesellschaftlichen Themen, diesen unglaublichen Veränderungen, gezeigt am kleinsten gesellschaftlichen Zellkern, der Familie. Dieses Verbinden von weltpolitischer Bedeutung, immerhin geht es um die Gründung einer freiheitlichen Gesellschaft, mit hoher Emotionalität und einem Generationenkonflikt, den jeder in irgendeiner Weise nachvollziehen kann. Das ist „mit heißem Blut geschrieben“, wie es im Stück heißt. Die innerfamiliären Beziehungen mögen sich geändert haben, aber auch in den liberalsten und aufgeklärtesten Familien wird irgendwann ein Konflikt zwischen Vater und Sohn auftauchen.

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Sie waren Anfang der 2000er-Jahre fest am Residenztheater engagiert. Mittlerweile sind Sie wieder „heimgekehrt“. Was hat sich verändert?

Loibl: Ich vermisse meine alten Kollegen wahnsinnig. Richard Beek zum Beispiel. Von Boysen, Holtzmann und der Stein gar nicht zu reden. Die haben den Geist des damaligen Ensembles verkörpert. Für mich ergaben sie immer so ein wunderbares Bild: Man sah, dass man miteinander auf der Bühne und zusammen mit dem Publikum alt werden konnte. Diese Kontinuität fehlt mir. Aber gleichzeitig war sie damals auch ein Argument für mich, nach zehn Jahren bei Dieter Dorn wegzugehen und als freier Schauspieler zu arbeiten.

Aus München sind Sie aber nicht weggegangen.

Loibl: Nein. Mir wurde kürzlich bei einer Veranstaltung des Freundeskreises auch wieder deutlich, was ich an dieser Stadt so mag. Es gibt hier ein breites, interessiertes Bürgertum, das sich für Theater und generell für Kulturthemen nicht nur interessiert, sondern auch engagiert. Die Theatergänger lehnen sich hier nicht zurück und wollen nur konsumieren, sie machen mit und formulieren ihre Bedürfnisse.

Das klingt gefährlich...

Loibl: Gefährlich wäre eine Antwort wie zum Beispiel: „Das macht dann halt der Markt.“ Wenn man versucht, ausschließlich über Besucherzahlen zu argumentieren, wie Kultur auszusehen hat, dann wird die Diskussion schnell heikel.

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Heraus käme immer ein kulturell kleinster gemeinsamer Nenner, der keinen mehr begeistert.

Loibl: Das Infragestellen aufgrund von Kosten-Nutzen-Bilanzen betrifft ja längst nicht mehr nur den Kulturbereich. Es ist immer schwierig, sich jemandem zu stellen, der ausschließlich die Zahlen und Bilanzen sieht und nicht das, was dahintersteht. Deswegen ist es so wichtig, dass es diese Enthusiasten heute gibt und die Institutionen am Leben zu erhalten, egal ob Theater, Museen oder Bibliotheken. Früher waren derlei Einrichtungen eine Selbstverständlichkeit, heute werden sie zunehmend infrage gestellt. Darauf kann man aber nicht einfach nur antworten: „Das muss eben so sein.“ Mit dieser Reibung leben wir und wollen uns damit auseinandersetzen.

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