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„James Bond“ – Furioses Finale in „Keine Zeit zu sterben“

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Von: Michael Schleicher

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Szene aus dem „James Bond“-Film „Keine Zeit zu sterben“ mit Daniel Craig in der Hauptrolle.
Kurz vor Dienstschluss: „Keine Zeit zu sterben“ ist der letzte Auftritt von Daniel Craig als James Bond. © Nicola Dove/© 2021 DANJAQ, LLC AND MGM. ALL RIGHTS RESERVED

Endlich im Kino: „Keine Zeit zu sterben“ ist nicht nur der 25. „James Bond“. Der Film ist zugleich der fünfte und letzte Auftritt von Daniel Craig als 007. Unsere Filmkritik, garantiert Spoiler-frei:

Es ist aber auch ein Schlamassel mit der Zeit. Oft zerrinnt sie uns zwischen den Fingern, dann wiederum kann’s nicht flott genug gehen. Er solle schneller fahren, feuert Madeleine Swann zu Beginn des neuen „James Bond“ den Agenten an. „Wir haben alle Zeit der Welt“, entgegnet 007 gelassen, der im pittoresken süditalienischen Matera mit der Geliebten entspannen will.

Während „Spectre“, der Vorgängerfilm, 2015 der Frage nach der Bedeutung von Regeln fürs Zusammenleben nachging, ist „Keine Zeit zu sterben“ ein Nachdenken über die Zeit. Was sie mit jedem Einzelnen macht. Wie sie Beziehungen und Blickwinkel verändert, dadurch neue Verbindungen ermöglicht, alte Feindschaften relativiert. Das Drehbuch des 25. Bond-Abenteuers lässt dieses Grundmotiv in vielen Momenten anklingen, das ist spannend, unterhaltsam und ja, auch nachdenkenswert.

„Keine Zeit zu sterben“: Cary Joji Fukunaga führte Regie beim 25. „James Bond“

Keine Frage: Regisseur Cary Joji Fukunaga hat ein geschicktes Händchen im Umgang mit der Zeit, mit dem Wechsel von ruhigen und rasanten Szenen, von Komik, Gefühl, Action. Das sorgt dafür, dass seine Arbeit mit 163 Minuten einer der längsten „James Bond“-Filme in der Geschichte ist – und dennoch keinen Augenblick langweilig. Noch vor dem Vorspann hat Fukunaga derart Tempo in den Thriller gepumpt, als müsse er all die Monate aufholen, die seit dem ursprünglich geplanten Starttermin 2019 verstrichen sind. Das Warten hat sich gelohnt – und man kann es den Verantwortlichen nicht hoch genug anrechnen, dass sie im Lockdown nicht der Versuchung erlegen sind, „Keine Zeit zu sterben“ als Stream zu verheizen: Dieser Film muss ins Kino.

Es ist der fünfte und letzte Auftritt von Daniel Craig als Bond, sein furioses Finale. Doch zunächst sehen wir den Agenten im Ruhestand: Lässig lebt er auf Jamaika, die Lizenz zum Töten hat er abgegeben. Da bittet ihn sein CIA-Kumpan Felix Leiter um Hilfe bei der Suche nach einem entführten Wissenschaftler. Die Aktion führt dazu, dass sich (nicht nur) Bond alten Gegnern und Verletzungen stellen muss. Der Entführte arbeitet an einer Biowaffe, die in der Hand von Bösen alle bedroht: Durch Berührung töten Menschen einander.

„Keine Zeit zu sterben“ ist der letzte Auftritt von Daniel Craig als James Bond

Bond muss zunächst aber zurück an den Beginn. Da steht er am Grab von Vesper Lynd, der großen Liebe, die 2006 in „Casino Royale“, Craigs erstem Auftritt als 007, den Freitod wählte, weil sie mit ihrem Verrat nicht leben konnte. Fukunaga schließt hier einen Kreis und gibt Gelegenheit, auf die Entwicklung der Figur in den vergangenen 15 Jahren zu blicken. Nicht nur 007 ist das Alter anzumerken, immer tiefer werden im Lauf des Films die Furchen in seinem Gesicht. Auch an M, bei dem Ralph Fiennes zur britischen Blasiertheit immer mehr Herz mischt, ist die Zeit nicht spurlos vorbeigegangen. Irgendwann muss er sich von seinem Agenten die Frage gefallen lassen, ob sein Schreibtisch größer oder er kleiner geworden sei. 007 spielt da auf Ms körperliche und charakterliche Verfassung an.

James Bond war nie mitfühlender als in „Keine Zeit zu sterben“

Am deutlichsten sind die Veränderungen freilich am Helden selbst auszumachen. Craig hat den Charakter von Beginn an verwundbar gezeigt; das war auch eine Reaktion auf den Erfolg von Kinohelden wie Jason Bourne. „Keine Zeit zu sterben“ vollendet nun diesen Prozess: Bond darf nicht nur erschöpft sein und Schmerzen haben. Craig setzt auf eine breite Gefühlspalette und schließt im letzten Kapitel die Menschwerdung der Figur ab. Deren erster Satz lautet hier: „Are you okay?“ So mitfühlend war Bond noch nie.

Szene aus „Keine Zeit zu sterben“ mit einem maskierten Kämpfer.
Wer verbirgt sich hinter der weißen Maske? „Keine Zeit zu sterben“ blickt auch zurück auf die Vergangenheit der Figuren. © Christopher Raphael/© 2021 DANJAQ, LLC AND MGM. ALL RIGHTS RESERVED

Geändert haben sich auch die Frauenrollen, ein Glück. Auf Wunsch von Craig hat nun Autorin Phoebe Waller-Bridge am Skript mitgearbeitet, das den weiblichen Charakteren tolle Szenen bietet: Lashana Lynch beeindruckt durch facettenreiches Spiel als MI6-Agentin, die als 007 geführt wird („Es ist nur eine Zahl“). Ana de Armas nutzt ihren Auftritt, um zu zeigen, dass Stil, Humor und Feuerkraft problemlos zusammengehen. Und Léa Seydoux, die derzeit auch in „The French Dispatch“ sowie in „Die Geschichte meiner Frau“ im Kino zu sehen ist, macht nicht nur den Grund für die Zerrissenheit der Psychologin Swann begreifbar, sondern sorgt zudem für ein blaues Wunder. Ergänzt wird das starke Ensemble durch Christoph Waltz als Blofeld und Rami Malek, der durch Zurückhaltung das Diabolische seines Lyutsifer Safin herausarbeitet.

Welche Zukunft hat „James Bond“? „Keine Zeit zu sterben“ legt erste Spuren

Natürlich geizt der Film nicht mit Anspielungen auf die Historie der Reihe und legt einige spannende Fährten in eine Zukunft ohne Craig. Die Actionszenen sind so beeindruckend wie die Namensliste der Stuntleute lang ist, und Kameramann Linus Sandgren, ausgezeichnet mit einem Oscar für „La La Land“, hat fabelhafte Bilder komponiert.

„Keine Zeit zu sterben“ rundet nicht nur die fünf Werke mit Craig ab. Auch das Finale selbst findet zum Anfang zurück. Am Ende hören wir den Dialog vom Beginn, entscheidend verändert. Nun bedauert Swann, dass die Zeit so schnell vergangen ist. Bond aber tröstet sie in all dem Schlamassel: „Du hast alle Zeit der Welt.“

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