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Johnny Depp in München: Jubel, Dessous und Pfiffe nach dem Tollwood-Konzert

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Von: Michael Schleicher

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Konzert von Jeff Beck und Johnny Depp
Beim Auftritt von Johnny Depp (re.) und Jeff Beck in München waren keine Konzertfotografen zugelassen. Unser Archivbild entstand im Mai 2022 in London. © Foto: Raph Pour-Hashemi/PA Media/dpa

Johnny Depp in München. Der „Fluch der Karibik“-Star trat beim Tollwood als „very special Guest“ von Gitarrist Jeff Beck auf, mit dem er das Album „18“ eingespielt hat. Lesen Sie hier unsere Konzertkritik:

München - Es dauert, aber schließlich spricht er doch. Als Jeff Beck nach vier Stücken und gut 25 Minuten zum ersten Mal ans Mikro geht, um ein paar Worte an die rund 6000 Menschen in der ausverkauften Musik-Arena auf dem Tollwood zu richten, ist offenbar auch die Technik völlig perplex – und vergisst, die Regler hoch zu schieben. Wen wundert’s? Schließlich ist der 78-jährige Brite auf der Bühne nicht gerade als Plaudertasche bekannt, eine angenehme Ausnahme im Rockzirkus. Wurscht also, was er an diesem Mittwochabend (13. Juli 2022) sagt: Beck spricht mit der Gitarre – und erzählt damit sehr viel.

Jeff Beck spielte einst bei den Yardbirds

Der Musiker, der in den Sechzigern kurze Zeit zusammen mit Jimmy Page die Gitarren für die Yardbirds würgte, zeigt zum Auftakt des Konzerts in München, dass er zu Recht als einer der wichtigsten, prägendsten und experimentierfreudigsten Gitarristen unserer Zeit gilt. In weißem Shirt, hellblauer Stoffhose mit weißem Gürtel und Pilotenbrille wandert er mit seiner Fender Stratocaster (weiß, eh klar) sehr hörenswert und mitreißend durch Rock, Jazz, Funk. Er spielt ohne Plektrum, was ihm mehr Gefühl im Anschlag der Saiten erlaubt. Es fasziniert, wie er die Töne perlen, schweben und ineinander verschwimmen lässt.

München: Johnny Depp kommt nach 35 Minuten auf die Tollwood-Bühne

Dabei vergisst Jeff Beck nie, dass er bei aller Brillanz auf eine Band angewiesen ist, die ihm das Fundament für seine Soli baut. An diesem Abend beeindrucken vor allem seine neue Schlagzeugerin Anika Nilles mit ihrem trockenen, ansatzlosen Spiel, das keine Kompromisse zulässt – sowie Bassistin Rhonda Smith, die den Funk ordentlich funkeln und die Temperatur im gut warmen Tollwood-Zelt noch weiter steigen lässt. Diese 35 Minuten von Beck und seinen Kolleginnen und Kollegen sind die musikalisch interessantesten, auch besten dieses Abends. Aber natürlich sind viele Menschen vor allem seinetwegen gekommen: Als Johnny Depp die Bühne entert – die Haarsträhnen hängen malerisch ins Gesicht, der Zigarillo glimmt im Mundwinkel, die Gitarre in Leoparden-Optik hängt tief – brandet heftiger Jubel auf.

Heftiger Jubel für Johnny Depp in München

Wie berichtet, haben sich der Musiker und der Hollywood-Star, den die meisten im Publikum wohl als Captain Jack Sparrow aus den „Fluch der Karibik“-Filmen kennen und lieben, vor einigen Jahren angefreundet. Beck, so wird erzählt, habe Depps Talent fürs Schreiben von Songs erkannt – am Freitag, 15. Juli 2022, erscheint mit „18“ das erste gemeinsame Album. Der Schauspieler, der zuletzt vor allem wegen des Verleumdungsprozesses zwischen ihm und seiner Ex-Frau Amber Heard in den Nachrichten war, wollte bereits als Jugendlicher Musiker werden. Er brach die Highschool ab, um Zeit für seine Band The Kids zu haben. Dann kam ihm die Schauspielkarriere dazwischen – dennoch gründete er vor zehn Jahren mit Sänger Alice Cooper und Aerosmith-Gitarrist Joe Perry die Hollywood Vampires. Die Band gastierte 2018 auf dem Tollwood – im selben Jahr spielte auch Beck ein hoch konzentriertes Konzert in München, im Circus Krone.

Nun sind die beiden Männer gemeinsam zurück in der Stadt. Depp stellt sich gleich zu Beginn als Songwriter vor: „This is a Song for Miss Hedy Lamarr“ ist eine wirklich wundervolle Ballade und tiefe Verbeugung vor der leider heute weitgehend vergessenen österreichisch-amerikanischen Hollywood-Diva und Erfinderin Hedy Lamarr (1914-2000). „Erased by the same World that made her a Star“, singt Depp und begleitet sich dazu auf der akustischen Gitarre: „Ausgelöscht von derselben Welt, die sie zum Star gemacht hat.“ Es folgt das John-Lennon-Cover „Isolation“ – sowie später eine wuchtige und eindrucksvolle Version von „Death and Resurrection Show“ der Killing Jokes – Depp hier mächtig mit Stimmverzerrer und ordentlich Deadnotes-Geschrubbe. Seinen Fans lächelt der Schauspieler immer wieder zu, winkt ihnen – und lässt ansonsten keinen Zweifel daran, dass an diesem Abend Jeff Beck der wahre Star und Könner ist. Gut so.

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Sebastian Horn von den Bananafishbones auf dem Tollwood. © Paul Kemp

Depp ist als „very special Guest“ angekündigt. Ein Gast, der spät zur Party kommt und zeitig wieder geht. Für diesen Quickie gibt’s in der Musik-Arena nicht nur Jubel und rote Dessous vom Publikum für den 59-Jährigen, sondern auch enttäuschte Pfiffe. Denn nach 75 Minuten ist Schluss. Schade, vor allem Beck hätte man gerne länger zugehört. Johnny Depp stand kaum mehr als 40 Minuten auf der Bühne – und damit nur unwesentlich länger als die Bananafishbones. Die Tölzer haben, wie berichtet, den Abend eröffnet. „Wir sind hier, um euch die Zeit zu versüßen, bis es dann wirklich losgeht“, rief Sebastian Horn zur Begrüßung. Das freilich kann nur sagen, wer weiß, dass er sich nicht verstecken muss. Und so war es.

(Parallel zum Auftritt von Jeff Beck und Johnny Depp auf dem Münchner Tollwood spielte Alicia Keys in der Olympiahalle. Unsere Konzertkritik findet Ihr hier.)

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