"Troubadour" tiefer gelegt

Jonas Kaufmann: Das hohe C war gar keines

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Jonas Kaufmann

München - Startenor Jonas Kaufmann, der Manrico in der großen Premiere von Verdis "Troubadour", singt die sogenannte Stretta nicht in der Originaltonart C-Dur, sondern einen Halbton tiefer. Die Staatsoper erklärt den Grund.

Wilde Geschichten gibt es. Von Dirigenten, die im Orchestergraben Zettel hochhalten. Als kurzfristige Information für die Musiker, in welcher Tonart heute die brillante Arie der Diva/ des Divo gespielt werden soll. Ob original oder tiefer gelegt – und damit bequemer, je nach Stress und vokalem Zustand des Solisten. Eine durchaus opernübliche Praxis.

Bei den Münchner Opernfestspielen ist derzeit ein Beispiel dafür zu erleben: Startenor Jonas Kaufmann, der Manrico in der großen Premiere von Verdis Troubadour, singt die sogenannte Stretta nicht in der Originaltonart C-Dur, sondern einen Halbton tiefer – dafür aber immerhin mit beiden Strophen. Es erklingt also nicht das bei Tenören so berühmt-berüchtigte hohe C, sondern nur das hohe H. Kaufmann, tiefer gelegt!

Die Bayerische Staatsoper verweist darauf, dass Kaufmann Di quella pira in Parma bereits mit zwei Strophen inklusive hohem C aufgenommen habe. Aus dramaturgischen Gründen hätten sich Intendant Nikolaus Bachler, Dirigent Paolo Carignani und Regisseur Olivier Py in München auch für die zwei Strophen entschieden. „Die hohen Cs hätten für sein Rollendebüt allerdings wohl ein zu großes Risiko bedeutet“, teilt die Staatsoper mit. „Deshalb wurde entschieden, dass die Tonart um einen halben Ton nach unten transponiert wird.“

Manche Fragen bewegen folglich die Fans: Kommt die Partie also doch zu früh für Kaufmann? Ist sein Terminkalender zu voll, zu konditionsraubend? Wenn es nach Verdi höchstselbst gegangen wäre, dann hätte sich eine solche Diskussion nie entzündet. Der Meister notierte für diese Rolle nämlich gar kein hohes C. Was sich also die Manricos dieser Welt leisten (müssen), das ist effektheischender Tradition geschuldet.

Einen gibt es, dem solch Gegockel ein Graus ist: Riccardo Muti nahm an der Mailänder Scala vor 13 Jahren die Partitur ernst – und verbot seinem Manrico Salvatore Licitra das brünftige C. Muti: „Verdi spannte mit dem untrüglichen Gespür eines genialen Musikers und Theaterpraktikers einen großen dramatischen Bogen, der mit dem hohen Ton mutwillig zerstört wird.“ Wir müssen uns daher entschuldigen: In der jüngsten Kritik unserer Zeitung war vom hohen C die Rede. Wer ahnt schon, dass ein junger Star sich solcher Mittel bedient?

mth

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