tz-Interview zu neuem Buch

Was macht eigentlich Jürgen von der Lippe?

Jürgen von der Lippe würde „Knocking On Heaven’s Door“ spielen, wenn er könnte. In den Rauchzipfel kann er ohne Übung beißen.

München - Heute erscheint das neue Buch von Jürgen von der Lippe. Wir gingen mit ihm durch die Heilig-Geist-Kirche und über den Viktualienmarkt. Was der einstige Geld oder Liebe-Moderator so alles erzählt, lesen Sie hier.

Zwei Seelen (ohne „ach“) schlagen in Jürgen von der Lippes Brust: die derbe und die zarte. Heute erscheint das neue Buch des 66-jährigen fabelhaften Entertainers. Wir gingen mit ihm durch die Heilig-Geist-Kirche (zart) und über den Viktualienmarkt (derb). Was der einstige Geld oder Liebe-Moderator so alles erzählt, lesen Sie hier:

Sie sind einerseits ein eloquenter Schöngeist, andererseits können Sie herrlich schweinigeln. Wie kommt’s?

JvdL: Das eine ist eine Frage des Stilempfindens, das man im Laufe des Lebens zusammengetragen hat. Das andere erbt man vielleicht. Meine Eltern waren beide in Dienstleistungsberufen: die Mutter Köchin, der Vater Barkeeper, und das in einem Etablissement mit gehörig optischen Reizen (in einer Striptease-Bar, d. Red.). Mein Vater war einerseits im Denken sehr liberal – es gibt sogar Anhaltspunkte, dass er die Puppen hat gehörig tanzen lassen …

Was für Anhaltspunkte?

JvdL: Fotografien. Meine Mutter hatte wohl ganz schön zu leiden, hat mir das aber nie erzählt. Aber dafür meiner Frau.

Typisch …

JvdL: Ja. Andererseits hatten meine Eltern eine bestimmte strenge Vorstellung von Erziehung. Wie damals im Karneval: Ich war so 12 oder 13 und öfter verliebt, durfte mich aber nie mit Mädels zum Kino oder Schwimmen treffen. Ich war stinksauer. Die Kirche hatte überall den Daumen drauf. Das lag auch daran, dass Aachen eine katholische Hochburg war. Ich stammte aus keinem bildungsbürgerlichen Elternhaus, es wurde nicht viel gesprochen über Themen wie Liebe, Tod. Und aufgeklärt wurde ich sowieso nicht.

Wer holte das nach?

JvdL: In der siebten Klasse der Kaplan Velten. Ich habe allerdings kein Wort von dem verstanden, wie er das zu erklären versuchte, und musste mir Übersetzungen meiner Mitschüler holen. Mein Glück war in sexueller Hinsicht, dass ich im hohen Alter von 20 Jahren von der Nachbarin zur Brust genommen wurde, die zehn Jahre älter war. Die Entjungferung hat eine Fachkraft übernommen. Das war der Beginn einer sehr glückhaften Zeit der Betätigung. Da hatte wohl jemand eine schützende Hand über mich.

Und das, obwohl Sie ja nicht an Gott glauben …

JvdL: Ich bin ein glücklicher Agnostiker. Ich sage nicht, dass es Gott nicht gibt, aber seine Existenz oder Nichtexistenz kann nicht bewiesen werden. Mein Lieblingssatz ist: Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn. Das ist wunderbar. In der Kindheit war ich gläubig, und je älter ich werde, desto stärker verklärt man diese Zeit. Aber wenn man Gott erst einmal verloren hat, lässt sich die Zeit nicht zurückdrehen. Zudem bin ich kein atheistischer Eiferer. Wenn ich Bach höre oder in eine schöne Kirche gehe, kann man sich dem Zauber nicht entziehen. Warum auch? Ich kann als Agnostiker doch genießen. Aber wer im Glauben steht, ist zu beneiden.

Aber Glauben ohne Zweifel kann viel Unheil bringen …

JvdL: Das Schlimmste an den Terroranschlägen wie jetzt in Paris sind nicht nur die toten Menschen. Sondern auch, dass 99,9 Prozent aller Islam-Gläubigen völlig friedlich sind und jetzt in ein falsches Licht gerückt werden. Terror befördert Fremdenhass. Ich habe es als langjähriger Deutschlehrer immer als sehr beglückend und absolut bereichernd empfunden, mit anderen Kulturkreisen zusammen zu sein. Aber ich kann auch die andere Seite verstehen – gerade in dörflichen Regionen –, die das Fremde als Bedrohung empfindet. Der Islam hat einen Expansionsgedanken – wie ihn der Katholizismus ja schon seit vielen Jahrhunderten praktiziert. Für Aggressionen gegenüber Fremdem gibt es übrigens genug Beispiele in der Tierwelt.

Eines davon?

JvdL: Es gibt einen Versuch, wo ein Wellensittich anders angemalt wurde, und die Artgenossen haben ihn totgehackt.

Was gibt es für eine Lösung gegen pseudoreligiös motivierten Terrorismus?

JvdL: Ich glaube, das Problem wird noch ein Jahrhundert bestehen. Es löst sich dann friedlich auf, wenn es eine Trennung von Kirche und Staat gibt, wie sie bei uns existiert. Die strengen religiösen Vorschriften im Alltagsleben der Welt, wo man heute in jeden Winkel gucken kann, sind fehl am Platz. Es ist allerdings genauso scheiße, wenn der Westen sagt: Wir bringen euch die Demokratie. Das ist imperialistisch und braunes Gedankengut.

Vielleicht würde ein bisserl von dem helfen, was Sie als Entertainer so einmalig ausstrahlen: Gelassenheit …

JvdL: Die wird in der Unterhaltungsbranche zurückkehren. Noch schneller als heute kann es nicht werden. Alle Unterhaltung läuft zyklisch, man kann das Rad ja nicht neu erfinden. Die Entschleunigung wird kommen.

Und im Leben?

JvdL: Da gibt es genug Indizien. Stichwort Burnout, das ein großes Thema ist. Dahinter steht Überforderung und vielleicht eine schwere Depression. Viele sind im Beruf unnötig gestresst. Das Medienangebot überzieht heute sämtliche Bereiche und widmet sich allen privaten Themen: Aussehen, Fitness, Sexualität. Wenn Männer anfangen, sich ihre Titten liften zu lassen, dann fehlt’s weit. Die haben nicht mal verstanden, dass Frauen nicht auf Titten starren. Das ist fatal und unnötiger Stress.

Was stresst Sie persönlich?

JvdL: Wenn Sie mir jetzt sagen: Jürgen, nimm den Autoschlüssel und das Paket und fahre es durch die Stadt. Ich hasse Autofahren. Wenn ich in Spanien bin, muss ich das. Ich koche schließlich gerne, und das will ja eingekauft sein. Und mich würde es stressen, in ein Land zu fahren, wo ich die Sprache nicht kann.

Aber Sie sind doch gerade in Bayern …

JvdL: Da kann ich mich zumindest mit Händen und Füßen verständigen. Außerdem war ich hier ein Jahr beim Bund. Ein halbes in Starnberg, ein halbes in Feldafing. Wobei ich an meine Erstkontakte zum bayerischen Volksstamm zwiespältige Erinnerungen habe.

Die da wären?

JvdL: Ich steige das allererste Mal auf dem Weg zur Kaserne am Starnberger Bahnhof aus und laufe den Bahnsteig entlang, als mich von hinten jemand anspricht: „Nemman S’ Eahne Fiass hoch.“ Er hat daran Anstoß genommen, dass ich die Füße nicht ordentlich anhebe beim Laufen. Und ich erinnere mich an meinen ersten Biergartenbesuch: Ich bestellte Weißwurst und wollte Pommes dazu. Die Bedienung sagte: „Was wollen Sie? Des gibt’s ned!“ Ich sagte: „Ich möchte eine Weißwurst und ein Mal Pommes, das steht beides auf der Speisekarte, und ich kaufe sie einzeln.“ Und sie: „Na.“ Ich bekam sie nicht.

Was mögen Sie als Gourmet lieber: kochen oder essen?

JvdL: Für einen Unterhaltungskünstler, dessen Sinnen und Trachten darin besteht, das Publikum zufriedenzustellen, möchte ich die Reaktion sehen. Ich will ja mit meiner Kreation begeistern. Das Kochen befriedigt mich aber auch zutiefst. Das Schönste ist, wenn man ausgeht und nicht mit einem Glückserlebnis gerechnet hat. Wenn man feststellt, dass ein begnadeter Koch am Werk ist. Dann hole ich ihn aus der Küche und sage ihm: „Ich wollte mich bedanken. Sie werden hier sicher nicht mehr lange arbeiten.“

Aber das sagten Sie nicht missverständlich?

JvdL: Natürlich nicht.

Interview: Matthias Bieber

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