Erste Premiere unter Intendant Matthias Lilienthal

Kammerspiele: Ganz neu und ganz klassisch

München - Kammerspiele-Chefregisseur Nicolas Stemann hat die Intendanz von Matthias Lilienthal mit Shakespeares "Kaufmann von Venedig" eröffnet. Unser Fazit: Es geht auch anders, aber so geht es auch.

Er stellt keine Einzel-Entwicklung mehr heraus, verteilt den Text auf sechs Schauspieler (Hassan Akkouch, Niels Bormann, Walter Hess, Jelena Kulic, Julia Riederer, Thomas Schmauser), sodass jeder ein Stück Antonio, Shylock, Bassanio, Mann oder Frau ist. Das heißt: Keiner kann sich mehr herausreden, keiner sich an irgendeiner Stelle für nicht betroffen halten – alle sind für alles verantwortlich.

Stemann legt die fast unvereinbaren Stränge von Shakespeares Stück bis auf die Knochen bloß und übergibt sie nicht nur seinen Schauspielern, sondern auch dem Publikum zum Entwirren und genauen Mitdenken. Das nimmt den Appell an, verlässt das passive „Sich-was-Erzählen-Lassen“ und steigt ein ins Abwägen von Schuld und Schulden, in die gefährlichen Verbindungen von Geld und Macht, Liebe und Geld.

Das ist eine hochinteressante Lesart – weit ab von der heute üblichen Klassiker-Demontage und ganz ohne das wohlfeile „Das geht heute nicht mehr“. Auf seine Weise lässt Stemann den Shakespeare ganz unbeschädigt, lässt ihn eben nur von Menschen von heute spielen. Nicht allen gefiel das. Sie klagten, wie Buhrufe am Schluss bewiesen, die durcherzählte Geschichte ein. Aber die Mehrzahl ging mit.

Stemann arbeitet mit einer weiten, offenen, an den Seiten raumhoch mit Silberfolie ausgeschlagenen Bühne (Karin Nottrodt). Wenig Möbel, ein paar kleine Bildschirme für Videos. Oben eine Textleiste, über die Original-Shakespeare auf Englisch läuft. Das alles hat unwirtlichen Studio-Charakter.

An der Handlung wird nicht gerüttelt: Der flotte Bassanio bittet – ausgerechnet – seinen Liebhaber Antonio, ihm Geld zu leihen, um die schöne Portia heiraten zu können. Der ist nicht flüssig, weil seine Schiffe auf See sind. Er bittet den reichen Juden Shylock, den er seine Verachtung immer hat spüren lassen, ihm auszuhelfen. Shylock verlangt, falls nicht pünktlich zurückgezahlt wird, ein Pfund Fleisch aus Antonios Körper. Das wird auch fällig, weil Antonios Schiffe sinken. Zu Gnade ist Shylock nicht bereit. Doch die als Richter verkleidete Portia erkennt: „Fleisch“ war das Pfand. Da das aber ohne Blut nicht zu haben ist, ist es verfallen.

Stemann inszeniert ein Stück der Jugend. Bassanio und Portia, Nerissa und Lorenzo brechen aus der Welt der Väter aus, toben, tanzen, singen und lieben auf der Bühne herum, feiern eine heiße Hochzeitsparty, übernehmen aber dann doch Shylocks berühmten Monolog mit dem Satz: „Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?“ und zeigen andere Ausgegrenzte: Schwule, Araber, und, zum großen Gelächter des Publikums: Frauen.

Auf die nächsten Taten von Stemann sind wir gespannt.

Beate Kayser

Rubriklistenbild: © dpa

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