Filmkritik: Philipp Stölzl beeindruckende „Schachnovelle“ nach Stefan Zweig

„Schachnovelle“: Spielen am Rande des Wahnsinns

Szene aus der „Schachnovelle“: Josef Bartok (Oliver Masucci, re.) spielt Schach gegen Weltmeister Mirko Czentovic. Oder bildet er sich das nur ein?
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Eine Partie mit dem Großmeister: Josef Bartok (Oliver Masucci, re.) spielt Schach gegen Weltmeister Mirko Czentovic. Oder bildet er sich das nur ein?

Regisseur Philipp Stölzl hat die „Schachnovelle“ von Stefan Zweig fürs Kino inszeniert. In der Hauptrolle beeindruckt Oliver Masucci. Unsere Filmkritik:

Da liegt er am Boden, in den Winkel zwischen Parkett und Wand gedrückt. Körperlich unversehrt, soweit sich das sagen lässt. Doch seine Seele ist verwüstet, die Nerven sind dünn wie abisolierter Kupferdraht und gespannt wie die Sehne am Bogen eines Sportschützen. Die Isolationshaft der Nazis hat diesem Josef Bartok, einst erfolgreicher Anwalt in Wien, alles entzogen: seine Selbstsicherheit, seine Gewissheiten, das bisherige Leben.

„Schachnovelle“ ist Stefan Zweigs letztes Werk

Die Not hat sich ein Ventil gesucht. Bartok hat in seinem Hotelzimmer, das seine Zelle ist, so sehr gewütet wie die Peiniger in seinem Innern. Das Bettzeug gefleddert, die Matratze durch den Raum geschleudert. Als er jedoch erschöpft da liegt, scheint plötzlich die Sonne durchs Fenster – und der Bettrost wirft Schatten: ein Muster aus kleinen Quadraten. Ein Schachbrett! Jetzt ist so etwas wie Hoffnung in Bartoks Gesicht, er findet seine Fassung wieder, denn Schach verspricht Ablenkung, Halt, ja: Stärkung gegen den Terror der Isolationshaft.

Es ist eine der eindringlichsten Szenen in einem Film, der oft starke Bilder findet. Und Oliver Masucci, der Bartok spielt, glückt in diesem Moment ein tiefer, unmittelbarer Zugang zum großen Leid der Figur.

Philipp Stölzl hat die „Schachnovelle“ von Stefan Zweig (1881-1942) fürs Kino adaptiert und das letzte, wohl bekannteste Werk des österreichischen Autors sehr überzeugend interpretiert. Im Zentrum steht der Anwalt Josef Bartok, den die Nazis nach ihrem Einmarsch in Wien 1938 sofort verhaften, da sie ihm die Zugangsdaten zu den Konten seiner Klienten abpressen wollen. Von seinen Peinigern unbemerkt kommt Bartok irgendwann an ein Schachbuch.

Er hatte sich Gehaltvolleres erhofft, doch seine Not wird mit jedem Tag größer – und bald beginnt er, die Partien nachzuspielen: Hauptsache, er hat etwas, womit er das zähe Fließen der Zeit strukturieren kann. Bartok spielt gegen sich selbst – bis an den Rand des Wahnsinns.

„Schachnovelle“ blickt tiefer in den Abgrund als Stefan Zweig dies tut

Stölzl und Drehbuchautor Eldar Grigorian, dessen exakt ausgearbeitetes Skript beeindruckt, blicken tiefer in den Abgrund, als Zweig das im Text macht. Und sie werden konkreter. Während der Schriftsteller diskret (und damit distanziert) von „Dr. B.“ spricht, gönnt Stölzl seinem Juristen einen vollen Namen und zeigt obendrein das glückliche, satte Leben dieses Josef Bartok. So bringt er ihn dem Publikum näher. Zudem nimmt Stölzl sich Raum, um die letzten Stunden der Republik zu begleiten, bevor Österreich dem Hitler-Reich beitritt, und findet: Sorglosigkeit, auch Überheblichkeit, mit der nicht nur Bartok das Unheil nicht sieht, nicht sehen kann, nicht sehen will. Der Absturz wird dadurch umso heftiger. Geschickt webt der Regisseur (ebenfalls im Unterschied zu Zweig) das Odysseus-Motiv in seine Inszenierung ein. Denn nichts anderes ist seine Hauptfigur: ein Suchender – nach einem Ausweg, nach einer Form des Widerstands. Am Ende wird er die brutalste Form der Rettung finden.

Bemerkenswert ist, wie behutsam Stölzl, der gern groß arbeitet (auch arbeiten muss: sein Bregenzer „Rigoletto“ etwa wäre sonst im Bodensee abgesoffen), gerade die scheinbar kleinen, leisen Szenen inszeniert.

„Schachnovelle“ ist ein toller Ensemblefilm

„Schachnovelle“ ist ein toller Ensemblefilm; der Regisseur kann es sich leisten, selbst Nebenrollen mit Leuten wie Birgit Minichmayr oder Samuel Finzi zu besetzen. Dem sehr oft großartigen Albrecht Schuch gelingt es, im Gestapo-Mann Böhm nicht nur die Perfidie des Gewalttätigen zu zeigen, sondern auch den Menschen. Getragen wird die Produktion jedoch von Oliver Masucci, der das innere Wogen des Josef Bartok mit unbarmherziger Akribie entblättert, bis am Ende die Seele des Geschundenen schutzlos vor uns liegt. Großes Kino.

Lesen Sie hier unser Interview mit Hauptdarsteller Oliver Masucci.

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