Konzertkritik

Klassik am Odeonsplatz: 15 Grad - aber niemand fror

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Auch auf der Schreibmaschine ist Schlagzeuger Martin Grubinger ein Virtuose – hier bei der „Typewriter“-Zugabe im Samstagskonzert. 

Der Sommer hat sich zum Start von „Klassik am Odeonsplatz“ verabschiedet.  In Jacken, Decken und Mützen lauschten die Zuhörer Rhythmusspektakel oder Walzer. Die Kälte war da schnell vergessen.

München - Nein, in Münchens schönstem Open-Air-„Saal“ regnete es am Samstagabend nicht. Aber ein kühler Wind sorgte dafür, dass heuer Decken, dicke Jacken und sogar Mützen zum Einsatz kamen. Ausgerechnet zur Eröffnung von „Klassik am Odeonsplatz“ mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks war von lauer Sommernacht nichts zu spüren. BR-Hörfunkdirektor Martin Wagner und Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers setzten deshalb bei ihrer Begrüßung auf die Erwärmung der Herzen – durch die Musik.

Wundervolle Kulisse am Münchner Odeonsplatz.

Die BR-Symphoniker waren in großer Formation in der Feldherrnhalle angetreten, die illuminiert war in Lila und Violett, Rot und Grün, auch in sattem Orange. Zur Rechten strahlte die renovierte Theatinerkirche in frischem Gelb, derweil sich zu Füßen des Orchesters kleine Palmen im Wind wiegten. Manfred Honeck stand am Pult, und wem die mächtigen, steinernen Löwen den Blick verstellten, der konnte den strahlenden Dirigenten auf der Leinwand beobachten. Bevor Honeck mit dem Ensemble Carl Michael Ziehrers „Hereinspaziert!“ walzern ließ, sorgte sein österreichischer Landsmann Martin Grubinger für ungewohntere Töne. Der Schlagzeuger (eingesprungen für Pianist Lang Lang) setzte nicht auf die kracherten Qualitäten seines Instrumentariums, sondern ganz auf rhythmische und dynamische Differenzierungen. Da mussten die vielen tausend Zuhörer schon mal die Ohren spitzen, um alle Feinheiten dieses Percussion-Zauberers mitzubekommen.

Und dann stellte sich Wiener Neujahrskonzertstimmung ein

Natürlich half die ausgeklügelte Technik, und so konnte jeder das Aufeinanderschlagen der Steine hören, mit denen Grubinger den „Summer“ aus Tan Duns _„Tears of Nature“ eröffnete. Danach beschwor er an den Pauken – unterstützt vom Orchester oder auch in Zwiesprache mit den Holzbläsern – (Urwald-)Geräusche und Klänge herauf, die zu einer fast Bolero-artigen Steigerung führten. In John Coriglianos Satz „Metal“ aus dem Konzert „Conjurer“ für Schlagzeug und Streichorchester kontrastierten die metallischen Töne von Röhrenglocken, Becken und Vibraphon zum sanften, melodiösen Streicherklang, der aus einer anderen Welt zu kommen schien. Da griff selbst der Schlagzeuger zum Bogen und entlockte dem Vibraphon zarte Schwingungen. In Bruno Hartls eigens für Grubinger komponiertem Opus entfachte der Salzburger dann ein wildes Rhythmusspektakel. In wachem Einvernehmen mit dem Dirigenten und dem ebenfalls perkussiv geforderten Orchester reizte er die Dynamik aus und schwelgte im warmen Marimba-Sound der Solo-Kadenz. Bei aller Virtuosität – gefällig war das nicht, was Martin Grubinger mit den Werken dreier lebender Komponisten dem mit Prominenz durchsetzten Publikum bot. Es reagierte auch etwas verhalten.

Beim Wiener Walzer kam Neujahrskonzertstimmung auf.

Mit Ziehrers Walzer, den böhmisch angehauchten Melodien aus Dvořáks „Rusalka“ und mit Schostakowitschs „Suite für Varieté-Orchester“ machten es Manfred Honeck und die BR-Symphoniker den Zuhörern schließlich leichter. Da stellte sich mitten im Münchner Sommer ein bisschen Wiener Neujahrskonzert-Stimmung ein. Das von seinem Chef Mariss Jansons in Sachen Schostakowitsch gestählte Ensemble nutzte die Chance, die Unterhaltungsmusik-Qualitäten von Schostakowitsch herauszustellen. Walzer, Marsch, Polka und Foxtrott tauten das Publikum schließlich restlos auf, und Martin Grubinger brachte es als „Typewriter“ mit seiner Schreibmaschinen-Zugabe zuletzt doch in Wallung. Bei mittlerweile 15 Grad.

Gabriele Luster

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