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Klaus Lemke ist tot: Mach’s gut, Cowboy!

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Von: Michael Schleicher

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Klaus Lemke, Filmemacher
In einem Aufzug, irgendwo in seinem geliebten Schwabing: Klaus Lemke (1940-2022). © Klaus Haag

Klaus Lemke ist tot. Der legendäre Münchner Filmemacher ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Lesen Sie hier unseren Nachruf.

„Mach’ dich gerade, Cowboy.“ War so ein Spruch von ihm. Heul’ nicht, hieß das. Jetzt ist es an der Zeit, sich diesen Satz immer wieder ins Hirn zu knallen. Denn Klaus Lemke ist tot, das bestätigten künstlerische Weggefährten dem „Münchner Merkur“. Lemke, der Regie-Rebell, die Schwabinger Legende, der Straßen-Cowboy und selbst ernannte „Bad Boy“ des deutschen Films, ist im Alter von 81 Jahren gestorben – einen Tag, nachdem das Bayerische Fernsehen seinen jüngsten Film „Champagner für die Augen – Gift für den Rest“ als TV-Premiere gezeigt hat. Die Dokumentation ist eine Liebeserklärung des Filmemachers ans München der Siebzigerjahre – jene Dekade, in der Lemke seinen späteren Ruf als Kult-Regisseur begründete.

Klaus Lemke entdeckte Iris Berben und Wolfgang Fierek

Was die Stimmung in dieser Stadt angeht, konnte ihm lange schon keiner mehr was vormachen. Lemke hat damals das Genre der Münchner Milieu-Komödien geschaffen – mit Filmen wie „Idole“ (1975), „Amore“ (1977, ausgezeichnet mit dem Grimme-Preis) oder „Ein komischer Heiliger“ (1978). Das seien Arbeiten, „die die Vorstellung von dem, was ein bayerischer Film sein kann, bis heute verändert haben“, sagte er einmal im Gespräch. Damals brachte er Laien wie Cleo Kretschmer, Dolly Dollar, Iris Berben und Wolfgang Fierek zum Film – ein Prinzip, dem er bis zu seinen letzten Arbeiten treu geblieben ist: Lemke verzichtete irgendwann im Lauf seine Karriere grundsätzlich auf Profi-Schauspieler.

Klaus Lemkes Durchbruch war „48 Stunden bis Acapulco“

Klaus Lemke wurde 1940 in Landsberg/Warthe im heutigen Polen geboren. Das Studium der Philosophie und Kunstgeschichte in Düsseldorf brach er ab und arbeitete am Theater. Fritz Kortner soll ihn an den Münchner Kammerspielen nach nur vier Tagen als Assistent gefeuert haben. Ab 1965 entstanden erste Kurzfilme. 1967 machte ihn sein erster Langfilm „48 Stunden bis Acapulco“ quasi über Nacht bekannt.

Lemkes „Rocker“ ist bis heute Kult in Hamburg

Zunächst orientierte sich Lemke noch stark am US-amerikanischen und französischen Kino. Seine bis heute umwerfend starke Hamburger Milieu-Studie „Rocker“ sorgte 1971 für Aufsehen und ist bis heute Kult in der Hansestadt. Bereits damals fand er seine Darsteller auf der Straße. Und es ist die Sprache der Straße, gerne auch Dialekt, die er in Filmen hören wollte. „Das größte Unglück ist, dass US-Schauspieler wie Robert de Niro bei uns Deutsch sprechen. Selbst in der besten Synchronisation redet de Niro Goethe-Deutsch. Da fehlt der Subtext der Filme. Den hole ich rein, wenn ich mit Leuten von der Straße arbeite.“

Lemke gehörte einst zum Kino-Establishment

Nicht nur das: Wenn Lemke zuletzt mit einem Film begann, dann hatte er kein fertiges Drehbuch, das er Szene für Szene verfilmte. „Der Riss zwischen den Schreibtischen, an denen Drehbücher geschrieben werden, und dem Leben wird immer breiter“, schimpfte er gerne. Das Ergebnis sei „Augsburger Puppenspiel“. Und das war definitiv nichts für einen Kerl wie Lemke. Er wollte rigoroser sein, unabhängiger, vor allem: näher ran ans Leben. Dabei hatte er einst selbst zum Kino-Establishment gehört. Er hat Filme gedreht, in denen er für Aufnahmen aus dem Helikopter so viel Geld ausgegeben hat, wie er später für eine gesamte Produktion brauchen sollte. Als seine Arbeiten drohten, Konfektionsware zu werden, hat Lemke mit der Filmerei aufgehört und hat als Reporter für die „Quick“ aus der Welt berichtet.

„Film muss raus aus dem Gefängnis der Filmförderung“

Alles, was er später machte, bezahlte er aus eigener Tasche. 50 Euro bekam jeder, der mitmachte, pro Drehtag. Etwas mehr als 50.000 Euro kosteten die Filme in der Regel, eine Hälfte finanzierte er vor, drehte, bis die Kohle weg war. Dann ging er mit dem halbfertigen Material zu einem Sender, meist dem ZDF oder dem WDR. Im besten Fall verkaufte er den Film und drehte ihn mit dem Erlös zu Ende. Derart radikal und konsequent war kein anderer: „Film muss raus aus dem Gefängnis der Filmförderung“, sagte Lemke. Und so konsequent und unbestechlich, wie er gearbeitet hat, hat er auch sein Leben gelebt. Mach’s gut, Cowboy! Und wir machen uns jetzt gerade.

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