Von 10. April bis 5. Oktober

Körperwelten: So wird die Ausstellung in München

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Durch die spektakuläre Präsentation kommt die Aufklärung besser bei den Betrachtern an.

München - Gunther von Hagens' Körperwelten kommt wieder nach München. Die Köperschau gastiert vom 10. April bis 5. Oktober in der Kleinen Olympiahalle. Hier erfahren Sie die Details.

Der Zyklus des Lebens zeigt die Entwicklung des Körpers im Lauf der Zeit: wie er entsteht, reift und wächst, seine Gesundheit, seine Hochzeiten und schließlich das Schwächerwerden im Alter.

Ein Basketballer aus der Ausstellung.

„Plastinierte Körper erzählen den Zyklus des Lebens als natürlichen Prozess“, erklärt Angelina Whalley (53). Die Ärztin – dunkle lange Locken, eine elegante Erscheinung – ist die Kuratorin der Körperwelten-Ausstellung und seit mehr als 20 Jahren mit deren Schöpfer Gunther von Hagens verheiratet. Seit der 69-Jährige an Parkinson erkrankt ist, organisiert sie die inzwischen erfolgreichste Wanderausstellung weltweit. 40 Millionen Menschen haben Körperwelten schon gesehen. Dieser Mega-Erfolg liegt laut Angelina Whalley auch daran, dass keine Körper aus Wachs oder Plastik ausgestellt sind, sondern die Körper echter Menschen, die nach deren Tod plastiniert wurden: „Die Leute sehen, wie zerbrechlich, verletzlich und zugleich stark ein Körper ist und begreifen, dass das Leben das Wunder ist und der Tod der Normalzustand“, sagt Whalley.

Präparate aus Wachs oder Plastik würden niemanden so tief in der Seele berühren, sagt sie, außerdem seien diese niemals von der gleichen Qualität. Und es geht von Hagens und Whalley darum, medizinische Laien in die Ausstellung zu locken. Nicht um zu schockieren, sondern um das Wissen und das Verständnis über den Körper zu erweitern. Dabei helfen auch die effektheischenden Darstellungen der Plastinate – man sieht sie beim Pokern, Bogenschießen, Fußballspielen oder an der E-Gitarre. „Die Ausstellung ist keine medizinische Vorlesung, wir merken uns das, was uns fesselt“, sagt Whalley: „Ein guter Lehrer ist immer auch ein guter Entertainer!“ Zweck der Ausstellung ist gesundheitliche Aufklärung. Mit langweiligen Präparaten würde man die nicht erreichen, ist Whalley überzeugt.

Zwei Drittel der Besucher geben nach dem Besuch der Ausstellung an, gesünder leben zu wollen. Viele setzen den Wunsch auch gleich in die Tat um: Neun Prozent hören auf zu rauchen, 25 Prozent machen mehr Sport und 33 Prozent ernähren sich gesünder. Schautafeln und Filme über beispielsweise Gefäßverengungen und eine echte Raucherlunge neben einer gesunden tragen mit Sicherheit dazu bei. Und tatsächlich: Wenn man durch eine Körperweltenausstellung geht – die tz war in Bologna und hat sich dort die Präsentation angeschaut, um sich ein Bild zu machen – bleiben Gruseleffekte aus. Kein Körper ist entstellt. Die feinen Sehnen und Nerven, das ausgeklügelte Zusammenspiel der Muskeln und die komplexen Zusammenhänge im Körper – die Plastinate machen all das begreiflich.

Seit 1996 zeigt das Institut für Plastination unter dem Titel Körperwelten öffentliche Ausstellungen echter Leichname. Dabei hatte von Hagens seit jeher viele Kritiker. In deren Augen ist der Heidelberger Anatom einfach nur „Dr. Tod“. Auch die erste Schau in München 2003 war von großem Wirbel begleitet. Kurz vor dem geplanten Start wurde die Ausstellung damals vom Stadtrat verboten. Das Magazin Der Spiegel titelte damals „Lieber Bier- als Plastikleichen“. Von Hagens zog gegen das Verbot vor Gericht. Das bestätigte zunächst die Entscheidung der Stadtpolitiker. Auf eine weitere Beschwerde von Hagens’ konnten die Richter „keine Verletzung der Menschenwürde“ durch die Körperwelten erkennen und erlaubte sie. Und von Hagens erreichte einen Besucherrekord.

Dieses Mal wird die Ausstellung in München nicht mehr für so viel Aufregung sorgen, glaubt Whalley: „Die Menschen wissen jetzt, dass wir kein Gruselkabinett sind“. Gunther von Hagens wird nicht mehr selbst zur Eröffnung kommen – seit seiner Erkrankung hat er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er wird erst nach seinem Tod wieder in seiner Ausstellung zu sehen sein – dann als Plastinat. Er will dann am Eingang stehen, selbstverständlich mit seinem Markenzeichen, dem Hut. Den wird er dann vor seinen Besuchern ziehen.

Susanne Sasse

Plastination

Gunther von Hagens.

Bei der Plastination werden Haut und Fett des Verstorbenen entfernt, Körperflüssigkeit wird durch Kunststoff ersetzt. Diese Prozedur dauert bis zu einem Jahr und ist sehr kostspielig – bei einem großen Plastinat fallen bis zu 40 000 Euro an. Wer der Tote war, ist nach der Behandlung nicht mehr erkennbar, denn Menschen sehen ohne das Unterhautfett völlig anders aus. In der Ausstellung gibt es keine Hinweise darauf, wer die Plastinate einmal waren. Die Anonymität schützt die Würde der Körperspender. Prinzipiell kann jeder seinen Körper spenden, 14 000 Spender hat von Hagens’ Institut für Plastination momentan in seiner Datei. Die potenziellen Spender können ihre Erklärung jederzeit widerrufen, falls sie sich später doch gegen eine Spende entscheiden. Hat ein Körperspender gleichzeitig einen Organspenderausweis, geht die Organspende immer vor. Die Korrektheit der Körperspenden wird jährlich von einem Notar in Heidelberg überprüft.

Gunther von Hagens

Gunther von Hagens wurde am 10. Januar 1945 in Alt-Skalden bei Kalisch (Polen) als Gunther Gerhard Liebchen geboren. Der 69-Jährige ist der Erfinder der Plastination. Das ist ein dauerhaftes Konservierungsverfahren toter menschlicher und tierischer Körper, bei dem die Zellflüssigkeit im Körper durch Kunststoffe ausgetauscht wird (siehe links). Er beschäftigte sich seit 1977 in Heidelberg mit dem Haltbarmachen anatomischer Präparate. Mit seiner Plastinationsmethode konservierte Leichen halten sich genauso lang wie ägyptische Mumien, sagt er. Heute hat sich von Hagens aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, weil er an Parkinson leidet. Er bezeichnet die Krankheit als seine erste Begegnung mit seinem eigenen Tod. Wenn er gestorben ist, will von Hagens selbst als Plastinat in seiner Ausstellung stehen.

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