Kongressaal als Gasteig-Ersatz

Eine Zweite Chance für eine Isarphilharmonie

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Audienz der Assoluta: Maria Callas machte 1962 auf ihrer Europatournee in München Station. 

Der Kongresssaal des Deutschen Museums als Exil während der Gasteig-Sanierung? Es gibt Zuspruch aus der Kulturszene, das Deutsche Museum blockt ab.

An eine andere S-Bahn-Station müsste man sich vielleicht gewöhnen. Isartor statt Rosenheimer Platz, auch an eine andere Tram-Haltestelle. Aber ansonsten lägen nur gut 200 Luftlinien-Meter dazwischen, eine Mini-Distanz also auch für die Umzugs-Lkw. Der Kongresssaal auf der Münchner Isar-Insel als Ausweichspielstätte während der Sanierung der Philharmonie: Eine sehr naheliegende Lösung wäre das. Und eine, die an eine glorreiche Vergangenheit anknüpfen würde. Mit Konzerten von Sergiu Celibidache über Herbert von Karajan, Maria Callas, Hugo Strasser bis zu Udo Jürgens wurde der Kongresssaal zum spartenübergreifenden, legendären Veranstaltungsort. Zigtausende wurden dort musikalisch sozialisiert.

Die Lösung Museumsinsel favorisiert nicht nur der neue Gasteig-Chef Max Wagner , dieser Meinung sind auch wichtige Entscheidungsträger des Münchner Kulturlebens. Doch sie alle beißen – vorerst – auf Granit. Das Deutsche Museum lehnt diese Lösung ab. „Es geht schlicht nicht“, beschied Museumssprecherin Sabine Pelgjer. „Wir beabsichtigen, zur Zeit der geplanten Gasteig-Sanierung unser eigenes Konzept zu realisieren.“

Das Deutsche Museum blockt ab

Dass das Museum für die Interimsnutzung einen quasi gratis sanierten Kongresssaal bekommt, will man dort nicht gelten lassen. Im Gegenteil: Durch eine solche Maßnahme entstünden sogar Mehrkosten, wie Sabine Pelgjer vorrechnet. Das einstige Forum der Technik falle nicht mehr unter den Bestandsschutz des Gesamtensembles, neue Brandschutz- und Sicherheitsbestimmungen würden daher gelten. Sollte also der Saal im Obergeschoss ertüchtigt werden wegen einer Konzertnutzung, müssten für diese Erfordernisse und für die Statik viel mehr öffentliche Gelder als geplant ausgegeben werden.

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„Eigenes Konzept“, bei diesem Reizwort dürften die Verantwortlichen des Freistaats genervt die Augen verdrehen. Schon einmal hatte das Deutsche Museum mit diesem Argument eine Nutzung des Kongresssaals abgeblockt. 

Vier Jahre ist das her, als der Freistaat auf der Isar-Insel seinen Konzertsaal verwirklichen wollte. Die Gremien um Museumschef Wolfgang Heckl begründeten ihr Nein zur Isarphilharmonie damals mit eigenen Ambitionen – konnten aber nie genau sagen, was sie mit dem dortigen Forum der Technik eigentlich anfangen wollen. Nicht nur bei Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) wuchs daraufhin die Wut, zumal das Inhaltliche vage blieb, aber auch die Finanzierung: Auf bis zu 700 Millionen werden die Kosten für die Generalsanierung geschätzt. Die städtischen Gelder für eine Interimsnutzung könnte das Deutsche Museum also sehr gut brauchen.

Das Museum plant eine eigene Interimsnutzung

Doch nun soll alles anders werden. Derzeit steuert das Museum auf eine eigene Interimsnutzung des 1935 eingeweihten, zurzeit vor sich hindämmernden Kongresssaals zu, eine Mischung aus Szene-Gastronomie, Club und Veranstaltungsräumen. Dazu wird das Gebäude an einen privaten Investor vermietet. Und schon in allernächster Zeit möchte man das lang vermisste große Zukunftskonzept vorlegen. Anfang März wird dieses dem Verwaltungsrat des Museums vorgestellt, im Sommer soll dann alles festgeklopft und der Öffentlichkeit präsentiert werden. Woran dabei gedacht ist, wird noch nicht verraten. Nur so viel: Man wolle etwas im Geiste von Museumsgründer Oskar von Miller verwirklichen, einen „Kommunikationsraum für Wissenschaft und Technik“, wie es Sprecherin Sabine Pelgjer formulierte. „Aktuelle Ausstellungen, aber auch Gastronomie“ sollten eine Heimat finden.

Fans der Idee geben noch nicht auf

Und dennoch: Die Verfechter einer Interimslösung Kongresssaal wollen nicht aufgeben. Der künftige Gasteig-Chef Max Wagner ist in diesen Wochen dabei, die entsprechenden Entscheidungsträger zu bearbeiten. Die Münchner Philharmoniker sprechen sich vehement für die Isar-Insel aus. Und auch die privaten Veranstalter verspüren wenig Lust, ihre Kunden während der mindestens fünfjährigen Gasteig-Sanierung in entlegenere, unwirtliche Gebiete zu schicken. Als Standort-Varianten werden bekanntlich ein Areal in Riem, ein Grundstück am Candidplatz und die Paketposthalle untersucht. „Ich halte den Kongresssaal für eine ideale Lösung und bedauere außerordentlich, dass einige diese Variante von vornherein abschmettern“, sagt Andreas Schessl, Chef von Münchenmusik. Schließlich gebe es Synergie-Effekte mit den Vorhaben, die das Museum ohnehin plant. „Wenn aus einem sehr aufwendigen Verfahren am Ende nichts Besseres als der Ausweichstandort Riem herauskommt, dann war das Verfahren falsch.“

Lesen Sie hier: Valery Gergiev warnt vor zu langer Gasteig-Sanierung

Auch das BR-Symphonieorchester ist für die Isarinsel

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sendet ähnliche Signale. Derzeit kümmert sich dieses zwar hauptsächlich um seine eigene künftige Saal-Heimat im Werksviertel, wäre aber von einer vorübergehenden Schließung des Gasteig ebenfalls betroffen. „Wenn der Kongresssaal als temporärer Spielort flottgemacht werden kann, wäre das für das Musikleben der Stadt, für unser Publikum und für die betroffenen Institutionen die beste Lösung“, sagt Orchestermanager Nikolaus Pont.

Was für die Ausweichstandorte Riem und Candidplatz spricht: Beide Areale befinden sich in städtischem Eigentum, Verhandlungen über eine Übergangsnutzung wären also nicht notwendig. Wer sich mit den Verantwortlichen unterhält, hört aber heraus, dass Riem aufgrund seiner Randlage eigentlich aus dem Rennen ist. Der Zeltbau des Deutschen Theaters in Fröttmaning, so die vielfach geäußerte Meinung, habe gezeigt, wie schwierig es ist, das Publikum in solche Gebiete zu lotsen. Probleme, die bei der Variante Kongresssaal wegfallen.

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