Kesselhaus München

Konzert-Kritik zu Jessie J: So geht Pop!

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Jessie J präsentierte sich gut bei Stimme und überzeugte nicht nur Teenies.

München - Popmusik jenseits von TV-Castingshow-Niveau: Jessie J gastierte im Münchner Kesselhaus - die Konzert-Kritik.

Klar, die Halle war rappelvoll mit Teenagern. Schließlich hatte sich eine Persönlichkeit des internationalen Pop-Geschäfts im Kesselhaus angekündigt. Jessie J legte im Rahmen ihrer Sweet Talker-Tour einen Stopp in München ein, der entsprechend ihrem Rang als Millionenseller ausverkauft war. Bis hierher nichts Besonderes. Bemerkenswert waren jedoch Grüppchen erwachsener Burschen in Karohemden und Strohhüten, Frauen im After-Work-Outfit und ältere Herrschaften, die nicht als Elternteil einer Aufsichtspflicht nachgingen. Diese Minderheit machte Hoffnung, dass man es mit Popmusik jenseits von TV-Castingshow-Niveau zu tun bekommt. Und so war es.

Denn Jessie J hat, was den meisten Pop-Diven fehlt: eine Stimme. Die beherrscht vom bauchigen Soul über knatschigen Rap bis hin zu rotzigem Rock alle Register. Die Show: hochprofessionell, ohne großes Bühnenbild – man verließ sich ganz auf die Wucht der Musik und die Macht von Hits – von Domino, Do It Like A Dude, Who You Are über Price Tag bis hin zu Nobody’s Perfect. So geht Pop!

Die Halle lag dem Star zu Füßen. Zum zeitgemäßen Konzert-Knigge gehört offensichtlich auch, sein Handy brav anderthalb Stunden über den Kopf zu halten. Ein hochgewachsenes Mädchen spielte mit einem großformatigen Smartphone sogar Kamerafrau für ihre kleineren Freundinnen. Die sahen die Arbeit eines allürenfreien Stars, dessen Songs ziemlich herzliche Botschaften verbreiten. Eltern, die im hinteren Teil der Halle voll Sorge den Bleiglasscheiben des Kesselhauses beim Klirren zuschauten, dürften trotz der teilweise üblen Bass-Attacken froh sein über ein Idol, das ihrem Nachwuchs Botschaften mitgibt, wie es seit Pink keiner mehr getan hat. Anders als im Genre üblich, vertont Jessie J keine homophoben Parolen und vergöttlicht keine Luxusartikel oder die Makellosigkeit gewisser Körperteile. Im Gegenteil: In langen Ansagen beschwor sie ihre Fans, Träumen zu folgen. Sie erklärte ausführlich, wieso es okay ist, sich mal nicht okay zu fühlen und dass es auch nicht darauf ankommt, perfekt zu sein, sondern eher mal einen Fehler zu machen.

Christoph Ulrich

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