Aus Musikwelt und Politik

Konzertsaaldebatte: Breiter Widerstand gegen Standortentscheidung

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Der Widerstand gegen die Entscheidung in Sachen Konzertsaal wächst.

München - Der Widerstand wächst - aus der Musikwelt, aber auch von der Politik kommt teils scharfer Protest gegen die Entscheidung, in München keinen weiteren Konzertsaal zu bauen.

Nach der Festlegung von Freistaat und Landeshauptstadt gegen einen weiteren Konzertsaal in München formiert sich breiter Widerstand. Der Bayerische Musikrat, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BR) und Oppositionspolitiker im Landtag forderten am Donnerstag ein Umdenken von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Beide Politiker hatten am Montag verkündet, statt einem weiteren Konzertsaal die Philharmonie am Gasteig zu entkernen und dort einen neuen Aufführungsort zu errichten.

Die Mitgliedsverbände im Bayerischen Musikrat reagierten enttäuscht. Ein neuer Saal hätte zu einem „Anziehungspunkt für eine führende Musikstadt“ werden können, heißt es in einer Mitteilung. „Internationale Strahlkraft braucht den neuen Akzent.“ Der Musikrat forderte, dass für die Umbauzeit des Gasteigs, in der die Philharmonie nicht als Konzertraum zur Verfügung steht, eine Übergangslösung gefunden werden müsse, „die den Konzertbetrieb in München nicht nachhaltig beeinträchtigt“.

Das von Stardirigent Mariss Jansons geleitete BR-Symphonieorchester protestierte scharf. Es habe die Entscheidung Seehofers und Reiters „mit Entsetzen und Unverständnis vernommen“, schreibt der Orchestervorstand in einem offenen Brief. Das Aus für den Saal gefährde nicht nur die Zukunft des Symphonieorchesters, „sondern setzt auch Münchens und Bayerns Ruf als international bedeutende Musikmetropole aufs Spiel“. Jansons gilt als der engagierteste Kämpfer für einen neuen Konzertsaal in München.

Das Orchester stellte zahlreiche Fragen an die Politiker: „Weshalb ignorieren Sie die Ergebnisse einer hochrangigen Expertenkommission und entscheiden sich für ein ungeprüftes Modell?“ Oder: „Warum sagen Sie nicht offen, dass Ihre Pläne substanzielle Einschränkungen für circa 40 000 Klassik-Abonnenten mit sich bringen werden?“ Zudem wird moniert, dass bei der Erstellung des vorgeschlagenen Modells nur die Münchner Philharmoniker, nicht aber die privaten Konzertveranstalter und nicht das BR-Symphonieorchester vertreten gewesen sei.

SPD-Landtagsfraktionschef Markus Rinderspacher warf Seehofer vor, vom Versprechen in der Regierungserklärung von 2013 abgerückt zu sein, in München einen zusätzlichen Konzertsaal zu errichten. Er forderte Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU) in einem Brief auf, die Pläne für einen Neubau am Finanzgarten nicht ad acta zu legen. Er hielt dem Minister aber zugute, lediglich „der Vollstrecker des Willens des Ministerpräsidenten“ zu sein. Die Hauptverantwortung für die Kehrtwende liege bei Seehofer. „Gedanklich haben Sie sicher bereits heute die Hand an der Notbremse“, schrieb Rinderspacher.

Die SPD ist sich in der Konzertsaal-Frage aber offensichtlich nicht einig. Während der Fraktionschef einen echten Neubau fordert, hatte seine Fraktionskollegin und kulturpolitische Sprecherin Isabell Zacharias am Mittwoch die Entscheidung Seehofers und Reiters im Landtag noch „eine gute Nachricht“ genannt.

Nach Überzeugung des Freie-Wähler-Politikers Michael Piazolo kann Münchens Bedeutung als internationale Kunst- und Musikmetropole nur durch einen Konzertsaalneubau sichergestellt werden. „Die hierfür erforderliche 180-Grad-Wendung des Ministerpräsidenten würden wir Freien Wähler in diesem Fall begrüßen“, sagte der Vorsitzende des Kunstausschusses im Landtag. Allerdings sei klar: „Mit seinen ständigen Wendungen und überstürzten Tempi-Wechseln würde Seehofer als Musiker jedes Orchester sofort aus dem Rhythmus bringen.“

Seehofer beharrt auf seiner Festlegung, wonach in der Hülle der Philharmonie im Kulturzentrum Gasteig ein neuer Saal entstehen, auf den Bau eines weiteren Konzertsaals aber verzichtet werden soll. Die Weltklasse-Geigerin Anne-Sophie Mutter sprach daraufhin von einer „katastrophalen Fehlentscheidung“ und warf Seehofer Wortbruch vor.

dpa

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