Wolf, Beckett und Rankin im Interview

Krimifestival München: Das sagen drei Autoren

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Ab Montag kommen Krimifans wieder auf ihre Kosten: Zahlreiche Autoren stellen in den kommenden Wochen in ganz München ihre Werke vor.

München - Ab nächster Woche schlägt das Krimiherz in München höher. Denn beim Krimifestival stellen verschiedene Autoren ihre neuesten Werke vor. Wir haben mit dreien gesprochen.

Seit 15 Jahren ist München eine der Hochburgen der Kriminalität - zum Glück nicht real, sondern nur im Buch. Denn unsere Stadt lockt ab Montag wieder zum Krimifestival. Da lacht das Krimiherz.

Hier stellen wir Ihnen zwei alte Haudegen des Genres vor, die Millionen Bücher verkauft haben: Ian Rankin und Simon Beckett. Und, im Norden ist’s gut morden, den deutschen Krimispezialisten Klaus-Peter Wolf, der seinen jüngsten Friesen-Thriller in unserer Alten Rotation (Pressehaus Bayerstraße) vorstellt. Für welche Lesungen an teils herrlich gruseligen Orten es noch Karten gibt, lesen Sie in unserem Servicekasten unten auf der Seite. Und jetzt: Bühne frei für die Großmeister des gepflegten Grusels!

Klaus-Peter Wolf: Höhenflüge aus Ostfriesland

Krimiautor Klaus-Peter Wolf (63) befindet sich auf Familienreise - fast. Seine Frau, die Liedermacherin Bettina Göschl, begleitet ihn auf Lesereise und singt dabei Krimilieder.

Wie läuft Ihre Lesereise?

Klaus-Peter Wolf: Gut. Neulich waren wir in einer Kirche mit 350 Gästen. Meine Frau Bettina singt auf der Tour auch ihre Krimilieder. Da habe ich bei dem Hall in der Kirche richtig Gänsehaut bekommen. Beim Lesen muss man aber aufpassen, wenn es so hallt.

Sie lesen Ihre Hörbücher auch selbst ein. Weil es Ihnen so viel Spaß macht?

Wolf: Eigentlich dachte ich zunächst, dass das ein Tatort-Schauspieler machen sollte. Mein Verleger meinte aber, nachdem er eine Lesung von mir besucht hatte: Mach das selbst. Schließlich könne sich niemand so wie ich in die Figuren reinversetzen.

Sind Sie manchmal eigentlich selbst überrascht, wie Ihre Figuren handeln?

Wolf: Ich arbeite ja perspektivisch. Das heißt, ich schreibe mal aus der Sicht des Täters, mal aus der Sicht des Opfers und mal aus der Sicht der Ermittlerin. Da versetze ich mich so sehr in die Figuren, dass sich auch mein Geschmack verändert. Wenn ich etwa bei der Figur des Ruppert bin, dann esse ich besonders gerne Currywurst und trinke Bier. Mein Frau weiß dann immer schon, an welcher Figur ich gerade sitze. Sie hat sogar ein Lied darüber geschrieben: Wenn mein Mann einen Krimi schreibt.

Wie fühlt es sich in der Rolle des Täters an - glauben Sie dann an den gerechten Mord?

Wolf: Ich sehe Verbrechen immer als intellektuellen Irrtum. Es ist ja immer eine Frage der Perspektive. Aus der Sicht des Mörders gibt es gute Gründe für die Tat. Wir sehen das anders.

Gibt’s für diese Einstellung keine Vorwürfe?

Wolf: Die gab’s in der Tat schon. Aber letztendlich ist es nichts anderes als beim Schauspieler. Der geht rein in die Figur, spielt sie und geht dann in die Kantine. Das ist ja das Besondere in der Kunst. Man geht hinein und wieder raus. Wenn meine Nachbarin mit einem Pflaumenkuchen im Gepäck klingelt und ich sie zum Kaffee hereinbitte, dann bin ich nicht mehr der Killer, in den ich mich noch vor fünf Minuten hineinversetzt habe.

I hre Täter sind grausam, gleichzeitig aber findet man in Ihren Büchern viel Humor. Ist das Taktik?

Wolf: Natürlich. Schon als junger Mensch haben mich lustige Bücher nach 30 Seiten gelangweilt. Sie wurden dann albern. Genauso ging es mit gruseligen Büchern. Nach 50 Seiten wurden sich zu Hackschlachten. Das Gefühl muss unterbrochen werden. So dient das Lachen als Fallhöhe vom Grusel und umgekehrt. Das ist so eine Achterbahnfahrt. Und es gibt natürlich auch anrührende Szenen, wenn etwa die Kommissarin ihre kranke Mama pflegt.

Sie haben zu Recherchezwecken im Rotlichtmilieu gelebt, haben in Nicaragua gearbeitet. Die meisten Ihrer Figuren bei den Ostfriesenkrimis sind aber aus Ihrer Nachbarschaft …

Wolf: Letztendlich ging es immer darum, die Personen, über die man schreibt, auch zu kennen. Viele der Leute in den Krimis gibt es wirklich. Die heißen so und leben so. Nur Täter und Opfer sind erfunden. Ich habe die Leute natürlich vorher schon gefragt. Wie den Maurer Peter Grendel. „Darf ich dein Leben fiktionalisieren?“, habe ich ihn gefragt. „Aber vielleicht muss ich dann Schlimmes mit Dir anstellen.“ Er hat sich natürlich nicht vorstellen können, dass Millionen Menschen diese Bücher lesen. Jetzt ist er so ein wenig wie ein Popstar. Wenn er mit seinem gelben Bulli mit der Aufschrift „Eine Kelle für alle Fälle“ irgendwo hält, machen Fremde Selfies mit ihm. Eine alte Dame hat ihn übrigens mal gelobt, weil er doch vor Kurzem in einem meiner Bücher ein Kind gerettet hat.

Als junger Autor haben Sie ja bereits Straßentheater für Arbeiter im Ruhrgebiet aufgeführt …

Wolf: Ja. Damals gab es einen Kahlschlag in den Betrieben. Ganze Familien haben ihre Existenz verloren. Eine Möglichkeit, damit umzugehen, war Straßentheater. Ich habe Texte für sie geschrieben. Und plötzlich standen sie damit bei den Ruhrfestspielen auf der Bühne und ernteten stehenden Applaus.

Sie waren damals auch bei der Deutschen Kommunistischen Partei, nicht wahr?

Wolf: Im Ruhrgebiet hatte ich viel Kontakt zu den Arbeiterschriftstellern. Viele kamen da noch aus dem Widerstand gegen Hitler. Mein Blick für soziale Missstände wurde dadurch sehr geschärft. Ich habe viel gelernt. Bei Reisen in die Sowjetunion und die DDR musste ich allerdings feststellen, dass die Realität anders aussah als die Illusion. Ich bin aber nach wie vor ein politisch denkender Mensch.

Krimis made in Ostfriesland: Klaus-Peter Wolf lässt sich von seiner Frau Bettina Göschl begleiten.

27.3., 20 Uhr in der Alten Rotation unseres Pressehauses in der Bayerstraße 57, Eintritt zwölf Euro. Musik: Bettina Göschl

Simon Beckett: Grusel im Überfluss

In die von Wasseradern durchzogenen Backwaters in Essex an der Ostküste Englands entführt uns Simon Beckett in seinem neuen Buch Totenfang aus der Serie um David Hunter. Mit einer weltweiten Gesamtauflage von mehr als sieben Millionen gehört der 56-jährige Beckett zu den erfolgreichsten Krimiautoren. Am 13. März eröffnet er das Krimifestival im Carl-Orff-Saal des Gasteig (ausverkauft).

Herr Beckett, „Totenfang“ spielt in den düsteren Backwaters in Essex. Wie wichtig ist so ein Setting für ein Buch?

Simon Beckett: Es ist immens wichtig. Bei diesem Buch ist es sogar entscheidend. Ich habe lange darüber nachgedacht. Die Backwaters waren meine erste Idee. Dann kam ich wieder davon ab, aber am Ende merkte ich: Sie sind einfach ideal für die Geschichte.

Das sich zurückziehende Wasser in diesem Gewässer-Wirrwarr hinterlässt sich zersetzende Leichen. Ekelt es Sie vor solchen Dingen?

Beckett: Ich versuche, eine wissenschaftliche Sichtweise anzunehmen. Es ist nicht schön, aber es ist ein natürlicher Prozess. Ich schreibe nicht unbedingt die ekligsten Details ins Buch, nur damit sie besonders beeindruckend wirken. Ich versuche, die Wahrnehmung meines Roman-Forensikers David Hunter darzustellen. Auf der einen Seite ist er mitfühlend, auf der anderen Seite hat er ein analytisches Interesse.

Mit jedem Buch verraten sie einen anderen Aspekt aus dem Leben Hunters, oder?

Beckett: Stimmt. Ich fand die Idee gut, nicht alles über die Person gleich zu Anfang offenzulegen. Ein paar Dinge halte ich zurück. So wirken die Bücher dann frischer, wenn man etwas Neues entdeckt.

Macht es mehr Spaß, am Charakter Hunter weiterzuschreiben oder neue Figuren einzuführen, mit denen er sich auseinandersetzen muss?

Beckett: Beides ist spannend. Klar macht es Spaß, neue Charaktere zu erfinden.

Sind die daraufhin angelegt, dass sie diesen oder jenen Aspekt an Hunter freilegen?

Beckett: Nein. Meine Art zu schreiben ist nicht so klinisch. Da ist weit weniger Absicht dahinter, als Sie vermuten. Während ich die Geschichte schreibe, verändern sich die Figuren. Es ist weit davon entfernt, ein durchorganisiertes Projekt zu sein (lacht). Ich genieße es, wenn mich die Geschichte selbst überrascht. Natürlich wäre es fantastisch, wenn man alles gleich zu Anfang wüsste und dann nur noch schreiben müsste. Es würde aber auch die Spannung rauben.

Wenn Sie so lange Zeit mit Herrn Hunter verbringen - müssen Sie sich dann von ihm erholen?

Beckett: Mal so, mal so. Manchmal kann ich es kaum erwarten, weiterzuschreiben. Manchmal brauche ich wieder Abstand. Ein Jahr Pause so im Schnitt.

Und wenn die Fans dann auf ein weiteres Buch drängen, wird der Druck dann größer?

Beckett: Der Druck hilft nicht unbedingt beim Schreiben (lacht). Den muss man wegdrücken. Aber es ist natürlich einfach Teil des Jobs. Und es ist auch ein besonderes Kompliment, wenn die Leute ungeduldig werden.

Sie haben einmal erzählt, dass Ihre Frau Ihnen den Kopf abreißen würde, wenn Sie zu viel von sich privat in den Büchern verraten. Stimmt das?

Beckett: Sie ist auf jeden Fall die Erste, die meine Bücher liest. Und sie würde mich natürlich rechtzeitig warnen.

Wie wichtig ist der Humor in Ihren Büchern?

Beckett: Sehr wichtig, aber man muss behutsam damit umgehen. Weil die Themen doch eher ernst sind. Da darf man sich nicht lustig machen. Die humorvollen Passagen betreffen meistens Hunter selbst. Meine Bücher werden nie Komödien sein, aber der Humor ist alleine schon wegen des Kontrastes zu den ernsten Themen wichtig.

Auch recht grausame Themen - erschrecken Sie manchmal über Ihre eigenen Fantasien?

Beckett: Die verraten recht viel über mich, nicht wahr? Nein, im Ernst. Ich bin einfach ein Geschichtenerzähler. Ich liebe es, Dinge auszuhecken und Leute zu überraschen. Die schockierenden Szenen sind natürlich entsprechend beabsichtigt, aber ich versuche in der Regel, dabei nicht zu weit zu gehen. Die Leser sollen ja nicht total geschockt werden, Sie sollen das Lesen schließlich genießen.

Also keine Albträume wegen der Hunter-Fälle?

Beckett: Nein, Albträume bekomme ich nur vor Abgabeterminen.

Seine Serie um David Hunter spielt an der englischen Ostküste: Simon Beckett zählt zu den erfolgreichsten Krimiautoren.

Ian Rankin: Die Kraft des Geistes

Gut 20 Bücher gibt es von Ian Rankin (56) mit seinem Helden John Rebus. Das erste erschien 1987 (Verborgene Muster). Nummer 21, Ein kalter Ort zum Sterben, stellt der schottische Schriftsteller am 14. März im Sektionshörsaal der Anatomischen Anstalt (ausverkauft) vor.

Sie leben mit Ihrem Helden Rebus seit 30 Jahren. Wie nahe sind Sie sich inzwischen gekommen?

Ian Rankin: Als ich Rebus erfand, waren wir noch sehr unterschiedlich. Aber je älter ich werde, desto mehr Ähnlichkeiten entdecke ich. Wir sind nicht mehr so stark und gesund wie einst. Vielleicht habe ich ein wenig seinen Zynismus zu Themen wie Menschheit, Politik und Gesellschaft übernommen.

Und wie hat sich Rebus noch verändert?

Rankin: Als die Leser Rebus zum ersten Mal begegnet sind, war er ein körperlich imponierender Typ, der Verdächtige alleine durch seine Präsenz einschüchtern konnte und der auch in Kämpfe verwickelt wurde. Da er nun gealtert ist, wirkt er nicht mehr so bedrohlich und muss sein angesammeltes Wissen nutzen, um die Gegner zu überwältigen. Es ist sich auch seiner eigenen Sterblichkeit bewusster. Und sein Körper wird problematisch – er hat Gesundheitsprobleme als Mann in den 60ern, die er mit 40 Jahren noch nicht hatte.

Beim Krimifestival lesen Sie im Sektionshörsaal der Anatomischen Anstalt. Haben Sie sich inzwischen an solche Auftrittsorte gewöhnt?

Rankin: Ich bin nicht in vielen Sektionshörsälen gewesen. Ich habe das Leichenschauhaus in Edinburgh vielleicht drei, vier Mal besucht. Das hat genügt, um den Ort und die Arbeit, die dort getan wird, beschreiben zu können. Leute, die im Leichenschauhaus arbeiten - vom Pathologen bis zum Assistenten – haben einen sehr notwendigen Sinn für Humor. Es tut gut zu wissen, dass an dunklen Orten auch gelacht wird.

Schreibt seit 20 Jahren über seinen Helden John Rebus: Ian Rankin legt das 21. Buch seiner Reihe vor.

Interviews: Antonio Seidemann

Hierfür gibt‘s noch Karten

14. März, 20.15 Uhr, Hugendubel 5 Höfe, Theatinerstraße 11: Shari Lapena. 10 Euro.

20. März, 20 Uhr, Circus Krone, Marsstraße 43: Jussi Adler-Olsen. 18 Euro.

21. März, 20 Uhr, Schlachthof, Zenettistraße 9: Su Turhan. 15 Euro.

22. März, 20.15 Uhr, Hugendubel 5 Höfe: Melanie Raabe. 10 Euro.

23. März, 20 Uhr, Volkstheater, Brienner Straße 50: Jörg Steinleitner & Matthias Edlinger. 14 Euro.

27. März, 20 Uhr: Alte Rotation im Pressehaus, Paul-Heyse-Straße 2-4: Klaus-Peter Wolf. 12 Euro.

28. März, 20 Uhr, Drehleier, Rosenheimer Straße 123: Harry Kämmerer. 14 Euro.

29. März, 20 Uhr, Drehleier, Rosenheimer Straße 123: Bernd Stelter. 14 Euro.

Karten und Infos unter www.krimifestival-muenchen.de.

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