Ausverkaufte Show im Zenith

Konzertkritik: Nick Cave zwingt zu einer Feststellung, die man eigentlich nicht aufschreiben will

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Nick Cave, hier auf einem Archivfoto, gastierte im Zenith.

Nick Cave gastierte am Donnerstag im ausverkauften Münchner Zenith - und erzwingt eine Feststellung in unserer Konzertkritik, die man eigentlich gar nicht aufschreiben wollte.

Natürlich will man das eigentlich unter keinen Umständen aufschreiben, aber Nick Cave lässt einem einfach keine Wahl. Also sei es berichtet: Der Mann gibt keine Konzerte, er zelebriert als Hohepriester der Düsternis regelrechte Messen. Das wird allerspätestens klar, als er bei den Zugaben umringt von einem Chor aus Anhängern auf der Bühne in „Push the Sky away“ die große Wahrheit des Rock verkündet: „And some People say it’s just Rock’n’Roll, but it gets you right down to your Soul.“

Es ist eben nicht nur Musik, jedenfalls nicht bei Cave, sondern eine Art Ritus, der uns durch das Beschwören des Leids vom Schmerz des Daseins befreit – so ungefähr. Weniger pathetisch geht es leider nicht bei Cave, sonst wird man diesem phänomenalen Irrsinn, den der 60-jährige Australier seit jeher zuverlässig entfesselt, nicht gerecht. Und einer, der sich so oft und bewusst bei Bildern aus der Bibel bedient, wird wissen, welche Assoziationen das hervorruft. Hervorrufen muss. Es ist eine wohl durchdachte und wirkungsvolle Inszenierung inklusive des Wandelns auf einem Meer aus Händen der Jünger im ausverkauften Münchner Zenith. Gegen Ende wird eine entrückte junge Frau Cave die Stirn abtupfen, wie es dereinst vielleicht Veronika beim Messias getan hat. Cave ist dabei völlig bei sich, aber es wäre irrig zu glauben, dass er darüber vergessen würde, wie man ein Konzert professionell gestaltet.

Das ist ja genau seine Kunst und der Grund, weshalb eben nicht jeder Hanswurst das so hinbekommt, weil er angeblich so authentisch (ein völlig sinnentleertes Wort mittlerweile, das nur am Rande) ist. Cave ist auch deswegen immer noch ein relevanter Künstler, weil er sich weiter entwickelt und sich Erwartungen entzieht.

Den Abend bestreitet er zum Großteil mit Liedern aus seinem jüngsten Album, das sich mit dem Unfalltod seines Sohnes auseinandersetzt. Keine Hits, aber womöglich das Beste, was Cave bisher geschrieben hat. Das Material entwickelt live eine Wucht, die man kaum in Worte fassen kann, weil seine großartige Band, die Bad Seeds, Caves Lieder kongenial interpretieren. Die Musik wird oft derart reduziert und regelrecht fragmentiert, dass mit einem Mal feinste Nuancen echte Klangexplosionen auslösen können, ein einfacher Hammerschlag bei „Red right Hand“ etwa. Bei Bedarf wird es urplötzlich infernalisch laut, und Caves Stimme treibt immer passgenau an.

Selbst in der akustischen Aussegnungshalle Zenith gelingt es Cave mit seinen Bad Seeds, einen mehr als ansprechenden Sound zu zaubern, der dem Werk und den Zwischentönen gerecht wird. Ein hypnotischer Abend. Ohne jede Übertreibung eines der besten Konzerte, das diese Stadt in den vergangenen 20 Jahren erlebt hat. Wer dabei war, wird noch seinen Enkeln davon erzählen.

Zoran Gojic

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