„Kunst ist Krimi-Stoff“

Kunst-Thriller: Konrad O. Bernheimer über seinen Roman „Tödliche Gemälde“

Konrad O. Bernheimer mit seinem neuen Roman „Tödliche Gemälde“
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Einen Heidenspaß hatte Konrad O. Bernheimer daran, die Kunstbranche in seinem Buch durch den Kakao zu ziehen.

Bei den Alten Meistern macht ihm keiner etwas vor, das hat Konrad O. Bernheimer über Jahrzehnte mit seinem internationalen Kunsthandel bewiesen – und tut es nun erneut mit dem Roman „Tödliche Gemälde“ (Langen-Müller, 336 Seiten; 22 Euro). Ein Kunst-Krimi.

  • Der 70-jährige Münchner, der sich langsam aus dem Kunstgeschäft zurückzieht, hat im Schreiben eine neue Leidenschaft entdeckt.
  • In „Tödliche Gemälde“ geht es deftig zu: Der Kunsthändler John Blumenstein beginnt, Gewaltszenen aus den Alten Meistern nachzustellen – und mordet dafür.
  • Als Leser taucht man ein in die illustre Welt des Kunsthandels und bekommt nebenbei eine Schulung in Bildinterpretation.

Hatten Sie keine Sorge, dass die Leser bei Ihrem Krimi denken: Was hat denn der Bernheimer für unanständige Vorlieben und Fantasien?
(Lacht.) Ich hab’ mir das schon gedacht, dass es ein paar ältere Damen geben wird, die sagen: „Mei, der Herr Bernheimer, des hätt’ ich jetzt nicht gedacht, dass der sowas schreibt.“ Natürlich macht das Spaß, ein bisschen zu provozieren. Ich schreibe ja wirklich nur aus Freude. Nachdem sich mein Kunsthändlerberuf – auf meinen Wunsch – langsam dem Ende zubewegt, habe ich mir gedacht: Jetzt brauchst’ eine Beschäftigung, die deine grauen Zellen nicht verkommen lässt. Nur in der Landschaft spazieren zu gehen oder zu golfen, das wäre mir einfach zu wenig, so aktiv, wie ich vorher war. London, Paris, New York – mein Gott, ich weiß gar nicht, wie oft im Jahr. Das Schöne ist, dass ich durch das Buch nun wieder an den Plätzen, an denen ich so häufig war, spazieren gehen kann.

Sie verlassen sich bei Ihren Beschreibungen ganz auf Ihre Erinnerung?
Manchmal nehme ich Google Maps zu Hilfe, damit ich wirklich sicher weiß: Wie lange braucht er denn nun von der Rialtobrücke bis zur Trattoria alla Madonna – sind das drei oder eher zehn Minuten? Ansonsten habe ich das alles Gott sei Dank noch drauf. Im Grunde kann man sagen: Das, was wirklich hohen Wahrheitsgehalt in dem Buch hat, sind die Orte, die Restaurantbeschreibungen und die Weindegustationen.

Trotzdem war Ihnen bewusst, dass das Thema kernig ist. Nicht nur aufgrund der Erotik – auch wegen der Art, wie der Kunsthandelbetrieb darin wegkommt...
Da nehme ich natürlich meine Zunft gehörig auf den Arm. Alles, was man einem Kunsthändler zutrauen könnte, setze ich bei dem Kerl, dem John Blumenstein, um.

War das der Spaß an der Sache?
Ja klar. Sämtliche Vorurteile kommen darin vor.

Was man lernt: Kunsthändler wissen, wie man es sich kulinarisch gut gehen lässt. Oder scheint’s nur so, weil Sie selbst ein großer Genießer sind?
Ja, erstens bin ich Genießer, und zweitens bin ich Kunsthändler. Was tun denn Kunsthändler, wenn sie so in der Welt herumfahren?

Essen und trinken.
Gut essen und gut trinken, genau.

Das klingt herrlich!
Und sich mit Kunst beschäftigen – das angenehmerweise noch dazu. Aber schauen Sie: Wenn man sich mit Kunst beschäftigt, kommt man an diesen Bildern ja nicht vorbei. Zumal wenn man eine Malerin wie Artemisia Gentileschi liebt, weil sie einfach eine der größten und wunderbarsten Malerinnen des Barock war. (Steht auf, greift einen Bildband aus dem Regal und zeigt Gentileschis Gemälde, das Judiths Mord an Holofernes nachzeichnet.) Jetzt schauen’S doch nicht so angewidert! Das ist große Kunst!

Warum, das erklärt Ihr Protagonist dem Leser sehr deutlich. War das die Grundidee: Kunstbeschreibungen im Krimi?
Ja, meine Intention ist es, dass die Leute Sehen lernen. Dass sie in den Alten Meistern die Geschichten miterleben. Man kann an Rubens’ „Martyrium des heiligen Laurentius“ in der Alten Pinakothek vorbeigehen, ihn abnicken und sagen: „Den hab’ ich jetzt auch gesehen.“ Oder man schaut sich das Bild genau an und überlegt sich: Was passiert denn da? Das sind ja irrsinnige Bilder. Aber auf ihnen passieren eben auch grausame Dinge. Mir geht’s in erster Linie weniger ums Kopf-Absäbeln, mir geht’s um die Beschreibung von Bildern.

Kulturredakteurin Katja Kraft und Konrad O. Bernheimer trafen sich in dessen Büro in München.

Haben Sie deswegen das Genre Krimi gewählt – weil man dadurch Menschen für Kunst begeistern kann, die man sonst vielleicht nicht erreicht?
Das ist natürlich ein erhofftes Ergebnis. Mir geht’s immer in erster Linie darum, dass die Leute sich die Bilder anschauen. Und nicht darum, dass sie sich an den Bluttaten ergötzen. Obwohl ich viele Krimis lese: Ich kenne keinen, bei dem es um Kunst geht. Meine Hauptakteure sind ja eigentlich die Bilder. Die sind irrsinnig spannend. Die sind Krimi-Stoff!

Manch einer findet, deshalb sollte man einige von ihnen ob der darin dargestellten Gewalt gar nicht mehr zeigen. Was sagen Sie: Geht in der Kunst Form über Inhalt – ist die Brutalität egal, solange das Werk künstlerisch wertvoll ist?
Große Kunst bleibt große Kunst. Und eine Skulptur von Giambologna ist einfach etwas ganz Großartiges. Es geht um die Darstellung, die Form der Körper. Nehmen Sie etwa den Bildhauer Bernini. Der Mann war ein Meister der religiösen Erotik – in seiner Skulptur der Heiligen Theresa stellt er dar, wie sie in völliger Verzückung den Pfeil der Liebe Jesu empfängt. Das war durchaus bei den Künstlern des 17. Jahrhunderts die Intention: Die wollten, dass die Leute das sehen, die wollten so doppeldeutig sein.

Haben die Menschen das denn verstanden? Haben sie genauer hingeschaut als wir heute – weil wir ständig einer Flut von Bildern ausgesetzt sind?
Genau. Die Kirchen haben ja damals alle diese Funktionen in sich vereint: den Fernseher, das Kino, die Fotografie, es gab keine Museen, wo man hinging, um Bilder zu betrachten.

Wie betrachten Sie Kunst?
So, wie ich es beschreibe. Ich schaue mir Details an. Ein Kunstwerk ist dann wirklich gut, wenn es viel zu erzählen hat, wenn es einen – um dieses schreckliche Modewort zu nutzen – nachhaltig beeindruckt. Wenn man nach Hause geht und sich denkt: „Menschenskinder, einfach unglaublich!“ Berninis „Raub der Persephone“ zum Beispiel. (Nimmt sein Tablet vom Tisch, sucht im Internet ein Foto der Skulptur. Begeistert:) Jetzt schauen Sie sich das mal an! Wie seine Pranken da in ihren Oberschenkel drücken. Das ist weißer Marmor! Und keine weiche Materie, in die man hineindrücken kann!

Ein irres Können.
Kunst kommt ja von Können, das haben viele nur vergessen. Dass man das hinkriegt, dass man die Realität so täuschend nachmachen kann! Zur großen Kunst gehört das Beherrschen der Techniken. Ein guter Kunsthistoriker und Händler ist ein guter Beobachter.

Und muss, um all die Andeutungen zu verstehen, die Kulturgeschichte kennen. Haben Sie einen Tipp für alle Laien – die Grundlektüre für den Spaß im Museum gewissermaßen?
Im Grunde müssen Sie drei Dinge kennen: die „Metamorphosen“ von Ovid, das Alte und das Neue Testament und dann vielleicht noch irgendein Buch über Symbole. Dann haben Sie 95 Prozent aller Themen abgedeckt.

Das Buch erhalten Sie bei Ihrem lokalen Buchhändler um die Ecke.

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