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Kunsthalle München zeigt Street-Art-Star JR: grenzenlos gut!

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Von: Katja Kraft

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Der französische Street-Art-Künstler JR trug mit etlichen Freiwilligen die 45-Meter-Plane von der Kunsthalle zum Odeonsplatz
Kunst-Karawane für den Frieden: Der französische Street-Art-Künstler JR trug mit etlichen Freiwilligen die 45-Meter-Plane von der Kunsthalle zum Odeonsplatz. Darauf zu sehen das Foto eines ukrainischen Mädchens. Es ist JRs Protest gegen die russischen (Luft-)Angriffe. © Astrid Schmidhuber

Der Street-Art-Künstler JR bewegt München: Mehr als 100 Freiwillige breiteten nun ein riesengroßes Banner von ihm auf dem Münchner Odeonsplatz aus. Ein Protest gegen Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine. Und der Auftakt zu der Ausstellung „JR: Chronicles“ in der Kunsthalle München.

100 Freiwillige hatte die Kunsthalle München gesucht. Gestern kamen: Hunderte. Sie alle stehen um 12 Uhr in der Theatinerstraße und hören auf die Anweisungen des smarten Manns mit Megafon. Blaues Hemd, lässiger Hut und Sonnenbrille. JR ist in der Stadt. Und das sorgt nicht nur bei Street-Art-Fans für Aufregung. Der Franzose hat im San Francisco Museum of Modern Art ausgestellt, seine Filme liefen in Cannes, weltweit kaufen Sammler limitierte Auflagen seiner Bilder als Lithografien. Straßenkunst, Museumskunst? Auch hier kennt der Mann, der immer wieder Grenzen sprengt, keine Unterschiede. „Ich bin Künstler“, sagt er. Ab heute zeigt die Kunsthalle München, wo zuletzt „Stille Rebellen - Polnischer Symbolismus um 1900“ zu sehen war, seine Werke. Keine Retrospektive soll das seiner Meinung nach sein („Ich bin nicht mal 40!“), sondern ein Aufzeigen seiner bisherigen Reise. Wo sie startete – und wohin sie ihn als nächstes führen könnte.

Der französische Künstler JR leitet mehr als 100 Freiwillige zum Münchner Odeonsplatz.
Stimme mit Gewicht: Der französische Künstler JR leitet mehr als 100 Freiwillige zum Münchner Odeonsplatz. © Astrid Schmidhuber

Den Beginn macht Graffiti. Und schon hier, im ersten Raum der von Anja Huber und Roger Diederen in Zusammenarbeit mit dem Brooklyn Museum kuratierten Schau, fühlt man sich ertappt. Wenn man die Videos der Anfänge sieht; wie der 1983 geborene JR Fassaden besprüht; selbst die der Prachtstraße Champs-Élysées. „Muss denn das sein?“, fragt da ein konservatives Stimmchen im Inneren. Die schöne alte Tür, so verschandelt. Ist das Kunst oder kann das weg? Dann fängt JR, von dem nur wenige wissen, wie er wirklich heißt, zu erzählen an. Davon, wie es für ihn als junger Spund war, seine Initialen in der Öffentlichkeit aufzusprühen. Plötzlich hinterließ er eine Spur, war nicht mehr weggedrückt in den Banlieues am Rande der Stadt. Street Art ist Rebellion, ein Zeigen, dass man da ist, existiert. Ein Aufbrechen des so schönen Scheins einer Stadt ohne soziale Ungerechtigkeit.

JRs Porträt des des Filmemachers Ladj Ly
Der erste Eindruck täuscht: Mit Porträts wie diesem des Filmemachers Ladj Ly spielt JR mit unseren Vorurteilen. © JR-ART.NEt

Dann fand er eine Kamera in der Pariser Métro. Und fing an zu fotografieren. Der Clou: Papierkopien der Fotos plakatierte er in der Öffentlichkeit, sprühte mit dicker Farbe Rahmen darum. Dazu den Schriftzug „Expo 2 Rue“, Straßenausstellung. „Ich besitze die größte Galerie der Welt – die Mauern der Stadt!“, hat er es mal formuliert.

JR hat mit dieser Kamera sein künstlerisches Ausdrucksmittel gefunden. Eines, das ungeheure Kraft entfalten kann. Wenn man es einsetzt, wie er das seit rund 20 Jahren tut. Wenn er etwa für das „Portrait of a Generation“ mit seinem Freund, dem Filmemacher Ladj Ly („Die Wütenden – Les Misérables“) Jugendliche aus den Sozialwohnanlagen der Pariser Randbezirke in den Mittelpunkt rückt. Sie verziehen ihre Gesichter zu Fratzen – um zu zeigen, wie verzerrt der Blick ist, den die Welt auf sie wirft. Noch so ein Aha-Moment: Wenn man das Porträt von Ladj Ly selbst sieht. Objektiv betrachtet zeigt es einen schwarzen Mann, der etwas hält und jemanden fokussiert. Und was macht das eigene vorurteilsbelastete Hirn daraus? Eine Waffe. Es schaut aus, als halte Ly eine dicke Schulterwaffe in der Hand und ziele. Ein simples Motiv, brillant in Szene gesetzt. Entwaffnend.

JRs übergroßes Bild eines mexikanischen Kindes – direkt überm Grenzzaun zu den USA.
Blick über die Grenze: JRs übergroßes Bild eines mexikanischen Kindes – direkt überm Grenzzaun zu den USA. © JR-ART.NEt

Immer wieder fordert JR die Sehgewohnheiten der Betrachter heraus, die vorgefassten Meinungen. Besonders eindrucksvoll in dem Projekt „Face 2 Face“. 2005 reiste er dafür nach Israel und Palästina. Und fotografierte – auf beiden Seiten der Grenzmauer – Menschen mit denselben Berufen. Danach fügte er die Bilder zusammen. Auf einem der Taxifahrer aus Palästina, auf dem anderen der Taxifahrer aus Israel; auf einem der Lehrer aus Palästina, auf einem der Lehrer aus Israel. Etliche Duos sind so entstanden. Doch ohne Angabe, wer Palästinenser, wer Israeli ist. Ein Video in der Schau zeigt, wie die Menschen vor Ort die Bilder betrachteten. „Kannst du deinen Bruder von deinem Feind unterscheiden?“, fragt JR die Leute. Sie können es nicht. Auf beiden Seiten der Mauer darf er die Bilder plakatieren. Und hört auf beiden Seiten, dass ihm die je andere Seite das bestimmt verbieten würde. Tat sie aber nicht. Wie wenig man vom anderen weiß. Wie sehr man sich gleicht.

Kann Kunst die Welt verändern? JRs Street Art tut es!

Er war 21 damals, „neugierig und naiv“. Und hat’s einfach getan. Und dadurch gemerkt, wie kraftvoll Kunst wirken kann. „Deshalb bin ich mit meiner Kamera weiter durch die Welt gereist.“ Nach Sierra Leone, Indien, Kambodscha, Brasilien. Immer stellt er die Menschen in den Vordergrund. Porträtiert sie, druckt ihre Bilder überdimensional auf Papier aus und ziert damit Straßen, Häuser, Hütten. In den Favelas von Rio etwa. Unten in der Stadt sah man, was sich oben in den abgeschriebenen Vierteln tat. Und siehe da: Auf einmal richteten sich alle Blicke auf die Elendsviertel. Und JR? Zog weiter. Ließ die Menschen selbst vor die Presse treten und sprechen. Die Missstände deutlich machen. Das Viertel blühte auf.

Mehr als hundert Freiwillige spannen JRs Banner auf dem Münchner Odeonsplatz auf.
Mehr als hundert Freiwillige spannen JRs Banner auf dem Münchner Odeonsplatz auf. © Peter Kneffel

Kann Kunst etwas verändern? Diese Frage zieht sich durch die Schau. Und bei jedem Bild, bei jeder weiteren irren Kunstaktion dieses Menschenfreundes JR, denkt man etwas überzeugter: „Ja!“ Dann tritt man zu den vielen Menschen in der Theatinerstraße. Greift wie sie alle an den Rand der 45-Meter-Plane, die JR von der Biennale Venedig mitgebracht hat. Davor hat er sie in Paris, Berlin, Düsseldorf gezeigt. Und zum ersten Mal am 14. März im ukrainischen Lwiw. Die russischen Kampfpiloten sollten daran erinnert werden, wessen Leben sie zerstören oder für immer auslöschen. Eigentlich sollte nach der Venedig-Biennale Schluss sein mit dem Plakate-Touren, weil Schluss sein sollte mit dem Krieg. Ist es nicht. JR tourt weiter. Hinterlässt weiter Spuren. So übergroß – wer schafft es, wegzuschauen?

Die Ausstellung „JR: Chronicles“ läuft bis 15. Januar 2023 in der Kunsthalle München, täglich 10 bis 20 Uhr; Weitere Infos gibt es hier

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