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„Matrix Resurrections“: Keanu Reeves ist zurück im Kaninchenbau

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Von: Michael Schleicher

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18 Jahre nach dem Finale der „Matrix“-Trilogie kommt jetzt „Matrix Resurrections“ in die Kinos. Erneut spielen Keanu Reeves und Carrie-Anne Moss die Hauptrollen. Lesen Sie hier unsere garantiert Spoiler-freie Kritik:

Manchmal verrät ein T den Unterschied. In einem solchen Fall entscheidet ein einziger, kleiner Buchstabe, wie die Antwort lautet auf die Frage: Sein oder Schein? „Simulatte“ heißt das Café, in dem Thomas Anderson, gefeierter Entwickler von Videospielen, die Pausen verbringt. Streicht man aber aus dem italienischen „Latte“ im Namen über dem Eingang ein T, steht da „Simulate“, die englische Vokabel für „simulieren“, „vortäuschen“. Denn eine große Simulation ist nicht nur dieses Lokal, sondern das Leben, das Anderson und all die anderen Menschen führen. Eine Täuschung, der sie sich nur allzu gerne hingeben: Willkommen (zurück) in der Matrix!

„Matrix Resurrections“: Lana Wachowski schlägt ein neues Kapitel auf

18 Jahre nach dem Finale der Trilogie, mit der Larry und Andy Wachowski zwischen 1999 und 2003 das Science-Fiction-Genre revolutionierten, kommt jetzt „Matrix Resurrections“ in die Kinos. Lana Wachowski, wie Larry, der seit mehr als zehn Jahren als Frau lebt, heute heißt, verantwortet den vierten Teil allein – und hat damit ein hinreißend neues Kapitel der Geschichte aufgeschlagen.

Szene aus „Matrix Resurrections“ mit Keanu Reeves als Neo und Carrie-Anne Moss als Trinity.
„Matrix Resurrections“: Keanu Reeves als Neo und Carrie-Anne Moss, die erneut Trinity spielt, stehen im Zentrum des neuen Films von Lana Wachowski. © Warner Bros.

Die Idee von „Matrix“ ist so simpel wie faszinierend: Was wäre, wenn unsere Realität nicht real ist? Ausgangspunkt der drei Filme ist ein nie dagewesener Krieg zwischen Menschen und intelligenten Maschinen. Letztere siegen und nutzen fortan den Homo sapiens als Energiequelle, züchten die Körper in Waben mit Nährflüssigkeit. Die Gehirne aber verknüpfen die Maschinen mit einer enormen Simulation, der Matrix. Dieses Computerprogramm gaukelt der Menschheit ein Leben vor, wie wir es kennen. Nur einige Rebellen wissen um die Wahrheit und kämpfen gegen das System. Ein Auserwählter wird ihr Retter: Thomas Anderson, der sich als Hacker Neo nennt, ein Anagramm des englischen „One“. Neo trägt seine Einzigartigkeit bereits im Namen – und stirbt in „Matrix Revolutions“ (2003) für alle Menschen den Opfertod.

Die „Matrix“-Trilogie kam zwischen 1999 und 2003 in die Kinos

Die Wachowskis verquickten in den drei Filmen Mythen und Philosophien, Erlösungserzählungen, Literatur- und Kunstgeschichte. Inszeniert haben sie die Trilogie als spektakuläres Science-Fiction- und Actionkino; Metaphysik trifft hier Martial Arts. Für deren fulminante Vermählung kreierten die Geschwister einen düsteren, eleganten Look. Vor 20 Jahren war der cool, lässig – heute darf man darüber freilich lächeln. Nichts anderes macht nun Lana Wachowski, wenn sie Rebellenführer Morpheus, der inzwischen von Yahya Abdul-Mateen II gespielt wird, in quietschbunten Anzügen mitunter sogar tänzeln lässt – derweil sein Kollege Laurence Fishburne, der einst als Morpheus zu sehen war, stets gewichtig im schwarzen Leder daherschritt. Damals war mehr Pathos.

„Matrix Resurrections“ blickt auch mit Witz auf die Trilogie

Es ist diese Leichtigkeit der Regisseurin im Umgang mit dem eigenen Werk, das Augenzwinkern, mit dem sie dem enormen Erfolg von „Matrix“ begegnet, die unter anderem den Reiz des neuen Films ausmachen. Wachowski macht jedoch mehr, als nur Klamotten auszutauschen. Der Erfolg der Trilogie selbst Thema: In „Resurrections“ ist sie ein Computerspiel, das Anderson programmiert hat: Warner Bros. (tatsächlich das Studio hinter diesem Film) wolle nun einen weiteren, vierten Teil, wird dem zottelhaarigen Computernerd von seinem Kollegen erklärt. An dieser Stelle sei nun nicht zu viel verraten, aber es liegt auf der Hand, dass Anderson sich seit geraumer Zeit fragt, ob die Matrix-Geschichte wirklich einzig seiner Fantasie entsprungen sein kann.

Erneut spielt Keanu Reeves diesen zweifelnden Helden, dessen Vorname an den ungläubigen Thomas, einen der Apostel, erinnert, derweil sein Nachname Hommage ist an den durch Märchen berühmt gewordenen dänischen Autor Hans Christian Andersen. Erst als Neo aus seiner Unwissenheit, seiner erdichteten Existenz als Thomas Anderson in der Matrix erwacht, ist er bereit, „the One“ zu werden.

Im neuen Film erzählt Wachowski die Geschichte des ersten Teils noch mal. Mitunter identisch bis in einzelne Kameraeinstellungen, teilweise aber auch mit veränderten Vorzeichen. Das hätte – nicht zuletzt bei zweieinhalb Stunden Laufzeit – grandios scheitern können. Ist es aber nicht.

Szene aus „Matrix Resurrections“ mit Jessica Henwick (Bugs) und Keanu Reeves (Neo).
„Matrix Resurrections“: Jessica Henwick beeindruckt als Hackerin Bugs. Im Hintergrund: Keanu Reeves, der wieder Neo spielt. © Warner Bros.

Denn „Resurrections“ findet einen neuen, zeitgemäßen Ton, dreht die dramaturgische Spirale weiter, ist spannend sowie mit Witz inszeniert. Sprich: sehenswert auch für all jene, die bislang keinen der Filme kennen. Wer allerdings in der Trilogie zuhause ist, wird enorme Freude mit den zahlreichen Anspielungen haben, die von der Regisseurin platziert wurden. Da ist etwa die Brille, die der Psychotherapeut trägt, bei dem Anderson in Behandlung ist – und deren blaues Gestell verrät, auf welcher Seite dieser Typ eigentlich steht. Seine Katze wiederum frisst aus einem Napf, auf den das Wort „Déjà-vu“ gedruckt ist: Anhand einer solchen Erinnerungstäuschung, verbunden mit einer Katze, wurde Neo im ersten Film erklärt, was es mit der Matrix auf sich hat. Wer genau hinschaut, wird noch mehr solcher Bezüge entdecken. Das ist ein Fest!

„Matrix Resurrections“: starkes Schauspielensemble

Getragen wird der Film aber durch sein tolles Ensemble, in dem vor allem die Frauen die interessantesten Charaktere verkörpern: Besonders Jessica Henwick, die neu dabei ist und eine Hackerin spielt, die Neo wie das weiße Kaninchen in „Alice im Wunderland“ in die tiefsten Tiefen des Baus der Seele und der Erinnerungen begleitet. Jada Pinkett Smith zeigt als resolute Generalin Niobe, wie gut ihre Figur gealtert ist. Jonathan Groff ist nicht nur der smarte Geschäftspartner von Thomas Anderson, sondern auch das Yang zu dessen Yin. Der Schatten, ohne den Neos Licht nicht strahlen könnte. Und schließlich ist da Carrie-Anne Moss, deren Trinity bereits in der Trilogie die spannendste, weil verletzlichste Figur war. Die Schauspielerin geht diesen Weg nun konsequent weiter: Yes, she can.

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