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Nach Riesen-Shitstorm von BTS-Fans: Das plant Ex-BR-Moderator Matthias Matuschik für 2022

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Von: Katrin Basaran

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Bayern3-Moderator Matthias Matuschik.
Matthias Matuschik (56) startet 2022 wieder als Moderator durch. © imago / Christine Roth

Im Februar 2021 lästert Matthias Matuschik in seiner BR-Radioshow heftig über die südkoreanische Boyband BTS. Dafür erntet er einen weltweiten Shitstorm - der ihn beinahe ruiniert.

Ein lockeres, spontanes Mundwerk gilt neben Sprachbegabung und Kreativität als Qualitätsmerkmal guter Moderatoren. Vielleicht sitzt da nicht jeder Satz punktgenau, dafür entsteht eine Natürlichkeit, die auch Persönlichkeit zulässt. Es sind genau diese Eigenschaften, welche die Hörer an Matthias Matuschik so lieben. Der DJ, Kabarettist und BR3-Moderator hat sich über Jahre hinweg mit seiner Sendung „Matuschke – Der andere Abend in Bayern 3“ konsequent einen Kultstatus erarbeitet. Am 24. Februar dieses Jahres überschreitet er mit einem Kommentar für etliche Zuhörer jedoch eine Grenze des Geschmacks: Die Folge ist ein weltweiter und höchst persönlicher Shitstorm via Internet, die beinahe seine Existenz zerstörte.

In diesen Februartagen dämmert Deutschland im Lockdown. Erste Lockerungen sind beschlossene Sache, doch noch ist das öffentliche Leben weitgehend ausgebremst. Wenn also Matthias Matuschik um 21 Uhr mit seiner Show auf Sendung geht, ist es naturgemäß längst dunkel, das Studio oft bis auf wenige Kollegen verwaist.

So weit, so normal. Auch dass die Laune des Kultmoderators nicht die beste ist, klingt angesichts der Umstände nachvollziehbar und gehört irgendwie auch zum Grummelcharme des 56-Jährigen. Bei einer Anmoderation des Coldplay-Hits „Fix you“ redet er sich jedoch erst in Rage und dann um Kopf und Kragen: Er schlägt den Bogen zur südkoreanischen Boyband BTS, die tags zuvor bei MTV ein Unplugged-Konzert aufgenommen hatte und dabei besagten Song coverte. Geht gar nicht für Matuschke und er ledert los: Dass er die Boyband als „kleine Pisser“ betitelt und das Cover eine „Gotteslästerung“, sind die harmloseren Sätze. Schlimmer wiegen Virus-Vergleiche und der Vorschlag, die jungen Südkoreaner sollten dafür die nächsten 20 Jahre im diktatorischen Nordkorea urlauben.

Nach Radio-Eklat: BTS-Fans werfen Matuschik Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vor

„Wenn mich heute eine gute Fee nach einem Wunsch fragte, würde ich diese Moderation gern rückgängig machen“, gibt Matthias Matuschik im Gespräch zu. Als er an jenem Abend nämlich seinem Ärger Luft macht, schneidet eine 14-jährige BTS-Jüngerin irgendwo in Bayern sein Wortgewitter mit und stellt es unter dem Hashtag #Bayern3Racist bei Twitter ein. Es ist eine Kriegserklärung an den Moderator, dem nun Xenophobie und Rassismus vorgeworfen werden.

Die BTS-Anhänger, weltweit geschätzte 45 Millionen, nennen sich selbst „Army“ (Adorable Representative MC for Youth), und die setzt sich nun in Bewegung. Ein Shitstorm gegen Matuschik und Bayern3 stürmt los – und will trotz öffentlicher Abbitte des Moderators, der sich seit Jahren für Flüchtlinge und gegen Rassismus engagiert, bis heute nicht abebben. „Ja, man konnte das falsch verstehen, es war nicht meine glorreichste Stunde“, sagt er heute. „Wer mich kennt, weiß aber, dass der Rassismus-Vorwurf paradox ist.“

Seine Sendung in der Woche nach den Entgleisungen wird dennoch die letzte Matuschke-Show: Die Wellen des Hasses treffen ein beim Sender am Münchner Rundfunkplatz – aus Europa, Asien, Südamerika, Zeitzone für Zeitzone stößt neu dazu. Die Telefonleitungen glühen, die Maileingänge werden geflutet. Und der Mann mit dem flotten Mundwerk arbeitet fortan nur noch redaktionell, sein Micro bleibt aus. Später, da ist es März, April, kündigt der BR an, die Sendung komplett abzusetzen – eine Umstrukturierung, die nichts mit dem Shitstorm zu tun habe, wie man beteuert.

Boyband-BTS
Boyband BTS: Ihre Fans weltweit nennen sich selbst Army und gehen gegen jede Kritik an den Südkoreanern vor. © Jordan Strauss/Invision/Ap/dpa

Der 56-Jährige stürzt derweil in die Krise. „Die Nerven lagen blank.“ Die acht Wochen nach jener verunglückten Moderation versinken in einem Nebel – daran ändert auch die Unterstützung von Senderkollegen, eigenen Fans, Freunden und Familie nichts. „Man ist ja dennoch allein“, sagt Matuschke. „Ich habe rumgeheult [finde ich eher niedlich und distanzierend), konnte nicht schlafen, nahm Psychopharmaka.“ Eine diffuse Angst um seine Lieben treibt ihn um, denn die Army marschiert noch immer: „Es gab Morddrohungen, meine Mutter wurde als ,Hure Hitlers‘ bezeichnet, auf intime Details aus meinem Privatleben wurde in den sozialen Netzwerken ein Kopfgeld ausgesetzt!“ Angefangen bei der Privatadresse bis zu Kreditkartendaten, für die vierstellige Dollarbeträge geboten wurden. Immerhin bleibt es in seinem unmittelbaren Umfeld bis auf ein paar Schmierereien an Mülltonnen ruhig.

Irgendwann versucht Matuschke, sich gegen die übelsten Hetzer anwaltlich zu wehren. „Aber die meisten dieser Fans sind Kinder oder Teenager, die sind noch nicht strafmündig, die kannst du gar nicht belangen.“ Das Sammeln von Informationen über die Army und Selbstreflektion während einer Inkognito-Auszeit in Dubai helfen ihm, wieder klarer zu sehen. Er weiß nun, dass es sich dabei um den wohl am besten organisierten Fanclub weltweit handelt, untergliedert in einzelne Chapter, die bestens vernetzt sind. Mitglieder liegen ständig auf der Lauer nach kleinsten Schnipseln über ihre Lieblinge – sei es Lob oder Kritik, gegen die dann orchestriert vorgegangen wird. BTS-Management oder Plattenfirma haben damit übrigens nichts zu tun.

Matthias Matuschik bekommt Morddrohungen: Wie geht es jetzt für ihn weiter?

Vor rund drei Monaten wagte sich Matuschke in seiner Rolle als Kabarettist mit seinem Programm „Gerne wider“ erstmals erneut in die Öffentlichkeit: „Ich hatte echt Bammel vor meinem ersten Auftritt.“ Das Publikum empfing ihn mit einem anderthalb-minütigen Applaus. „Das war der Wahnsinn, sehr aufbauend“, sagt er und klingt noch immer gerührt. Inzwischen schmiedet der gebürtige Oberpfälzer weitere Pläne. Ab 10. Januar wird er dann wieder moderieren: Bei Radio C, einem neuen Webradio in Luxemburg will er von Montag bis Donnerstag ab 19 Uhr auf Sendung gehen. „Ohne Schere im Kopf und spontan. Ich werde weiterhin denken und nicht beten“ sagt er noch. „Und wenn BTS mal einen Song machen, der mir wirklich gefällt, werde ich das auch sagen.“

Eine Erkenntnis hat er aus diesem Jahr freilich gezogen: „Das Netz hat die Macht, Menschen zu vernichten. Es ist die Büchse der Pandora, die längst geöffnet ist. Und wenn ich mir die Army so betrachte, bin ich beeindruckt von ihrem Elan – und frage mich: Was könnten diese Kids leisten, wenn sie sich mit demselben Engagement für unsere Welt einsetzten?“

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