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Frauenpower an Münchens Kammerspielen

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Von: Michael Schleicher

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Szene aus „Bayerische Suffragetten“: Sophia Goudstikker (Katharina Bach, li.) und Anita Augspurg (Annette Paulmann).
Sie erhoben sich als Erste: Sophia Goudstikker (Katharina Bach, li.) und Anita Augspurg (Annette Paulmann). © Julian Baumann/Münchner Kammerspiele

„Bayerische Suffragetten“ heißt das Stück, das Regisseurin Jessica Glause zusammen mit den Münchner Kammerspielen entwickelt hat. Erzählt wird die Geschichte der Münchner Frauenbewegung. Lesen Sie hier unsere Kritik zur Uraufführung:

Manchmal entzündet sich an Splittern ein Licht, das weithin leuchtet und offenlegt, was schiefläuft. Zum Beispiel jene Beobachtung vom ersten Bayerischen Frauentag, zu dem im Oktober 1899 nach München ins Café Luitpold sowie ins Alte Rathaus geladen wurde. Viel gab es zu diskutieren bei diesem viertägigen Kongress, man kann sich das gut vorstellen. Erhalten haben sich indes nur die Manuskripte jener drei Reden, die von Männern gehalten wurden. Die Vorträge der Frauen gelten als verschollen. Erhellend, oder?

Jessica Glause entwickelte „Bayerische Suffragetten“ mit dem Ensemble

Regisseurin Jessica Glause ist mit dem Ensemble der Münchner Kammerspiele tief eingestiegen in die Geschichte der Frauenbewegung. Aus ihren Erkenntnissen, Entdeckungen, Erfahrungen entstand das Stück „Bayerische Suffragetten“, das am Sonntag im Schauspielhaus uraufgeführt wurde.

Der Titel führt in die Irre, Suffragetten gab’s an der Isar nicht. Gleichwohl haben sich in München von 1886 an (meist bürgerliche) Frauen zusammengefunden, um politisch, gesellschaftlich und künstlerisch für Gleichstellung und Gleichberechtigung zu streiten. Keimzelle war das Fotoatelier Elvira von Anita Augspurg und Sophia Goudstikker an der Von-der-Tann-Straße 15.

„Bayerische Suffragetten“ holt ein wichtiges Thema zurück ins Bewusstsein

Es ist das Verdienst der Kammerspiele, mit diesem Projekt, das vom Verein für Fraueninteressen und der Monacensia unterstützt wurde, ein allzu lange ignoriertes, klein gehaltenes Kapitel der (Stadt-)Geschichte ins Bewusstsein geholt zu haben. Der knapp zwei Stunden lange, pausenlose Abend erstarrt zum Glück nicht unter der Last der Geschichte. Er hat Tempo und viel Musik. Eva Jantschitsch, bekannt unter ihrem Künstlernamen Gustav, hat einige gute, treibende Nummern komponiert; im Lauf der Premiere bekommt die Technik auch die korrekte Mischung von Gesang und Beats hin.

Zehn historische Frauenfiguren stehen im Zentrum des Stücks

Gleichwohl bleibt die Arbeit mitunter (zu) brav. Die Regisseurin und ihre Dramaturgin Viola Hasselberg konzentrieren sich auf zehn Frauen. Das glänzend aufgelegte Ensemble liefert einen faktenreichen Abriss der Geschichte, ergänzt dieses Mosaik durch biografische Details der Protagonistinnen, durch Zitate aus ihren Briefen, Romanen, Stücken, Reden, Tagebüchern, Streitschriften und findet in persönlichen Kommentaren der Darstellerinnen immer wieder die Brücke ins Dilemma von heute. Doch zwischen Historie, dem Recht auf Selbstbestimmung, Abtreibung, gleicher Bezahlung und, und, und mutet die Inszenierung immer wieder auch wie ein Theater-Telekolleg Geschichte an. Alles wichtig, alles richtig – aber eben alles etwas zu ordentlich aufgearbeitet.

Die Inszenierung bleibt leider oft recht brav

Spannend wird es stets dann, wenn Glause Konfliktlinien herausarbeitet, etwa zwischen bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung. Oder entlang der Frage, ob die konkrete Hilfe für die Leidtragenden das System nicht stützt und schützt, das für deren beschissene Lage verantwortlich ist.

Aleksandra Pavlović zeigt, wie die „Bayerischen Suffragetten“ auch hätten sein können: Sie steckte die neun Schauspielerinnen und ihren Kollegen Thomas Hauser in Ganzkörperanzüge mit neonfarbenen Ornamenten; silberweiße Perücken entheben die Figuren völlig ihrer zeitlichen Verortung. Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft: Der Kampf um Gleichstellung, diese Kostüme zeigen es, ist ein Langzeitprojekt. Später wird das Ensemble Kleider in allen Farben des Regenbogens tragen. Und mit der Kraft der Vielfalt entsteht aus vielen beweglichen Einzelteilen, die Jil Bertermann auf die Bühne rollen lässt, im Lauf des Abends ein Abbild jenes fliegenden Drachen, der einst als große Stuckarbeit auf der Fassade des Fotoateliers Elvira prangte. Von dessen Feuer, Wut und Kraft hätte die Inszenierung ruhig mehr haben dürfen.

Heftiger Applaus.

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