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Die Isarphilharmonie ist eröffnet: In der Wohlfühlzone

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Von: Markus Thiel

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Eröffnung der Isarphilharmonie: Blick in den neuen Konzertsaal.
Die Musik hat in München ein neues Zuhause. Blick in die Isarphilharmonie am Freitagabend, als die Philharmoniker den neuen Saal eröffnen. © Peter Kneffel/dpa

München hat einen neuen Konzertsaal. Am Freitagabend wurde die Isarphilharmonie im Interims-Gasteig in Sendling eröffnet. Unsere Kritik des ersten Abends mit Valery Gergiev und seinen Münchner Philharmonikern:

Dies ist einer der Anlässe, der kein reden um den heißen Brei verträgt. Mit der neuen Isarphilharmonie ist Münchens mit Abstand bester Konzertsaal entstanden. Ein Spagat wurde hier geschafft: Der Klang ist trennscharf und zugleich geschlossen. Härten werden abgemildert, der Raum tönt nicht so unterleibslos wie die Gasteig-Philharmonie. Die Musik entfaltet eine große Präsenz, ohne dem Hörer zu nahe zu rücken.

Die Isarphilharmonie hat bis zu 1900 Plätze

Beim Eröffnungskonzert am Freitagabend ist allerdings auch zu spüren, dass extreme Dynamikausschläge problematisch sind – zu erleben gleich im ersten Stück, „Arising Dances“ von Thierry Escaich. Chefdirigent Valery Gergiev lotst bei dieser Uraufführung seine groß besetzten Münchner Philharmoniker mit angezogener Handbremse durch das Auftragswerk. Für Beethoven-Besetzungen wie beim vierten Klavierkonzert ist der Saal allerdings ideal. Fast am schönsten wirkt es in der ganz kleinen Form, bei der Bach-Zugabe, die Pianist Daniil Trifonov sanft verdämmern lässt.

In der neuen Isarphilharmonie: Vorfreude: Herzog Franz von Bayern (Mi.), Gasteig-Chef Max Wagner (re.) und OB Dieter Reiter.
Vorfreude: Herzog Franz von Bayern (Mi.), Gasteig-Chef Max Wagner (re.) und Oberbürgermeister Dieter Reiter. © Robert Haas/Gasteig

Nach der Pause des lang bejubelten Abends revidiert sich der Eindruck ein wenig. Vielleicht liegt’s auch an den tiefenschärferen Werken. Vor allem „Métaboles“ von Henri Dutilleux glückt als perfektes Teststück – mit oszillierenden Tutti und herrlich eingepassten Bläsersoli, die nie vorlaut herausstechen. In Rodion Shchedrins „Der versiegelte Engel“ darf der Philharmonische Chor in zarten Harmonien aus orthodoxer Liturgie schwelgen. Ravels zweite Suite aus „Daphnis et Chloé“ führt dann eindrücklich vor: Diese Isarphilharmonie erzieht zur Feinarbeit und verzeiht keinen präpotenten Effekt.

Die Isarphilharmonie sei „sensationell“, sagt OB Dieter Reiter

Zur Ohren- kommt noch die Augenweide. Auf den schwarzen Wandstrukturen zeigt sich dank raffinierter Lichtregie ein apartes Schattenspiel. Der Saal verströmt trotz dunkler Ästhetik Wohnzimmercharme. Zum Auftakt des Eröffnungskonzerts nennt Oberbürgermeister Dieter Reiter diesen Freitagabend schlicht „sensationell“. Gasteig-Chef Max Wagner erklärt in seiner so glamourösen wie emotionalen Ansprache auf der Bühne der neuen Isarphilharmonie: „Freude und Dankbarkeit, das ist es, was mich und uns heute bewegt.“

Nach gerade mal eineinhalb Jahren Bauzeit spielen die Philharmoniker also zum ersten Mal in ihrer neuen Wirkungsstätte im Interims-Gasteig an der Hans-Preißinger-Straße 8. „Diese Heimat habt ihr verdient“, sagt SPD-Politiker Reiter zu den Musikerinnen und Musikern. Das Projekt und seine Realisierung nennt er „die ideale Blaupause für Kulturbauten“ und erklärt den Gästen der Eröffnung: „Wenn es auch ihnen gefällt, dann ahne ich, dass dieses Interim relativ lang Bestand haben wird.“

Valery Gergiev am Pult der Münchner Philharmoniker am ersten Abend in der Isarphilharmonie.
Dirigierte als erstes Werk im neuen Konzertsaal „Arising Dances“ von Thierry Escaich: Valery Gergiev. © Peter Kneffel/dpa

Seit Wochen haben die Philharmoniker mit Gergiev für diesen Freitag vorgearbeitet. Was bedeutet: nicht nur musikalisch probiert, sondern mit Aufstellungen experimentiert und immer wieder Orchestergruppen neu positioniert. Schon in der akustisch umstrittenen Gasteig-Philharmonie war dies das Steckenpferd des Chefdirigenten. Nun hat sich die Puzzelei auch für die Sendlinger Exil-Spielstätte während der Gasteig-Sanierung ausgezahlt. Viel mehr noch: Nach vorübergehender Lösung oder Provisorium sieht das alles nicht aus und klingt auch nicht so. Diesen 1900-Plätze-Saal möchte man dringend auch in den künftigen Jahrzehnten behalten; nicht nur Dieter Reiter spricht das am Freitag an.

Eröffnung der Isarphilharmonie: Blick ins Foyer.
Roter Teppich für den neuen Konzertsaal: Die Halle E ist Foyer der Isarphilharmonie und des Interims-Gasteig. © Peter Kneffel/dpa

Betont nüchtern, mit grauem ist alles gehalten gehalten und bildet damit einen starken Kontrast zur angrenzenden ehemaligen Trafohalle mit ihrem roten Backstein. Dort, in einem neu gestalteten Foyer, trifft sich zur Eröffnung die Gala-Gemeinde samt Experten und den üblichen Adabeis, um dann mit „Ah!“ und „Oh!“ den Neubau zu betreten.

Für die Akustik der Isarphilharmonie ist Yasuhisa Toyota verantwortlich

Ob intimer oder monumentaler Moment: In der Isarphilharmonie zeigt sich erneut die Kunst des japanischen Akustik-Papstes Yasuhisa Toyota. Der ist vor allem berühmt für die klangliche Trennschärfe in den von ihm konzipierten Sälen. Aber auch für einen betont neutralen, unterkühlten bis Frösteln machenden Klang. Das ist in München überraschend anders – was an der wesentlich kleineren Kubatur liegen mag etwa im Vergleich zu Toyotas Hamburger Elbphilharmonie. Typisch Toyota ist die aufgeraute Oberfläche der hier schwarzen Wände, der Klang wird damit gut gebrochen und verteilt.

Überhaupt hat die Isarphilharmonie nichts von einem Leuchtturmprojekt. Das liegt gewiss an der Primärfunktion als Übergangsspielstätte. Doch das Prinzip, mit Qualität und nicht mit architektonischem Auftrumpfen bestechen zu wollen, ist ein Gegenentwurf zu vielen Konzertsaal-Projekten. Gearbeitet wurde mit Holz, Glas, Beton und Stahl, teilweise in einfacher Modul-Bauweise. Letztlich wird damit vorgeführt, worauf es wirklich ankommt: auf den Musikgenuss und nicht auf die Repräsentation oder, viel schlimmer, auf Blendung.

Der Interims-Gasteig HP8 ist eine kulturelle Wohlfühlzone

In unmittelbarer Isar-Nähe ist damit eine kulturelle Wohlfühlzone entstanden. In die dürften sich nicht nur Besucherinnen und Besucher des großen Saales, sondern auch andere verlieben, die alle dortigen kleinen und großen Räume, kulinarischen Treffs oder auch die Bibliothek nutzen. Der Weg dorthin vom U-Bahnhof Brudermühlstraße oder mit dem MVG-Bus mag im Vergleich zum Gasteig etwas beschwerlicher sein – doch daran wird man sich gewöhnen.

Die Jazzrausch Bigband hat als erste Band ein Konzert in der neuen Isarphilharmonie gegeben. Unsere Kritik lesen Sie hier.

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