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Die Kunsthalle München zeigt „Belgische Moderne von Ensor bis Magritte“

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Von: Simone Dattenberger

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Das Gemälde „Die Rache“ von René Magritte
René Magritte hinterfragt den Realismus – mit dem Gemälde „Die Rache“, das in der Kunsthalle München zu sehen ist. © Hugo Maertens

In der Kunsthalle München können Besucher Kunst sehen, die vor Sinnlichkeit strotzt, aber auch widersprüchlich ist.

„Fantastisch real“ ist das scheinbar widersprüchliche Signal, das die Kunsthalle München aussendet, um Besucher in die neue Ausstellung zu locken. Und sie unterstreicht dieses Verwirrspiel mit René Magrittes Gemälde „Die Rache“ (1938/39) auf Plakat und Katalog. Mit Vergeltung hat dieses Bild-im-Bild nichts zu tun; selbst die Wölkchen, die aus dem Innengemälde ausbrechen, wirken wirklich nicht rachsüchtig.

Klar, der Belgier malt realistisch, wir können jede Einzelheit mühelos „lesen“ – trotzdem kann all das Gezeigte ja gar nicht stimmen. Mit Realität hat das nichts zu tun. Genau diese Tatsache bringt uns Magritte bei: Alles ist ein Zeichen, das Menschen gestalten und das vielleicht für etwas anderes stehen könnte oder eben ganz für sich selbst. Grübelkunst, die vor Sinnlichkeit strotzt.

Kunsthalle München: „Die Intrige“ von James Ensor zählt zu den berühmtesten Bildern der Ausstellung

Die belgische Moderne von circa 1860 bis 1960 habe dazu einen ausgeprägten Hang; so jedenfalls die These, die das Kuratoren-Team Nerina Santorius und Herwig Todts ihrer Konzeption zugrunde gelegt haben. Sie illuminieren sie mit 130 Gemälden, Grafiken und besonders herausragenden Skulpturen. Möglich war das durch die Zusammenarbeit mit dem Königlichen Museum für Schöne Künste Antwerpen (KMSKA), Herberge der größten James-Ensor-Sammlung weltweit. Da es noch bis 25. September 2022 renoviert und ausgebaut wird, durften viele Werke auf Reisen gehen.

Das Bild „Die Intrige“ von James Ensors.
Eines der berühmtesten Bilder der Ausstellung in München: James Ensors „Die Intrige“. © Hugo Maertens

Darunter Ikonen der Kunstgeschichte wie Ensors „Die Intrige“ (1890), wie diverse Magrittes, Paul Delvaux’ Werk „Die rosa Schleifen“ (1937), das bestens zur immer noch aktuellen Sexismusdebatte passt, und wie der „Hafenarbeiter von Antwerpen“ (1885) von Constantin Meunier. Der setzte ihn etwas überlebensgroß als lässig selbstbewussten, leicht antikisierten Typen in Szene, ohne die Plumpheit eines sozialistischen Realismus.

„Fantastisch real“: Austellung in der Kunsthalle München

Neben diesen Berühmtheiten gibt es viele Entdeckungen zu genießen. Dazu trägt auch das witzig akzentuierende Ausstellungsdesign von Martin Kinzlmaier bei. Da das Präsentationsprogramm vom Historismus der Akademie Antwerpen über die Spielarten des Impressionismus, „Der Seele der Dinge“ (Symbolismus), der „Welt der Arbeit“ bis hin zu den „Wegen des Expressionismus“ und dem „Surrealismus“ reicht, können Besucherinnen und Besucher in vielen unterschiedlichen optischen Ausdrucksmöglichkeiten schwelgen. Der rote Faden ist (meist) das Geheimnisvolle. Die Belgier laden sogar einfache Motive mit einer Stimmung auf, die wir ehe intuitiv erfassen, als präzise benennen können. Da kann einem sogar ein toter Rochen im Stroh (von Ensor, 1880) zu denken geben. Ganz zu schweigen von dem versonnenen Geiger in seiner bescheidenen Stube; ein Arrangement aus Porträt, Interieur und Stillleben, das Alexander Struys 1873 vielsagend „Vielleicht!“ nannte.

Das Bild „Vesperzeit“ von Constant Permeke
Erdverbunden: Constant Permekes „Vesperzeit“. © Hugo Maertens

Natürlich setzten sich die Künstler in diesen 100 Jahren mit allen Strömungen – zwischen Japonismus und Art Brut – auseinander und testeten deren Potenzial aus. Das macht die Schau für uns noch reizvoller, denn wir fühlen uns ganz daheim in einem umfassenden europäischen Kunstkosmos. Man freut sich am Speziellen, weiß aber um die Verwandtschaft. Dräuende Landschaften (1898, Eugène Laermans) erinnern an Marianne von Werefkins Strategie; Ensors lichtflutende (fast abstrakte) Vertreibung aus dem Paradies (1887) an William Turner und Franz von Stucks „Wächter des Paradieses“; Frits Van den Berghes gruselig „Blühender Baum“ (1930) an Max Ernsts surreale Wucherungen und Edmond Van Doorens „Maschinengesang“ (1945/49) an eine komplett entfesselte „Metropolis“-Kulisse.

Neben dem Wilden, Versponnenen und Abgründigen gibt es auch die Stille: idyllische Städtchen im Abendlicht, elegische Frauen am Fenster und Treppen in traulichen Häusern – aber was lauert hinter deren Türen? Zuletzt stellte die Kunsthalle München Fotos von Erwin Olaf aus. Die Ausstellung „Fantastisch real“ läuft bis zum 06. März 2022, täglich 10-20 Uhr (089/22 44 12). Der Katalog kostet 32 Euro.

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