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Münchner Volkstheater: ein Stückl Theatergeschichte

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Von: Michael Schleicher

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Christian Stückl und sein Ensemble auf der Bühne des Münchner Volkstheaters.
Der letzte Vorhang im alten Volkstheater: „Und - mach‘ zua!“, ruft Intendant Christian Stückl. © Gabriela Neeb

Das war‘s: Das Münchner Volkstheater an der Brienner Straße 50 ist Geschichte. Am Sonntag wurde hier zum letzten Mal gespielt. Nach „Macbeth“ hielt Intendant Christian Stückl eine emotionale Rede – und griff zum Beil.

Plötzlich hat er ein Beil in der Hand, irgendjemand hat es ihm von der Seitenbühne gereicht. Mit dem Werkzeug in der Rechten erzählt Christian Stückl von Jakob Immervoll. „Jakob hat immer einen Traum gehabt“, verrät der Intendant des Münchner Volkstheaters. „Er will sich ein Stück von der Bühne mitnehmen.“ Pause. „Jakob, hol’ dir ein Stück!“ Ruft’s und gibt dem Schauspieler das Beil. Immervoll, der gerade 105 Minuten lang die Seelenqualen von Shakespeares Macbeth aufgefächert hat, zögert kurz, lacht – und schlägt zu. Vier, fünf Hiebe: Dann reckt er – Jubel! – einen Splitter Bühnenholz hoch.

Am 15. Oktober wird das neue Volkstheater eröffnet

Es ist das besondere Erinnerungsstück an einen Ort, der lange schon eingeschrieben ist in die Theatergeschichte der Stadt. Nach 38 Jahren wurde am Sonntag an der Brienner Straße 50, einer umgebauten Turnhalle, die stets Provisorium geblieben ist, zum letzten Mal Theater gespielt. „Macbeth“, inszeniert von Philipp Arnold, machte das Licht aus. Freilich geht man niemals so ganz, daher zieht diese sehenswerte Produktion, die seit der Premiere nochmals gewonnen hat, mit um ins Schlachthofviertel. Das neue Theater dort wird am 15. Oktober eröffnet; bereits ab September wird es für Neugierige Hausführungen geben.

Gerade hat Stückl den Schlüssel, genauer: einen Schlüsselchip, für seine künftige Bühne erhalten. Groß sei das Haus, sehr viel größer als das bisherige. „Wenn ich drin steh, komm’ ich mir manchmal vor wie Tebartz-van Elst“, sagt der Intendant in Erinnerung an den ehemaligen Bischof von Limburg, dem man durchaus einen exquisiten innenarchitektonischen Geschmack kombiniert mit einem detaillierten Ausstattungsfimmel attestieren kann. „Nur goldene Badewannen gibt es nicht!“

Seit 2002 ist Stückl Intendant des Münchner Volkstheaters

Soll bloß keiner denken, das neue Volkstheater sei ein Palast. Verdient haben sie es sich, und lange genug dafür gekämpft haben sie auch. Stückl berichtet davon vor den erlaubten 180 Menschen im Saal, die an diesem Sonntag den „Macbeth“ sehen durften: Wie die städtische Bühne am Boden lag, künstlerisch und finanziell, als er 2002 die Leitung übernahm. Wie mies der Ruf des Hauses in der Stadtpolitik war. „Für die Grünen und die SPD war das nie ein geliebtes Theater.“ Zwischenruf von Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne) in Reihe eins: „Das hat sich aber geändert!“ Stimmt, räumt Stückl ein, dessen erster Vertrag noch eine Ausstiegsklausel enthielt: „Wenn du es nach zwei Jahren nicht geschafft hast, machen wir es zu“, habe Oberbürgermeister Christian Ude damals zu ihm gesagt.

Ohne die Stadt und deren Unterstützung wäre der Neubau heute noch ein Traum, weiß der Prinzipal. Und ohne das Team „vor, auf, hinter und unter der Bühne“ wäre sein Volkstheater nur irgendein Theater. „So etwas funktioniert nur, wenn alle Mitarbeiter gut sind!“ Daher bittet er sie alle auf die Bühne, schüttelt stellvertretend die Hände des „Macbeth“-Ensembles. Mächtiger Applaus.

Das neue Volkstheater liegt an der Tumblingerstraße 29

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich weiß es wirklich nicht“, hatte der Intendant zu Beginn seiner Rede zum Abschied von der Brienner Straße gesagt – und sich (mindestens) eine Träne aus dem Auge gewischt. Am Anfang von „Macbeth“ indes fragen die Hexen raunend einander: „When shall we three meet again?“

Wann sich die drei grausigen Ladys erneut begegnen, vermag kaum einer zu sagen. Wir andern aber sehen uns bald wieder: ab 15. Oktober an der Tumblingerstraße 29. Im neuen Volkstheater.

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