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Münchner Kammerspiele: „Heart Chamber Fragments“ ist eine echte Herzenssache

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Von: Michael Schleicher

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Szene aus „Heart Chamber Fragments“ an den Münchner Kammerspielen.
Ein engagiertes Ensemble an den Münchner Kammerspielen (v. li.): Chao Liu, Svetlana Belesova, Ya’nan Wang, Martin Weigel, Erwin Aljukić, Cindy Ng, Komi Togbonou und Manel Salas Palau (nicht im Bild: Stefan Merki). © Judith Buss/Münchner Kammerspiele

Die Münchner Kammerspiele haben mit dem chinesischen Kollektiv Papier Tiger Theater Studio kooperiert. Die Produktion „Heart Chamber Fragments“ wurde jetzt uraufgeführt. Unsere Premierenkritik:

Ein wundersames Organ ist unser Herz, ein fleißiger Muskel im Dienst des Lebens. Die Menschen freilich schreiben dem Hohlkörper in ihrem Brustkorb seit langer Zeit noch viele andere Bedeutungen als nur die biologische zu. Eine theatrale Spurensuche zwischen Wissenschaft, Kunst, Ethik und Philosophie ist Tian Gebings „Heart Chamber Fragments“, eine Zusammenarbeit zwischen dem unabhängigen chinesischen Kollektiv Papier Tiger Theater Studio, 1997 gegründet in Beijing, und den Münchner Kammerspielen. Am Donnerstag wurde der Abend in der Therese-Giehse-Halle uraufgeführt. Es ist nicht die erste Kooperation in dieser Spielzeit: Mit dem Complejo Teatral de Buenos Aires entstand „Los Años / Die Jahre“ von Mariano Pensotti.

Die Münchner Kammerspiele kooperierten mit dem Papier Tiger Theater Studio

Das Publikum sitzt an drei Seiten um die leere Spielfläche, auf dem sich das neunköpfige Ensemble zu Beginn zwei Bälle zuwirft oder -rollt. Es ist ein so simples wie aussagekräftiges Bild: Nach und nach verlassen die drei Schauspielerinnen und sechs Schauspieler den Platz – zunächst nehmen die Ballwechsel an Rasanz zu, es wird spannender. Doch je weniger Menschen mitmachen, desto höher wird die Fehlerquote; am Ende wirft Erwin Aljukić ein paar Mal für sich den Ball in die Höhe – dann springt er ihm aus der Hand.

Zwei Stunden dauert die Inszenierung in den Münchner Kammerspielen

Die zweistündige Inszenierung, die etwas gekürzt eine noch größere Intensität entfaltet hätte, ist eine echte Herzenssache. Vordergründig geht’s ums Organ – und doch erzählt der Abend eben auch vom menschlichen Zusammenleben. Ausgangspunkt sind drei Texte, die alle vom Einbruch des Fremden in eine bestens eingerichtete Umgebung berichten: Franz Kafkas postum veröffentlichte Arbeit „Der Bau“, entstanden 1923, Jean-Luc Nancys „Der Eindringling“ von 1999, und ein 1700 Jahre alter chinesischer Text von Tao Yuanming, „Der Pfirsichblütenquell“.

Szene aus „Heart Chamber Fragments“ an den Münchner Kammerspielen.
„Heart Chamber Fragments“ bringt wunderschöne Bilder in die Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele. © Judith Buss/Münchner Kammerspiele

Im Zentrum steht Kafka (1883-1924), der seinen unterirdischen Architekten (ein Tier? ein Mensch?) von seinem „Bau“ berichten lässt, der längst Teil seines Körpers zu sein scheint. Panisch reagiert der Erzähler auf einen möglichen Einbrecher. Als solchen nimmt auch der französische Philosoph Jean-Luc Nancy (1940-2021) sein Herz wahr – das eigene, kranke Organ sowie das fremde, das ihm zur Lebensrettung transplantiert wird. „Der Pfirsichblütenquell“ schließlich, von Tao Yuanming (365-427) im 4. Jahrhundert verfasst, schildert ebenfalls die Angst vor Fremden. Die Bewohner eines verborgenen Paradieses fürchten die Entdeckung und damit die Zerstörung ihres Utopias: „Den Leuten draußen aber sollst du nichts von uns erzählen!“, fordern sie einen Fischer eindringlich auf, der sie zufällig gefunden hat.

„Heart Chamber Fragments“ mischt Theater, Tanz und Kampfkunst

Tian Gebing und sein Ensemble wählen einen sehr körperlichen Zugang aus Tanz, Sport und diversen Kampfkunstdisziplinen zu den Stoffen. Zudem zaubert die Inszenierung immer wieder traumhaft schöne Bilder in die Halle der Münchner Kammerspiele, zu denen die unaufdringliche, doch geschickte Lichtgestaltung von Christian Schweig beiträgt.

Dennoch geht das Konzept nicht immer auf. Gerade im ersten Fragment, das auf Nancy basiert, finden Text (mit deutschen/chinesischen Untertiteln) und Bewegung zu selten wirklich zusammen. Hier bleibt vieles – auch durch den letztlich überflüssigen Einsatz von Filmeinspielern – im Stil einer Knoff-Hoff-Show stecken.

Ganz anders dagegen bei Kafka, dem stärksten Teil dieser Produktion. Cindy Ng und Martin Weigel gelingt ein Mit- und Gegeneinander aus Tanz und Kampf, das tatsächlich zu Herzen geht. Langer, begeisterter Applaus.

Hier lesen Sie unsere Kritik zu „Effingers“, der ersten Spielzeit-Premiere an den Münchner Kammerspielen.

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