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Residenztheater: Techno-Party im Marstall

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Von: Ulrike Frick

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Szene aus „Die Unerhörten“ im Marstall des Residenztheaters: Nicola Kirsch (v.li.), Pia Händler und Lisa Stiegler spielen Figuren aus den Mythen des Altertums.
Münchner Residenztheater: Im Marstall sind Nicola Kirsch (v.li.), Pia Händler und Lisa Stiegler in „Die Unerhörten“ zu sehen. © Sandra Then/Münchner Residenztheater

Im Münchner Residenztheater kommen „Die Unerhörten“ zu Wort. Dabei treffen antike Heldinnen auf Techno-Beats. Unsere Premierenkritik:

„Du aber gehe ins Haus und besorge die eigene Arbeit; Spindel und Webstuhl sind es; das Wort ist die Sache der Männer, aller, doch mehr noch meine, da mein im Hause die Macht ist.“ So herrscht der jugendliche Telemachos seine Mutter Penelope in Homers „Odyssee“ an. Vater Odysseus treibt sich seit Jahren in der griechischen Inselwelt herum. Das pubertierende Söhnchen schikaniert derweil daheim die wartende Mutter.

Münchner Residenztheater: Elsa-Sophie Jach inszenierte „Die Unerhörten“

„Wir schreiben die Geschichte um“, tönt es nun aus dem Münchner Marstall Telemachos, Agamemnon, Jason, Poseidon, Tereus und allen anderen breitbeinig argumentierenden Kerlen der Antike und Gegenwart entgegen. „Die Unerhörten“ heißt der kraftvolle Abend des Residenztheaters, den Regisseurin Elsa-Sophie Jach für sechs Frauen eingerichtet hat. „Technoide Liebesbriefe für antike Heldinnen“ lautet der Untertitel.

„Die Unerhörten“: Frauen der Antike stehen im Zentrum

Es ist keine neue Erkenntnis, dass es den Frauenfiguren in der Mythologie selten gut erging. Im Gegenteil: Je stärker, klüger oder energischer sie anfangs auftraten, umso heftiger und grausamer fiel ihr Ende oft aus. Von Hekabe über Iphigenie bis Klytaimnestra hatten die Damen wenig zu lachen, wie man aus den Quellen oder Sagenbüchern weiß. Bei Jach, die dafür literarische Zitate aus Historie und Moderne zusammengetragen hat, dürfen sie sich endlich wehren. Sehr geschickt kombiniert sie antike Texte wie Sapphos „Lieder“, Ovids „Metamorphosen“, Aischylos’ „Orestie“ oder „Medea“ von Euripides mit Auszügen aus bekannten Werken von Ingeborg Bachmann, Friederike Mayröcker, Christa Wolf oder Hélène Cixous. Sie fügt noch ein wenig John von Düffel und Heiner Müller hinzu, dazu Queeres von Psychoanalytikerin Esther Hutfless oder Philosophin Elisabeth Schäfer und Aktuelles von spannenden jungen Dramatikerinnen wie Enis Maci. Fertig ist ein Theaterabend, der auf unprätentiöse Weise deutlich macht, weshalb Theater gerade heute so immens wichtig ist für jeden gesellschaftlichen Diskurs.

Die Nymphe Echo, die Seherin Kassandra, die von ihrem Mann Jason gedemütigte Medea, die vergewaltigte und von allen verdammte Medusa, Odysseus’ sich lange Jahre nach dem Gatten grämende Penelope und die Schwestern Prokne und Philomena – sie alle „wollen nicht länger rumsitzen und nichts tun“. Sie sind „Mütterchen, die auch Freiheitskämpferinnen sind“ und „verständigen sich über geheime Garnknoten“, um der sie dominierenden, entwürdigenden und vergewaltigenden Männerwelt die Stirn zu bieten.

Münchner Residenztheater: Das Ensemble spielt mit großer Wucht

Evelyne Gugolz, Franziska Hackl, Pia Händler, Katja Jung, Nicola Kirsch und Lisa Stiegler spielen ihre gelegentlich wechselnden Rollen mit viel Energie und Wucht, trotzdem beeindruckt ihr Spiel ausnahmslos durch feine Präzision im Detail.

Das Schlachtfeld für ihren Kampf der flammenden Worte ist eine in allen erdenklichen Rosa-Schattierungen von Pink bis Schweinchenfarben prunkende Arena mit einem entsprechend kolorierten Springbrunnen in der Mitte. In allen vier Ecken steht ein Mitglied der Technoband Slatec, angemessen feminin gewandet in weich fallenden Seidenblusen und Marlene-Dietrich-Hosen in Rot- und Rosatönen, mit Perlenketten behängt – während die Mädels als schwarz gewandete Rockergang in Springerstiefeln auftauchen.

Münchner Residenztheater: Partystimmung im Marstall

Sie begleiten das intensive Spiel des sechsköpfigen Ensembles mit ihrem subtil und stimmig arrangierten Soundtrack. Der steigert sich mitunter vom Düsteren ins Bedrohliche, etwa wenn die betrogene Prokne und ihre vom eigenen Schwager vergewaltigte und verstümmelte Schwester Philomena auf Rache sinnen. Dann läuft der plätschernde Brunnen allmählich voll Blut. Das schlimmste Schicksal ist das der letzten Frau, die an diesem Abend gewürdigt wird: das von Nevin Yildirim. Denn es ist so grauenhaft wie das Los jener Königinnen und Göttertöchter – aber eben real. Begeisterter Applaus und Zugabe inklusive Partystimmung für alle.

Lesen Sie hier unsere Premierenkritik zu „Agnes Bernauer“ von Franz Xaver Kroetz am Bayerischen Staatsschauspiel.

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