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Münchner Kammerspiele zeigen „Das Erbe“: Mölln und die Folgen

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Von: Michael Schleicher

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Szene des Stücks „Das Erbe“ von Nuran David Calis mit (v. li.) Edith Saldanha, Zeynep Bozbay, Mehmet Sözer und Elmira Bahrami an den Münchner Kammerspielen.
Sie erzählen ihre Geschichten (v. li.): Anwältin Ilias (Edith Saldanha) sowie die Doğan-Kinder Leyla (Zeynep Bozbay), Halil (Mehmet Sözer) und Arzu (Elmira Bahrami). © Krafft Angerer/Münchner Kammerspiele

Vor 30 Jahren verübten Neonazis Brandanschläge auf zwei Häuser in Mölln. Dieser rassistische Angriff bildet den Hintergrund des Stücks „Das Erbe“ von Nuran David Calis, das an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde.

Welch ein Wagnis für ein Theater. Im Jahr 1992 verüben Neonazis Brandanschläge auf zwei Wohnhäuser im schleswig-holsteinischen Mölln. Sie ermorden die zehnjährige Yeliz Arslan, die 14 Jahre alte Ayse Yılmaz sowie Bahide Arslan, die damals 51 ist und stirbt, als sie versucht, ihre Enkelinnen zu retten. Neun weitere Menschen werden bei dem rassistischen Angriff verletzt. Auf den Tag genau 30 Jahre nach der Tatnacht setzen die Münchner Kammerspiele am Mittwoch (23. November 2022) die Premiere von Nuran David Calis’ Stück „Das Erbe“ an. Der Autor, Jahrgang 1976, beschäftigt sich hier mit den Verbrechen von Mölln; Hausregisseurin Pınar Karabulut richtete die Uraufführung im Schauspielhaus ein.

Pınar Karabulut inszenierte die Uraufführung von „Das Erbe“ an den Kammerspielen

Ein Wagnis, in der Tat, vielleicht sogar eine Anmaßung. Denn so nachvollziehbar Betroffenheit, Fassungslosigkeit sind – sie genügen natürlich nicht für einen Theaterabend. Auch Wut, Trauer, Verzweiflung tragen keine Inszenierung. Kunst bündelt im besten Fall all diese Gefühle – und kreiert Neues daraus, fügt den Fakten (mindestens) eine weitere Ebene hinzu. Eben dies gelingt Calis in seiner Tragödie häufig; vor allem aber glückt es Karabulut in diesen gut 100 pausenlosen Minuten.

Am 23. November 1992 wurden die Brandanschläge in Mölln verübt

Im Zentrum von „Das Erbe“ steht die Familie Doğan: Vater Murat ist als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, hat hier ein Transportunternehmen aufgebaut und zum internationalen Erfolg geführt. Nach seinem Tod 1992 kommen seine Witwe und die drei Kinder zusammen: vereint in Trauer, zerstritten übers Erbe. Als die Familie von den Anschlägen im fernen Mölln erfährt, entkoppelt das ihre Streitereien vom Klein-Klein des Alltags. Über allen steht plötzlich die Frage: Was bedeutet uns Deutschland – und wir den Deutschen? Egal, wie angepasst und privilegiert die Doğans leben, akzeptiert fühlen sie sich nicht.

Karabulut findet an den Münchner Kammerspielen starke Bilder für „Das Erbe“

Dieser Zugriff überzeugt. Obwohl das Drama stellenweise nicht vor dem Duktus eines Volkshochschulkurses und des Thesentheaters gefeit ist. Manchmal reproduziert Calis jene Klischees, die er kritisiert: „Man will unsere Texte nicht lesen, unsere Bilder, die wir gemalt haben, nicht sehen, die Sprache, die wir mitgebracht haben, nicht hören“, sagt etwa Halil, der Sohn. Verallgemeinerungen gibt’s also auf allen Seiten, und alle laufen sie ins Leere. Dafür findet Karabulut starke Bilder: Aleksandra Pavlović hat ihr die Bühne leer geräumt und in deren Mitte eine Drehscheibe platziert. Wie sehr sich die Menschen darauf auch bewegen – keiner kommt an. Das achtköpfige Ensemble spielt mit Verve selbst über die etwas papierenen Passagen des Stücks hinweg. Im Vergleich zu früheren Arbeiten fokussiert sich die Regisseurin ganz auf Figuren und deren Motive. So geschieht zwar wenig Aktion, aber einiges in den Dialogen. Die eingespielten Filmpassagen aus der Villa der Doğans (gedreht im Garten des Lenbachhauses) geben der Produktion einen guten Rhythmus, ebenso wie die fantastische Musik- und Geräuschkulisse, die Daniel Murena erarbeitet hat. Ihr obliegt es zudem, gemeinsam mit Texteinblendungen, von den Taten in Mölln zu berichten. Das wirkt.

Schließlich halten die Geschwister Doğan jedoch tatsächlich inne, sitzen zusammen, teilen sich einen Joint. Es folgt das ehrlichste, wahrhaftigste, bewussteste und auch lustigste Gespräch der drei. Und in dieser Szene steckt die schönste Utopie, die Calis in seinem Text formuliert: alle entspannen sich und reden miteinander.
(Noch mehr Theater? Lesen Sie hier unsere Kritiken zu „Pussy Sludge“ am Münchner Volkstheater sowie zu „Göttersimulation“ an den Münchner Kammerspielen.)

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