Traurige Aktualität

Kammerspiele mit Stück über "Mein Kampf"

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Rapper Volkan T error auf der Bühne: Die ­Kammerspiele beschäftigen sich mit dem heiklen Thema – am Sonntag war Premiere.

München - Es ist ein brisantes Thema, das die Kammerspiele da angehen: "Mein Kampf" in Theaterfassung, kann das gut gehen? Es kann.

Sie hat als 14-Jährige Mein Kampf gründlich gelesen, daraus einen Auszug erstellt und die ordentlich getippten, notdürftig gehefteten Blätter Weihnachten 1965 ihrer Mama geschenkt. Heute steht Sibylla Flügge, Juraprofessorin in Frankfurt, mit diesem Heft auf der Bühne der Kammerspiele. Sie gibt dem Stück Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2 ganz zu Anfang den ersten, guten Schwung. Den schaukeln ihre Mitstreiter Anna Gilsbach (Juristin), Matthias Hageböck (Buchrestaurator), Alon Kraus (Rechtsanwalt in Israel), Christian Spremberg (Brailleschrift-Redaktion) sowie Rapper Volkan T error mit Genuss, Spielfreude und etwas Premierenaufregung weiter kräftig hoch.

Es ist eines der meist­diskutierten und gleichzeitig eines der schlimmsten ­Bücher in deutscher ­Sprache: Adolf Hitlers Mein Kampf, entstanden in den Jahren 1924 bis 1926. Der Neudruck ist derzeit noch verboten, allerdings enden die Urheberrechte mit dem 31. Dezember dieses ­Jahres.

Das Team Rimini Protokoll, also Helgard Haug und Daniel Wetzel, hat erneut bewiesen, dass es nicht nur Gespür für die richtigen Themen hat, sondern noch viel mehr für die richtigen Menschen. Ohne die feinfühlige Auswahl dieser sechs wäre das Konzept nicht tragfähig. Obwohl das Projekt bereits am 3. September beim Kunstfest Weimar herauskam und eine Koproduktion vieler Theater ist, kann der neue Kammerspiele-Intendant Matthias Lilienthal stolz sein, München, der einstigen „Hauptstadt der Bewegung“, ein herausragendes Theater-Werk bieten zu können.
Das Bühnenbild- und Video-Duo Marc Jungreithmeier und Grit Schuster öffneten die Bühne bis in die Kulissenschächte und bauten aus Möbelmüll mächtige Schrankwände. In denen werden Bücher rumgeräumt, die Kästen-Kombi dient als Projektionsfläche, etwa wenn Historiker Moshe Zimmermann filmisch auftritt, und am Ende schließen sich die Wände als Buchdeckel samt -rücken zum Wälzer Mein Kampf. In diesem Umfeld entwickelt sich das Pingpong-Spiel der Erlebnisse mit dem Buch, der Eindrücke, der Hintergründe und Inhalte. Wissen und Gefühle, Sichtweisen und Urteile werden so hurtig ins Publikum versprüht, dass man gar nicht alles mitkriegen kann.

Anna Gilsbach (v.l.), Christian Spremberg und Alon Kraus.

Diese Strategie verhindert Langeweile; dennoch sind die zweieinviertel Stunden ein bissl zu überfrachtet. „Langweilig“ ist ja neben dem Faktum, dass Mein Kampf eine bedrückende Hetzschrift ist, das Urteil, das am häufigsten bei Hitlers Buch fällt. Viele der Bühnen-Mitstreiter wenden sich dagegen, denn daraus lerne man vor allem, wie Propagandatechniken funktionieren. Und am Ende des Abends ziehen die sechs genau diese Tricks ins Heute, beweisen, wie deutlich die aktuellen Anti-Politiker-, Anti-Presse-, Anti-Fremden-Floskeln aus Hitlers Phrasendreschmaschine kommen.

Um den Themenwirbel zu strukturieren, nutzen die sechs das Alphabet-Spiel, und das geht von J wie Jerusalem bis Z wie Zersetzung. Für eine sanft neutralisierende Lesung der Hitler-Zitate sorgt Spremberg, der als Blinder aus Mein Kampf in Brailleschrift vorträgt.

Daneben werden juristische Fragestellungen von Gilsbach verständlich erläutert: Denn was soll passieren mit dem Wälzer? Das Urheberrecht läuft im Januar 2016 aus. Das Allerbeste bei der Produktion ist der Respekt vor den Menschen. Den beweisen Haug und Wetzel im Umgang mit den Spielern auf der Bühne. Das unterscheidet das Duo von vielen „normalen“ Regisseuren. Und das merkt der Zuschauer der Aufführung an. Herzlicher, erstaunlich kurzer Applaus.

Simone Dattenberger

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