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Münchner Kammerspiele: Aufguss für alle

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Von: Michael Schleicher

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Szene aus „Nightcore“ an den Münchner Kammerspielen mit Thomas Hauser und Anna Gesa-Raija Lappe.
Entschleunigung in den Münchner Kammerspielen: Thomas Hauser und Anna Gesa-Raija Lappe in „Nightcore“. © Julian Baumann/Münchner Kammerspiele

Luis August Krawen arbeitet als Videokünstler an den Münchner Kammerspielen. Nun hat er seinen ersten Theaterabend inszeniert. „Nightcore“ wurde in der Therese-Giehse-Halle uraufgeführt. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:

Die Energiebilanz dieser Aufführung? Brutal hoch – und minimal gering. „Nightcore“, am Mittwoch, 6. April 2022, uraufgeführt in der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele, lotet aus, was die Dynamiken des Digitalen mit uns machen. Der Abend setzt dafür der Rasanz des Internets die Bremskraft des Augenblicks gegenüber. Videokünstler Luis August Krawen ist „Artist in Residence“ am Haus; mit dieser Arbeit gibt er sein Debüt als Theaterregisseur. Ihr Titel verweist auf ein Phänomen der Musikkultur: „Nightcore“ ist beschleunigter und hochgepitchter, also in der Tonhöhe veränderter Pop. Um 25 Prozent werden die Songs dabei schneller abgespielt. Mitunter klingt das ein bisschen so, als würde Mickey Mouse auf Speed singen, derweil ihm Pluto auf dem Schwanz steht. „Nightcore“ ist ein Internetspektakel, das auch darüber hinaus wirkt: Der Hit „Dance Monkey“ etwa nutzt die Soundtechnik.

Münchner Kammerspiele: „Nightcore“ bezieht sich auf die Popkultur

In den 75 Minuten schickt Krawen ein Archäologen-Team los, um das Phänomen zu ergründen. Doch die Handlung bleibt bewusst in der Schwebe – der Abend fokussiert sich auf unmittelbare Eindrücke. Hannah Wolf hat dafür eine wunderbare Bühne gebaut: Das Publikum sitzt im Kreis um eine mit weißem Schaumstoff ausgelegte Spielfläche; Überzieher an den Schuhen schützen die Reinheit des Ortes. In dessen Mitte jazzt eine tiefblau gestrichene Sauna die Energiebilanz der Kammerspiele hoch (siehe oben), nach deren Angaben ist sie auf 70 Grad Celsius geheizt. Davor laden Liegen zum Entspannen ein. Ein Angebot, das die Schauspielerinnen Anna Gesa-Raija Lappe und Katharina Stark, Schauspieler Thomas Hauser sowie Krawen selbst nutzen: Nach dem Schwitzen wird geduscht, dann im Bademantel aus Frottee relaxt – neben der Sauna stehen Feuerlöscher und Adelholzener, um je nach Bedarf zu löschen. Gesprochen wird kaum, und sind die Bewegungen nicht meditativ, finden die Menschen im Herumtollen und Sporteln zu sich selbst und zueinander. Es macht den visuellen Reiz dieser Produktion aus, dass Krawen das auf sich selbst zurückgeworfene Individuum auf die enorme Flut an Informationen, Bildern, Schnipseln, Sounds aus dem Netz treffen lässt. „Nightcore“ wirkt wie eine Installation aus Klang und Geräusch, Film und Visuals, Performance und Bewegung. Das Problem ist aber, dass hier stellenweise mehr Tiefe behauptet wird, als tatsächlich vorhanden ist. Oder, um in der Szenerie zu bleiben: Die Inszenierung tut manchmal so, als gebe es einen Aufguss mit Zirbenöl – dabei ist nur Fichte im Zuber.

„Nightcore“: Das Ensemble überzeugt in der Therese-Giehse-Halle

Die Leistung des Quartetts auf der Bühne ficht das nicht an. Allein durch ihr Da-Sein, durch die Wahrnehmung der Körper im Raum und in der Bewegung gestalten die vier ihre Figuren, machen gar deren Charakter erfahrbar. Ihnen ist es zu verdanken, dass man dabei bleibt – ob sie nun gemeinsam Dehnübungen machen, oder ob Hauser, der bereits in vielen Produktionen am Haus durch Eleganz bestochen hat, minutenlang nackt auf dem E-Scooter im Kreis fährt. Nach dem Stretching gibt’s noch Gruppenkuscheln; schließlich geht Lappe, die an den Kammerspielen etwa auch in „Bayerische Suffragetten“ zu sehen ist, einer Saunameisterin gleich Handtuch-schwingend am Publikum vorbei: In diesem Moment wird dann klar, dass „Nightcore“ letztlich das feiert, was in den vergangenen zwei Jahren verpönt war: Nähe, die der Mensch braucht wie Luft zum Atmen. Aufguss für alle!

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