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Münchner Kunstfoyer zeigt Magnum-Fotografin Inge Morath: die Waffe einer Frau

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Von: Katja Kraft

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Marilyn Monroe beim Dreh von „Misfits“ im Jahr 1960
Verträumt: Marilyn Monroe beim Dreh von „Misfits“, 1960. Damals war sie noch mit Arthur Miller verheiratet. © Inge Morath/ Magnum Photos/ Clairbykahn

Das Kunstfoyer München feiert die große Fotografin Inge Morath. Sie war die erste Frau, die in der legendären Fotoagentur Magnum aufgenommen wurde. Eine sehenswerte Schau!

Das Kopfkino startet innerhalb von Sekunden. Arthur Miller, Marilyn Monroe, Inge Morath. Erst liebt er sie, dann springt sein Herz über zu ihr. Der große Literat (1915-2005) war 1956 mit seiner damaligen Ehefrau Monroe (1926-1962) am Set von „Misfits“, der Verfilmung einer seiner Kurzgeschichten. Die Bilder, die während der Dreharbeiten entstanden, sind einer der Höhepunkte der Fotoausstellung, die zurzeit im Kunstfoyer in München zu sehen ist. Dass die Ehe zwischen dem Schriftsteller und der Schauspielerin nicht mehr lange halten würde, muss man nicht wissen – man spürt es beim Blick auf die ungeheuer feinfühlig eingefangenen Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Die Frau, die den Auslöser gedrückt hat, ist Inge Morath, Arthur Millers spätere Ehefrau. In erster Linie aber war sie: eine große Künstlerpersönlichkeit.

Die Kuratorinnen Anna-Patricia Kahn und Isabel Siben lassen auf einem Wandtext Moraths und Millers Tochter Rebecca die eigene Mutter beschreiben. Sie zeichnet das Porträt einer klugen, bedachten, weitherzigen und gefühlvollen Frau. „Sie war furchtlos. Sie war mit wilder Entschlossenheit Mutter. Und sie war eine enorme Künstlerin“, schreibt Rebecca Miller über Inge Morath – die erste Fotografin, die in den legendären und bis dahin rein männlichen Kreis der Fotoagentur Magnum aufgenommen wurde.

Warum, wird beim Gang durch die Ausstellung völlig klar. Ist es der weibliche Blick, der diese Bilder so intim, melancholisch, verzaubert wirken lässt? Oder ist es die Lebensgeschichte, die die Künstlerin geprägt hat? Wohl eine Mischung aus beidem. 1923 in Graz geboren, zog Inge bald mit ihren Eltern – beide Naturwissenschaftler – immer wieder innerhalb Europas um, sie arbeiteten an unterschiedlichen Laboren und Universitäten. So ging das Mädchen auf französische Schulen, wohl der Grundstein für ihr großes Sprachtalent. „Ihre Selbstdisziplin war legendär. Sie lernte gut genug Russisch und Chinesisch, um in beiden Sprachen Dichtung lesen und sich unterhalten zu können, bevor sie versuchte, in diese Kulturen als Fotografin einzudringen“, erinnert sich ihre Tochter.

Dieses Lama-Foto in New York schoss Inge Morath 1957.
Abgefahren! Dieses Lama-Foto in New York schoss Inge Morath 1957. © Inge Morath/ Magnum Photos/ Clairbykahn

Doch wie für so unerträglich viele in Inge Moraths Jahrgang endete auch für sie die unbeschwerte Kindheit bald. In den Dreißigerjahren zog die Familie nach Darmstadt. Rebecca Miller, selbst Schriftstellerin wie ihr berühmter Vater, beschreibt das Leben der Mutter in Deutschland treffend: „Sie war in einem Kessel des abgrundtief Bösen geschmiedet worden, hatte im heißesten Teil der Hölle – Nazi- Deutschland – gelebt und trug lebenslange, innere Narben davon, in den Bauch des Ungeheuers geblickt zu haben.“ Ihr Schwert, dieses Ungeheuer zu besiegen, fand sie in der Kunst. 1937 besuchte Inge die NS-Ausstellung „Entartete Kunst“. Sofort verliebte sie sich in Franz Marcs Blaues Pferd. Doch nur negative Kommentare waren erlaubt – „so begann die lange Periode des Schweigens und Verschweigens“. Die Fotografie gab ihr später ihre Sprache zurück.

Henri Cartier-Bresson ermutigte Inge Morath

Wie sehr Inge Morath das Fotografieren geliebt haben muss. Man fühlt’s, wenn man die lebensbejahenden Porträts sieht, auf denen sie strahlend mit ihrer Kamera hantiert. Es sind Bilder aus den Fünfzigerjahren, die eine wunderschöne Frau zeigen mit einem Lachen, das auch 70 Jahre später sofort gefangen nimmt. Meist heißt es unter diesen Bildern, die Inge Morath selbst zeigen, „Fotograf unbekannt“, bei manchen aber verrät der Name Henri Cartier-Bresson (1908-2004), dass die Abgebildete zur Crème de la Crème der Fotokunst gehört. Cartier-Bresson und Gjon Mili (1904-1984) sollen darum konkurriert haben, wer ihr Mentor werden dürfe. Der ebenso große Robert Capa (1913-1954) hat sie einst entdeckt und ermutigt, auf ihr Talent zu vertrauen.

Und so nehmen uns Moraths Fotografien mit auf eine Zeitreise durch Spanien, Frankreich, Russland, China, immer wieder: New York, New York. Die intellektuelle Elite hat sie, die durch ihren Mann ja selbst Teil dieser Welt war, in Alltagssituationen eingefangen; hat all die Filmstars ihrer Zeit festgehalten. Am schönsten aber sind die Bilder der ganz normalen Menschen; der Arbeiter und Nonnen, der Mütter und Väter, der Eitlen und Müden, der Jungen und Alten. Das pralle Leben. Kopfkino an.

Bis 1. Mai 2023 im Kunstfoyer, Maximilianstraße 53; täglich, 9.30 bis 18.45 Uhr, Eintritt frei, Zugang nur mit Online-Ticket, diese gibt es hier

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