Nachruf

Zum Tod von Joy Fleming: Die Queen des deutschen Soul

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„Joy to the World“: Auf der Bühne war die Künstlerin mit der unverwechselbaren Stimme stets ein Ereignis. 

Trauer um die Sängerin Joy Fleming, die jetzt im Alter von 72 Jahren starb. Sie war Pionierin der Mundart in Rock und Pop. 

Sinsheim - Sie hatte das Pech, in einer Zeit ihre großen Erfolge zu feiern, in der im Begriff Schlagersängerin immer auch ein wenig Künstlichkeit mitklang. Titel, die auf einen schlanken Leib und für eine verwechselbare Stimme geschrieben wurden, durchgestylt, durchhörbar. Joy Fleming eine Schlagersängerin zu nennen, würde ihr ganz und gar nicht gerecht. Wenn sie anfing zu singen, bekamen ihre Fans (und nicht nur sie) Gänsehaut. Diese unverwechselbare Soulstimme ist nun für immer verstummt, die Künstlerin starb am Dienstagabend im Alter von 72 Jahren in ihrem Haus in Sinsheim (Baden-Württemberg).

Schon äußerlich sprengte die Musikerin, die am 15. November 1944 als Erna Raad im rheinland-pfälzischen Rockenhausen geboren wurde und in Mannheim aufwuchs, den Rahmen. Sie stand zu ihren Pfunden, griff ohne Angst zu modischen, auffälligen Outfits, die von Haus aus nicht für ihre Maße geschneidert waren, machte sich im Stil der jeweiligen Epoche die Haare schön – alles in dem Bewusstsein, dass ihre Performance auf der Bühne im Zweifel jede noch so hübsche Konkurrentin alt aussehen ließ.

Bereits als 14-Jährige gewann Klein Erna mit dem Lied „Ciao, Ciao Bambina“ einen lokalen Schlagerwettbewerb, nach einer Lehre als Verkäuferin sang sie in Bars und Kneipen für amerikanische Soldaten. Damals entdeckte sie musikalische Stile wie Jazz und Blues für sich, wie geschaffen für ihre voluminöse, vibratoreiche Stimme. Im Jahr 1966 gründete Joy Fleming mit Freunden die Band Joy & The Hitkids (später Joy Unlimited), ein Auftritt in der ARD-Sendung „Talentschuppen“ machte sie im Jahr 1968 einem größeren Fernsehpublikum bekannt.

Im Jahr 1971 startete die Sängerin dann eine Solokarriere mit gesellschaftskritisch grundierten Schlagern („Halbblut“) und Coverversionen internationaler Hits von Elvis Presleys „Fever“ bis „Bridge over troubled Water“ von Simon & Garfunkel.

Zeit ihres Lebens stand Joy Fleming zu ihrem Mannheimer Dialekt. In der Sprache der einfachen Leute auch zu singen, war da naheliegend. Und so schuf sie sich Anfang der Siebzigerjahre mit im Idiom ihrer Heimatstadt gesungenen Titeln wie „Neckarbrückenblues“, „Mannemer Dreck“ oder „Isch sing’ fers Finanzamt“ ein weiteres Standbein. Sie gehörte damit zu den ersten deutschsprachigen Künstlern, die die Mundart auch in Pop und Rock salonfähig machten.

Mitte der Siebzigerjahre wurde der Grand-Prix-Zirkus auf die „Queen des deutschen Soul“ aufmerksam. Im Jahr 1975 trat Fleming beim Finale des Schlagerfestivals in Stockholm an. Der Song „Ein Lied kann eine Brücke sein“ entsprach musikalisch dem damaligen Mainstream, die Sängerin legte alles stimmliche Gewicht in ihren Auftritt, kam am Ende jedoch nur auf einen enttäuschenden Platz 17.

Für Deutschland zum 20. Grand Prix de la Chanson: Beim Vorentscheid im Februar 1975 löste Joy Fleming mit dem Titel „Ein Lied kann eine Brücke sein“ das Ticket nach Stockholm. Dort belegte sie Platz 17.

Noch dreimal bewarb sie sich im deutschen Vorentscheid um das Ticket zum Finale des Eurovision Song Contest, und zwar in den Jahren 1986 (Platz 4), 2001 und 2002 (jeweils Platz 2). Zusammen mit Stefan Raab und Thomas Anders saß sie in der Jury, die im Jahr 2004 Max Mutzke zum Kandidaten für den deutschen Vorentscheid kürte. Mutzke gewann und wurde beim Finale in Istanbul Achter. Rund um den ESC war Joy Fleming darüber hinaus in den vergangenen Jahren stets gefragter Gesprächsgast, sagte unter anderem Lenas Sieg im Jahr 2010 voraus.

Bis zuletzt gab die Rockröhre aus Mannheim mit ihrer vierköpfigen Band Konzerte, erteilte Gesangsunterricht und veröffentlichte Alben. Ihr Privatleben war so bunt wie ihr Repertoire. Aus zwei Ehen hatte sie drei inzwischen erwachsene Kinder, zuletzt lebte sie mit dem französischen Komponisten und Musiker Bruno Masselon zusammen.

Das schlechte Votum für ihren Auftritt von Stockholm sei „eine politische Entscheidung“ gewesen, sagte Joy Fleming viele Jahre später in einem Interview mit unserer Zeitung. Aus heutiger Sicht nur durch mangelnde Sprachkenntnisse der Entscheider zu entschuldigen. Wohl kaum eine Zeile steht mehr für Joy Flemings die Herzen des Publikums öffnendes Talent als diese: „Ein Lied kann eine Brücke sein.“

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