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Neu bei Netflix: „München – Im Angesicht des Krieges“

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Von: Michael Schleicher

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Szene aus dem Netflix-Film „München – Im Angesicht des Krieges“  mit Jeremy Irons.
Neu bei Netflix: „München – Im Angesicht des Krieges“ mit Jeremy Irons als Chamberlain. © Frederic Batier / NETFLIX

Der Streamingdienst Netflix zeigt „München – Im Angesicht des Krieges“ . Der deutsche Regisseur Christian Schwochow hat den Thriller von Robert Harris verfilmt. Das Drama mit Jeremy Irons und Ulrich Matthes erzählt vom Münchner Abkommen 1938.

Wie inszeniert man Diplomatie? Welche Bilder findet man für das oft stundenlange Ringen um einen Vertrag, das Austauschen von Argumenten, das Drohen, Schmeicheln, Feilschen, Bluffen? Was zeigt man, wenn es kaum etwas zu zeigen gibt? Diplomatie ist eine harte Nuss für jeden Filmemacher. Christian Schwochow hat sich dieser Herausforderung gestellt: „München – Im Angesicht des Krieges“ (beim Streamingdienst Netflix zu sehen ab Freitag, 21. Januar 2022) erzählt vom Abkommen, das im September 1938 im sogenannten Führerbau an der Arcisstraße 12, dort wo inzwischen die Hochschule für Musik und Theater sitzt, unterzeichnet wurde und über dessen Beurteilung Uneinigkeit herrscht. Damals wie heute. Der Vertrag zwischen Großbritannien, Frankreich, Italien und dem Deutschen Reich legte fest, dass die Tschechoslowakei das Sudetenland an Hitler abtreten muss. Damit war die sogenannte Sudetenkrise vom Tisch und die Kriegsgefahr gebannt. Vorerst.

Netflix zeigt das Drama um das Münchner Abkommen 1938

Robert Harris nutzte die Konferenz als historischen Hintergrund für seinen 2017 erschienenen Thriller „München“. Natürlich weiß der britische Autor um den überschaubaren Unterhaltungsfaktor diplomatischer Arbeit, selbst wenn an selbiger Diktatoren beteiligt sind. Deshalb erzählt er von Hugh Legat, der sich im Gefolge des britischen Premierministers Chamberlain befindet und der Paul von Hartmann auf deutscher Seite kennt, seit beide Anfang der Dreißigerjahre in Oxford studierten; ihre Freundschaft litt jedoch unter den Zeitläuften. Zusätzliche Spannung bringt Harris in seinen Roman, indem er von Hartmann zum Mitglied einer Widerstandszelle gegen Hitler macht. Vor allem aus der Perspektive dieser beiden fiktiven jungen Männer berichtet er von der eiligen Vorbereitung der Konferenz sowie vom 29. und 30. September 1938 in München; der Wechsel zwischen britischer und deutscher Seite sorgt zusätzlich für Tempo.

Aus diesem hat Ben Power das Skript destilliert, das Schwochow nun auf die Leinwand bringt. Sein historischer Thriller entstand für den Streamingdienst Netflix, wo er von 21. Januar an zu sehen sein wird. Die Produktion gefällt aufgrund ihrer gewissenhaften zeithistorischen Ausstattung. Zudem ist es den Machern gut gelungen, am Computer das München Ende der Dreißigerjahre auferstehen zu lassen. Doch glückt es Schwochow zu selten, echte Spannung aufkommen zu lassen. Freilich, Legat und von Hartmann plagen sich mit allerlei Fragen herum: Wie weit sind sie zu gehen bereit, um einen drohenden Krieg zu verhindern? Können sie einander überhaupt trauen?

Ulrich Matthes ist im Netflix-Film als Hitler zu sehen

Dazu gibt es im Drehbuch zahlreiche Sätze, die zwar wahr sind, aber unbedingt gewichtig sein wollen – und deshalb papiern klingen: „Solange der Krieg nicht begonnen hat, besteht immer noch die Hoffnung, dass er verhindert werden kann“, sagt etwa Chamberlain. Über Hitler heißt es einmal: „Ihr wisst nicht, wer er ist. Wenn ihr es wüsstet, wärt ihr nicht hier.“ Und so weiter und so fort. Was in Harris’ „München“ funktionieren mag, bleibt bei der Verfilmung im Austausch von Thesen stecken.

Hin und wieder aber zeigt Schwochow Szenen wie jene, als Paul von Hartmann Hitler in dessen Privatwohnung aufsucht, den Revolver unter Akten verborgen, um den Tyrannen zu morden. Als dieser seinen Monolog mit der Feststellung beendet „Die Leute haben Angst. Ich bin von Feigheit umgeben“, bleibt dem Diplomaten nichts zu sagen als „Ja, mein Führer“ – und die Waffe wieder verschwinden zu lassen. Ein dankbarer Moment für Ulrich Matthes, der auch die sympathische, diplomatische Seite Hitlers herausarbeitet, und Jannis Niewöhner, der von Hartmann mit großer Ernsthaftigkeit spielt.

„München – Im Angesicht des Krieges“: Jeremy Irons spielt Chamberlain

Dem Ensemble wären mehr solche Momente zu wünschen gewesen. Vor allem beeindruckt hier Jeremy Irons als Chamberlain. Der 73-Jährige, derzeit auch als Modefürst Rodolfo Gucci in „House of Gucci“ in den Kinos zu sehen, macht das Ringen des britischen Premiers um eine friedliche Lösung des Konflikts und die damit verbundenen Seelenqualen nachvollziehbar. Freilich wird das von ihm verhandelte Abkommen kein Jahr halten. Doch dieser Aufschub bedeutete für die Briten einen wichtigen Zeitgewinn, um ihr Land auf den Krieg vorzubereiten.

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