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Neues von Patricia Highsmith, der Krimi-Königin: Eine mörderische Frau

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Von: Katja Kraft

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Inspiration für Mordwaffen in ihren Geschichten scheint Patricia Highsmith (1921-1995) daheim genug gehabt zu haben.
Inspiration für Mordwaffen in ihren Geschichten scheint Patricia Highsmith (1921-1995) daheim genug gehabt zu haben. © Bassouls//ddp/

„Der talentierte Mr. Ripley“ war ihr erster Roman - und sogleich ein Welterfolg. Mehrere Verfilmungen gibt es. Nicht nur von diesem Werk der Krimi-Königin Patricia Highsmith, die am 19. Januar 2021 ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte. Bei Diogenes sind nun ihre frühen Stories erschienen.

Eine Achtjährige, die gern über Serienmörder liest. Das könnte bedenklich sein. Oder ein Zeichen dafür, dass da ein kleines Mädchen schon sehr früh verstanden hat, wie der Laden draußen vor dem Kinderzimmer läuft. Auf den Fremden, der einen mit Süßkram in sein Auto locken möchte, wäre Patricia Highsmith als Mädel sicher nicht hereingefallen. Blitzgescheit und mit Sinn für jedes Detail schildert sie später, mit gerade einmal 19, in der Kurzgeschichte „Ein wahnsinnig netter Mann“, wie widerwärtig selbstherrlich mancher Kerl versucht, ein Kind zu benutzen.

Dieses Kind, Charlotte heißt es, erkennt, dass der Typ, der sie vor ihrem Wohnhaus mit dem Versprechen auf Lakritz und der Fahrt in einem heißen Schlitten reizt, nur die billigen Zuckersachen dabeihat. „Fünf Stück für einen Cent. Ein alter Untermieter von Mrs. Osterman hatte ihr einmal Schokoriegel für fünf Cent das Stück mitgebracht.“ Und das Auto – groß ist es zwar, aber letztlich eine olle Karre. Charlotte sieht das klar, doch fährt aus Neugierde trotzdem mit. Was sie nach wenigen Sekunden bereut, als er seine warme, feuchte Hand auf ihre legt.

Wie so oft bei Highsmiths Werken kommt es nicht zum Äußersten. Die Mutter des Mädchens sieht das Auto und hält die beiden an. Das Abstoßende, Düstere, auf das uns die Autorin lenken möchte, folgt erst dann: Die eigene Mutter, die doch Schutz bieten sollte, flirtet mit dem Widerling, entschuldigt sich, dass Charlotte jetzt leider ins Haus kommen und ihr helfen müsse – aber betont: „Ich hätte nichts dagegen, wenn sie mit Ihnen fährt, wann Sie wollen.“

In den frühen Stories erkennt man Highsmith‘ großes Talent

Es ist eine von 16 herausragenden Kurzgeschichten, die der Diogenes Verlag, der 1986 die Weltrechte an Patricia Highsmiths Gesamtwerk erwarb, nun in dem Band „Ladies. Frühe Stories“ veröffentlicht hat. Allesamt geschrieben zwischen 1939 und 1949, demnach tatsächlich sehr frühe Arbeiten. Das große Können der Meisterin des Psychothrillers ist deutlich erkennbar. Da muss nicht gemordet werden, um beim Leser das ungute Gefühl zu wecken, dass irgendetwas nicht stimmt.

Highsmith stößt uns in Unsicherheit, lockt uns in Bereiche menschlicher Urängste. Dann wieder blitzt ihr Sinn für schwarzen Humor durch und schenkt Erleichterung. Etwa in der schaurig guten Geschichte „Die Legende des Klosters von Saint Fotheringay“, die, was die Ausgangssituation angeht, an eine erotische Erzählung Giovanni Boccaccios erinnert: ein Kloster voller Mädchen und Nonnen, zu dem Männer keinen Zutritt haben, bis ein Findelkind auftaucht. Die Ordensschwestern entscheiden, den Buben als Mädchen aufzuziehen, um den Frieden im Haus des Anstands zu wahren. Mit allerlei amüsanten Spitzen und rhetorischen Finessen beweist Highsmith einmal mehr ihr Talent.

Neben der Britin Agatha Christie ist die am 19. Januar 1921 im texanischen Fort Worth geborene und 1995 in  Locarno gestorbene Schriftstellerin deshalb völlig zu Recht eine der erfolgreichsten Krimiautorinnen des 20. Jahrhunderts. Mit acht, wie gesagt, begann ihre Faszination für das Bröckeln der schönen Fassade. Im Bücherregal der Eltern entdeckte die kleine Patricia das Buch „The Human Mind“ des Psychiaters Karl A. Menninger, in dem er Personen mit psychischen Defekten beschreibt. „Ich merkte, dass diese Leute völlig normal aussahen, und bemerkte, dass ich von solchen Menschen umgeben sein könnte“, erinnerte sich Highsmith später.

Da war sie längst berühmt geworden durch Werke wie ihren ersten Roman „Strangers on a Train“ (1950), der Alfred Hitchcock so begeisterte, dass er sogleich die Filmrechte kaufte. Oder „Der talentierte Mr. Ripley“ (1955), jenes mitreißende Spiel mit Identitäten. Das Wechseln in Rollen, die einem nicht zustehen, das Betreten unerlaubten Terrains – auch das übte Highsmith in den frühen Stories bereits. Die Protagonisten begeben sich auf dünnes Eis in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Und wenn es, wie in „Vögel vor dem Flug“, ein „hoffnungsloses Hoffen“ ist. So ganz wollte sich auch Highsmith, so scheint’s, nie vom letzten Grashalm lösen.

Patricia Highsmith:
„Ladies. Frühe Stories“. Diogenes Verlag Zürich, 320 Seiten; 24 Euro. Hier gibt es das Buch bei Ihrem lokalen Buchhändler um die Ecke zu kaufen

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