Ein Welthit feiert Geburtstag

Der nimmermüde Mr. Bojangles wird 50

+
Auch Sammy Davis Jr. sang von Mr. Bojangles.

Jeder kennt diesen Welthit, doch kaum einer kennt seinen Schöpfer: Der Gassenhauer „Mr Bojangles“ feiert Geburtstag. Seit 50 Jahren wurde dieses Lied von Weltstars gesungen.

„Er sprang so hoch wie kein anderer

Und er landete, leicht wie eine Feder

Mr. Bojangles, Mr. Bojangles, Mr. Bojangles“

München Es gibt diese Lieder, von denen jeder weiß, wer sie geschrieben hat. Oder wer sie zum ersten Mal gesungen hat, damals im Dampfradio, oder auf Vinyl. „Yesterday“, natürlich Paul McCartney und die Beatles. „Blowin’ in the Wind“, na klar, Bob Dylan. Und beim „Folsom Prison Blues“ führt kein Weg vorbei am „Man in Black“, an Country-Gottvater Johnny Cash.

Und dann gibt es diese Lieder, die größer sind als ihre Schöpfer. Die sich längst selbstständig gemacht haben. Die alle Welt singt und pfeift und tanzt und liebt, die tief berühren – und von denen kaum jemand weiß, wem sie einst eingefallen sind.

Einer dieser wunderbaren Songs, die längst Volksmusik geworden sind, Musik fürs Volk im besten Sinne des Wortes, wird 2018 ein halbes Jahrhundert alt. „Mr. Bojangles“, der walzerselige Folk-Klassiker über einen Tänzer, der nie den Mut und die Liebe zum Leben verliert, erschien zum ersten Mal 1968 auf Platte. Seither haben Sammy Davis Jr. und Neil Diamond dem unverwüstlichen Stepptänzer ebenso die Referenz erwiesen wie Robbie Williams und Helge Schneider. Er hat mächtig Karriere gemacht, dieser „Mr. Bojangles“ – und seinen geistigen Vater damit übertroffen.

Jerry Jeff Walker heißt der Countrysänger aus dem Bundesstaat New York, der letztes Jahr seinen 75. Geburtstag feierte, und dem dieser nimmermüde Bojangles zum ersten Mal über den Weg lief. Wobei: Von „laufen“ kann angesichts der ungünstigen Umstände gar nicht die Rede sein. Denn die Begegnung fand, genau wie es der Text beschreibt, tatsächlich in einer Gefängniszelle in New Orleans statt, in die es den Sänger ebenso wie den vom Leben schwer geprüften Tänzer verschlagen hatte. Wobei die nicht ganz unkomplizierte Geschichte eigentlich viel früher beginnt, am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Damals begeisterte der wahre Bojangles seine Zuschauer am Broadway. Bill Robinson hieß der Tänzer, den alle nur „Bojangles“ nannten. Er ließ beim Stepptanz die Schuhe fliegen wie niemand zuvor. Und er schaffte als einer der ersten farbigen Darsteller den Sprung nach Hollywood, unter anderem an der Seite der kleinen Shirley Temple in „The Little Colonel“ aus dem Jahr 1935.

Als mutiger Kämpfer für die Rechte der Afroamerikaner wurde er zum Vorbild vieler farbiger Künstler, darunter auch Sammy Davis Jr., von dem in Sachen „Mr. Bojangles“ noch die Rede sein wird. Bill Robinson prägte den Spitznamen „Bojangles“ für meist schwarze Tänzer in den USA, die auf der Straße ebenso steppten wie in Varietés und Kinofilmen.

Jerry Jeff Walker kannte Robinson zwar dem Namen nach. Doch in seinen Memoiren „Gypsy Songman“ schreibt der Sänger, dass der legendäre Tänzer nicht als Inspiration für seinen Song diente. Zumal Walkers „Bojangles“ nicht schwarz war, sondern weiß. Und das kam so: Beim Tingeln durch die USA bezirzte der junge Straßenmusiker 1965 in New Orleans allzu offensiv eine Südstaaten-Schöne – und landete dafür im Knast, in dem weiße und schwarze Häftlinge damals noch streng getrennt einsaßen.

Walker erinnert sich: „Einer der Jungs in der Zelle rief, ‚Bojangles, tanz für uns!‘ Der alte Mann sagte ‚Klar, zum Teufel, klar tanze ich.‘ Er sprang auf, klatschte einen Rhythmus, und begann zu tanzen. Ich habe den Großteil dieses Wochenendes damit verbracht, mich mit diesem obdachlosen Mann zu unterhalten. Er sprach über die Tiefschläge, die ihm das Leben versetzt hat – vor allem, weil er viel zu oft einen über den Durst trinkt. Und ich verriet ihm meine Träume.“

Der alte Mann erzählte von seinem treuen Hund, der nach 15 gemeinsamen Jahren gestorben war – und der es auch in den Text schaffte: „Das ist jetzt 20 Jahre her, und er weint noch immer um ihn.“ Auch drei Frauen, die Lieben seines Lebens, verschwieg „Bojangles“ nicht. Jerry Jeff Walker schrieb auch über sie eine Strophe, die aber unveröffentlicht blieb.

Als er nach Texas weitergezogen war, schrieb Walker sein Lied auf: „In einem Rutsch, auf einen gelben Notizblock. In dieser Nacht, in der das ganze Land die Beatles hörte, schrieb ich einen Walzer im 6/8-Takt über einen alten Mann und über Hoffnung.“ Und über die Liebe – die unerschütterliche Liebe zum Leben, die einen notorischen Verlierer selbst in seinen dunkelsten Stunden noch zum Tanzen bringt.

An einen Erfolg des Songs glaubte Walker nicht: „‚Bojangles‘ hat mit allen Regeln gebrochen. Es war zu lang, es war ein Walzer, und es ging um einen alten, betrunkenen Mann und seinen toten Hund. Es gab so viele Gründe, warum das niemals funktionieren würde.“

Weil er ohnehin mit einem Flop rechnete, veröffentlichte er das Stück erst drei Jahre später, im Sommer 1968. Statt eines Hits bescherte die Aufnahme Walker Ärger. Farbige Historiker beklagten sich, dass er den berühmten Bill „Bojangles“ Robinson zu einem Trinker und Obdachlosen herabgewürdigt habe. Erst die berühmte „Bojangles“-Version von Sammy Davis Jr. versöhnte viele farbige Amerikaner mit dem Stück.

„Mr. Bojangles“ lief Ende der Sechziger in den US-Radios, und brachte Jerry Jeff Walker seinen ersten Plattenvertrag ein. Doch zum Hit und schließlich zur Legende wurde der Song erst ab 1970 in der Version der US-Countryrocker Nitty Gritty Dirt Band.

Sänger und Gitarrist Jeff Hanna erinnert sich an eine denkwürdige Nacht: „Ich fuhr spät nach Hause und hörte plötzlich diesen Song, der mich regelrecht umgehauen hat. Er war dermaßen schön und ergreifend. Ich fuhr an den Straßenrand, damit ich zuhören konnte. Aber natürlich hat der Radiosprecher den Titel und den Sänger nicht genannt. Ich hatte keine Idee, was ich da gehört hatte. Ich wusste nur, dass mich diese rührende Geschichte über den alten Mann und seinen Hund zum Weinen gebracht hat.“

Am nächsten Tag platzte Jeff Hanna in die Bandprobe: „Jungs, ich habe da ein Stück gehört, das perfekt auf unser nächstes Album passt. Ich würde es mit einer Mandoline und mit Akkordeon aufnehmen, und es wäre großartig. Es gibt nur ein Problem: Ich weiß nicht, wie es heißt.“

Gut, dass Bandkollege Jimmy Ibbotson helfen konnte: „Ich kenne den Song, ich kenne ihn!“ Und tatsächlich: Im Kofferraum seines Autos, unter dem Reserverad, in einer rostigen Brühe, lag die 45er von Jerry Jeff Walker: „Mr. Bojangles“. Die Single war dermaßen zerkratzt, dass die Musiker mehrere Cent als Gewicht auf den Tonabnehmer legen mussten, damit sich die Scheibe abspielen ließ. Aber: Es funktionierte.

Die Nitty Gritty Dirt Band nahm „Mr. Bojangles“ auf – mit einer Mandoline und mit Akkordeon, und es war großartig, wenn auch nicht perfekt. Denn die Aufnahme entstand rein nach Gehör, nach dem, was die Musiker der ramponierten 45er noch abringen konnten. Jeff Hanna wirkt heute noch zerknirscht: „Wir haben den Text etwas durcheinandergebracht, und so hat der große Hit ein paar vermasselte Zeilen.“

Dem Erfolg hat es nicht geschadet. Als erste Single ihres 1970er-Albums „Uncle Charlie & His Dog Teddy“ hatte sich die Nitty Gritty Dirt Band „Some of Shelly’s Blues“ ausgesucht, ein flottes Duett mit Linda Ronstadt. Doch als die LP erschien, wollten alle nur „Mr. Bojangles“ hören.

Ein Sender in Louisiana veranstaltete ein tägliches Song-Duell. Die Hörer konnten anrufen, welches Stück am nächsten Tag wieder laufen soll, und welcher Titel aus dem Programm fliegt. Tag für Tag siegte „Mr. Bojangles“, und so ging das überall in den USA. „Was für eine Begeisterung für einen fünf Minuten langen Walzer über einen alten Knaben und seinen Hund“, staunt Sänger Jeff Hanna. „Aber die Leute lieben diesen Song einfach.“

Er tanzt und tanzt, dieser nimmermüde „Mr. Bojangles“, auch noch nach 50 Jahren. Und er hat seinen Schöpfern Glück gebracht. Nachdem die Version der Nitty Gritty Dirt Band in den Billboard-Charts bis auf Platz 9 geklettert war, interessierten sich die Hörer doch noch für die Urfassung von Jerry Jeff Walker – und bescherten dem Songwriter einen eigenen Erfolg. Die Tantiemen aus über 100 Aufnahmen dürften nicht zu verachten gewesen sein, und so zieht Walker mit seinem Klassiker bis heute durch die USA.

Auch die Nitty Gritty Dirt Band tritt weiterhin auf – auch wenn sie nach 52 Jahren auf der Bühne gerade einen herben Schlag verkraften musste. Gründungsmitglied John McEuen stieg Ende 2017 aus, Streit ums Geld. Für das verbliebene Trio ist das aber kein Grund, mit der Musik aufzuhören. Denn das haben sie gelernt von ihrem „Mr. Bojangles“: Kopf hoch, tanzen, es geht immer irgendwie weiter.

„Und er landete, leicht wie eine Feder

Er hat gelacht, und seine Kleider zurechtgerückt

Das war Mr. Bojangles

Mein Gott, der konnte tanzen!“

Auch interessant

Meistgelesen

OB Reiter distanzierte sich von seinem Konzert - So schoss die Rock-Legende in der Olympiahalle zurück
OB Reiter distanzierte sich von seinem Konzert - So schoss die Rock-Legende in der Olympiahalle zurück
Andreas Gabalier im Olystadion: Volks-Rock-Party vor vollem Haus
Andreas Gabalier im Olystadion: Volks-Rock-Party vor vollem Haus
Waka waka: Shakira bringt die Olyhalle zum Ausflippen
Waka waka: Shakira bringt die Olyhalle zum Ausflippen
Schätze des Deutschen Museums: Ein Abendkleid aus Glas
Schätze des Deutschen Museums: Ein Abendkleid aus Glas

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.