Begegnung mit Nobelpreisträgerin

Alexijewitsch: Die stille Kämpferin

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Der ultimative Ritterschlag für jeden Schriftsteller: Swetlana Alexijewitsch erhält den Nobelpreis, nicht nur tz-Politikchef Klaus Rimpel (kl. Foto) ist beeindruckt.

Minsk - Swetlana Alexijewitsch ist als Nobelpreisträgerin jetzt eine ganz Große. tz-Politikchef Klaus Rimpel konnte sich schon vorher ein Bild der beeindruckenden Frau machen.

Es war 1997, elf Jahre nach dem Atom­unglück von Tschernobyl. Ich, der tz-Reporter, war in Weißrussland, in einem Heim für Kinder, die durch die radioaktive Strahlung des Unglücksmeilers krank geworden waren. Am Abend besuchte eine unscheinbare, kleine Frau das Kinderheim in der Nähe von Minsk. Sie trug einen schlichten Hosenanzug, ihr Haar war spröde – unsere Gruppe aus Tschernobyl-Helfern und einigen deutschen Journalisten erwartete nichts Besonderes von dieser Weißrussin, die uns als Lehrerin, die auch schreibe, vorgestellt wurde. Am Donnerstag hat jene Frau den Literatur-Nobelpreis bekommen!

Als Swetlana Alexijewitsch damals, 1997, mit leiser Stimme zu lesen begann, zog sie uns alle sofort in ihren Bann: Es schien, als ob die diffusen Gefühle der Trauer, die wir angesichts der strahlenkranken Kinder empfanden, plötzlich die richtigen Worte gefunden hatten. Uns war sofort klar: Ihr Buch Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft war mehr als noch ein Buch über die Gefahren der Atomkraft. Alexijewitsch hatte Opfern eine Stimme gegeben, Toten ein Denkmal gesetzt.

Die Technik, die Alexijewitsch in ihrem Tschernobyl-Buch, aber auch in Zinkjungen über die Opfer der Sowjet-Invasion in Afghanistan oder in Im Banne des Todes über russische Selbstmörder anwendet, kommt aus dem Journalismus, in dem die heute 67-jährige Weißrussin auch arbeitet: Sie redet mit den Betroffenen, mit krebskranken Liquidatoren, die den Reaktorbrand löschen mussten, mit Witwen, mit traumatisierten Afghanistan-Veteranen. Doch Alexijewitsch macht daraus nicht nur Interviews – ihre Text-Collagen sind pure Poesie.

Diskussionen über Lukaschenko

Nach der Lesung saßen wir bis weit nach Mitternacht mit ihr zusammen, diskutierten über die Politik des weißrussischen Diktators Alexander Lukaschenko. Es war für uns Deutsche, die wir in Weißrussland bis dahin mit so vielen verängstigten Menschen zu tun hatten, beeindruckend, wie mutig diese kleine, stille Frau die Politik Lukaschenkos kritisierte.

Der Preis, den sie dafür bezahlt, ist hoch: In ihrer Heimat, die wie kein anderes Land unter der Katastrophe in dem ukrainischen Atomreaktor zu leiden hat, ist ihr Tschernobyl-Buch verboten. Sie wird schikaniert und drangsaliert, musste für einige Jahre sogar ins Ausland fliehen. Das weißrussische Oppositions-Internetportal charter97.org jubelte deshalb gestern zurecht: „Wir haben den Nobelpreis!“ Genauso gnadenlos und mutig wie Lukaschenko kritisiert Alexijewitsch auch den russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Michael Krüger, Ex-Chef des Hanser-Verlags (der Alexijewitsch-Bücher auf Deutsch herausbringt), ist überzeugt, dass der Nobelpreis sie nun „zur großen Ikone der Widerstandsbewegung“ machen wird. Es wäre aber ungerecht, hier eine politisch motivierte Entscheidung des Nobel-Komitees zu wittern. Denn die deprimierenden Bücher Swetlana Alexijewitschs sind Sprachkunstwerke, die die größte Ehrung der Literaturwelt mehr als verdient haben!

Klaus Rimpel

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