Interview zum Kinostart von Philipp Stölzls neuem Film „Schachnovelle“

Oliver Masucci in „Schachnovelle“: Schach den Nazis

Szene mit Oliver Masucci aus dem neuen Film „Schachnovelle“.
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„Der einzige Ausweg ist die Flucht in die Schizophrenie“, sagt Oliver Masucci über seine Rolle als Josef Bartok, der in der Isolationshaft der Nazis Schach gegen sich selbst spielt.

München, Hotel Bayerischer Hof: Oliver Masucci, 1968 in Stuttgart geboren, empfängt entspannt zum Gespräch über seinen neuen Film: In „Schachnovelle“ spielt er die Hauptrolle.

Mit „Schachnovelle“ hat Regisseur Philipp Stölzl das letzte Werk von Stefan Zweig (1881-1942) fürs Kino inszeniert; Oliver Masucci spielt die Hauptrolle. Im Interview wird deutlich, wie sehr dieser Stoff den Schauspieler umtreibt, der lange zum Ensemble des Wiener Burgtheaters gehörte, Rainer Werner Fassbinder in „Enfant Terrible“ (2020) verkörperte und durch die Netflix-Serie „Dark“ international bekannt wurde. Dabei war seine erste Begegnung mit Zweigs Novelle nicht gerade einfach für den Sohn eines Italieners und einer Deutschen, erzählt er.

Wann ist Ihnen das Werk von Stefan Zweig erstmals untergekommen?

Oliver Masucci: Das war in der Schulzeit – und es war unfreiwillig. Denn damals hatte ich das Gefühl, ich sei der deutschen Sprache nicht mächtig und bin eigentlich ein italienisches Ausländerkind. Damit wurde ich oft gehänselt. Als Reaktion habe ich das Deutsche von mir weggeschoben, weil ich dachte: Das kann ich nicht, ich bin Italiener.

Sie hatten Sorge, die Texte könnten Sie überfordern?

Oliver Masucci: Ja. Wenn du ausgegrenzt wirst, nimmst du irgendwann eine solche Position ein und grenzt dich selbst aus. Ich habe gedacht: Ach nee, ich bin der Itaker, mein Papa kann das nicht, ich kann das nicht. In meiner Familie hatte keiner Abitur; ich habe keine bildungsbürgerliche Erziehung genossen und war der Erste bei uns, der auf ein Gymnasium gegangen ist.

Wann hat sich Ihr Verhältnis zur deutschsprachigen Literatur geändert?

Oliver Masucci: Es hat gedauert, bis ich mir das selbst zugetraut habe. Wenn ich in der Schule laut vorlesen musste, haben sich für mich die Sätze in Wörter und die Wörter in Buchstaben aufgelöst, die dann in meinem Kopf getanzt haben. Das hat sich geändert, als mich meine Deutschlehrerin in die Theatergruppe geholt hat. Durch das Hineinversetzen in andere Rollen konnte ich plötzlich frei reden. An der Schauspielschule musste ich dann all das, was ich in der Schule weggeschoben hatte, erst einmal nachlesen. In der Zeit war zum Beispiel das Fernsehen, das damals ohnehin nur Unsinn produziert hat, ganz weit weg für mich. Ich wollte dort sein, wo die Texte sind.

Wie war dann jetzt die Wiederbegegnung mit der „Schachnovelle“ für Philipp Stölzls Film?

Oliver Masucci: Ich habe sie auf dem Flug zum Casting gelesen und war mir nicht sicher, ob ich mich wirklich mit Schizophrenie beschäftigen möchte. Denn bei diesem Thema kannst du nicht einfach nur ein Gesicht aufsetzen. Außerdem habe ich Schizophrenie in der Familie, mein italienischer Onkel hört Stimmen aus seiner Kindheit, und wir sind über viele Jahre nicht an ihn herangekommen. Da denkt man dann automatisch darüber nach, ob man selbst auch die Veranlagung dazu hat.

Was hat Sie dazu bewogen, die Rolle dennoch anzunehmen?

Oliver Masucci: Die Tatsache, dass Schizophrenie die Ausflucht ist, die eine Seele wählt, wenn das Leid so groß ist, dass der Mensch es nicht mehr ertragen kann. Dann sucht man sich ein Paralleluniversum, in dem man existieren kann. Meine Figur, Dr. Bartok, gewinnt letztlich durch die Schizophrenie gegen ihren Peiniger, den Nazi – um den Preis ihres Verstandes. Das ist das Spannende an dieser Figur.

Wie charakterisieren Sie Dr. Bartok?

Oliver Masucci: Bartok ist ein Kämpfer, der ums Verrecken nicht nachgeben will. Es geht ihm nicht um das ihm anvertraute Geld seiner Klientel, das er vor den Nazis verstecken will. Es geht ihm um die ungehobelten Manieren dieser Menschen – dabei ist er kein Widerstandskämpfer.

Sondern?

Oliver Masucci: Ein Mann aus dem Volk, dem Unrecht widerfährt – und er reagiert, indem er zum Nazi-Kommandanten sagt: Du bist so ein Arschloch, so ein ungehobelter Flegel – ich möchte mich dir nicht unterwerfen. Das ist etwas sehr Persönliches. Der einzige Ausweg ist die Flucht in die Schizophrenie. Er spielt Russisch Roulette um den Preis seines eigenen Verstandes.

Der Film blickt sehr viel tiefer in den Abgrund, als das Stefan Zweig tut...

Oliver Masucci: Ja, das war die Prämisse. Man kann Literatur niemals eins zu eins abfilmen – man muss eine Auswahl treffen. Außerdem verführt man das Publikum auf eine Weise, wie es die Vorlage nicht tut. Wir nehmen die Zuschauer mit auf eine Reise.

Es fällt auf, wie genau die Details dieser Reise gestaltet sind. Da sehen wir etwa, wie sich im Nachtkastl immer mehr Zigaretten sammeln, sodass jeder weiß, wie lange Bartok gefangen gehalten wird...

Oliver Masucci: Die Zigaretten im Nachtkastl waren von Beginn an gesetzt. Das Drehbuch war sehr ausgearbeitet. Stölzl ist ein Regisseur, der von der Bühnenbildnerei kommt: ein visueller Typ, der sich irre intensiv auf das Projekt vorbereitet hat.

Bartok hat zwar Zigaretten, aber kein Feuer. In der Rolle schnipsen Sie mit dem Finger, als hätten Sie ein Feuerzeug in der Hand.

Oliver Masucci: Das Schnipsen ist im Moment entstanden. Das ist das i-Tüpfelchen, das der Schauspieler einem so gewissenhaft ausgearbeiteten Drehbuch hinzufügen kann.

Dominik Graf hat gerade Kästners „Fabian“ verfilmt, Stölzl die „Schachnovelle“ und Detlev Buck den „Felix Krull“. Ist es Zufall, dass diese drei großen Texte der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts gerade jetzt auf die Leinwand kommen?

Oliver Masucci: Ich weiß nicht, ob man daraus Rückschlüsse auf unsere Zeit ziehen kann. Diese Stoffe sind ja immer da.

Zweig und Kästner erzählen vom Aufstieg des Nationalsozialismus – und damit vom Erstarken der Extreme...

Oliver Masucci: Ich glaube nicht, dass die Kreativen sagen: Oh, der Diskurs in Deutschland hat an Schärfe gewonnen, lass’ uns „Fabian“ oder die „Schachnovelle“ machen. Aber natürlich suchen wir als Zuschauer den Zusammenhang mit dem Heute. Und es stimmt ja: Auseinandersetzungen sind radikaler geworden – auch durch Corona und die Impfdebatte. Das macht mir Angst, ich mag keine Extreme. Aber wir leben in einer Zeit, in der stark polarisiert wird.

Kann die Kunst hier dagegen wirken?

Oliver Masucci: Ja. Die Kunst muss Dinge benennen. Aber das ist schwierig, weil man heutzutage sehr schnell in eine Richtung gedrängt wird. Die Kunst macht das manchmal leider auch von sich aus, sie grenzt sich damit selbst aus. Ich habe ja mal den Fassbinder gespielt: Der war nicht einzuordnen in links oder rechts, sondern der hat einfach gesellschaftliche Prozesse beobachtet und sich dazu seine Gedanken gemacht. Solche Leute, die durchs Elektronenmikroskop auf unser Leben schauen, sind im Moment rar. Heute wird alles viel zu schnell in Schubladen oder Ecken gedrängt. Wir als Gesellschaft müssen aufpassen, dass wir Leute, deren Meinungen vom angenommenen Mainstream abweichen, nicht gleich verteufeln.

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